Gedanken und Hintergründe zu einer Studienreise nach Äthiopien

Äthiopien ein uraltes Kulturland

Eine Reise auf dem Dach von Afrika im November 2015

Die Armut schaute uns lächelnd an, als wir in einem äthiopischen Dorf aus unserem Reise-Bus auf den abgründigen Matsch der Dorfstraße schauten. Es hatte noch Anfang November kräftig geregnet. So erlebten wir etwas Seltenes.1 Die Menschen auf ihren Wegen zur Arbeit auf ihre Äcker, zum Holzsammeln oder zur Schule gehen hüpften um die Matsch-Löcher herum. Ein quirliges Treiben, Winken und Lächeln. Eigentlich ist im November Trockenzeit und ein Reisebus wirbelt auf der Durchfahrt durch das Dorf normalereise Sand und Staub in die Gesichter und in die Kleidung der emsig beschäftigten Leute. In diesem Jahr war wegen „El Ninjo“ alles anders. Im östlichen hohen Bergland bei den Quellen des Blauen Nils war immer noch Regenzeit und die Äcker standen blank. Im östlichen Hochland und in der Tiefebene war der Regen ausgeblieben.
Unser Bus quälte sich langsam um die Matsch-löcher herum. So konnten wir die Menschen etwas länger und genauer ansehen. Und immer kam uns ein mit den Augen winkendes Lächeln entgegen!
Die Dorfbewohner müssen überall zu Fuß hingehen. Private Autos gibt es nicht, nur Dreirad-Tuk-Tuks. Die Karren werden von Menswchen gezogen oder geschoben, eine Knochenarbeit. Die Äthiopier sind ein Fußgänger-Volk. Viele tragen das, was sie irgendwohin bringen möchten, auf dem Kopf.
Die Kinder gehen winkend in hellblauer Uniform zu den Gemeinschaftsschulen, die weit weg liegen. Die Schulpflicht wird offensichtlich von der Dorfbevölkerung ernst genommen. Wenn wir unterwegs einmal unseren Bus (Käfig) verließen und ein Stück des Weges mit den Einheimischen zu Fuß gingen, wurden wir von ihnen umringt, fröhlich und nach „money“ bettelnd begrüßt. Ich empfand es weder lästig noch Mitleid erregend. Denn aus den Augen schaute auch die Neugier nach den anders aussehenden Menschen, denen man mit Charme begegnen wollte.
Viele Menschen sind sehr schön, zierlich und hoch gewachsen. Die jungen Gesichter sind noch nicht gezeichnet von der Armut. Die Spuren der Armut sieht man aber in den müden Augen der Alten. Wenn ich an das Gejammere der Europäer denke, die diese Armen nicht bei uns in Europa haben wollen! Wir brauchen vor ihnen keine Angst zu haben. Die armen Äthiopier werden nicht kommen. Dazu sind sie viel zu stolz auf ihre Freiheit von uns Europäern. Diese Armen in Äthiopien zeigen uns ihren Stolz. Schon die Schul-Kinder der 7./8. Klasse präsentierten uns stolz, was sie gelernt haben. Doch ist diese Haltung nicht herablassend. Wenn man mit den Schülern ein Stück des Weges geht und sie dabei auch wirklich anschaut, sind sie wunderbar liebenswerte Geschöpfe. Sie wollen lernen und nach der Schule studieren. Doch Arbeit werden sie noch auf Jahre hinaus im eigenen Land nicht finden.
Manch ein Mutiger von ihnen macht sich dann vielleicht doch auf den lebensbedrohlichen Weg nach Europa, obwohl sie alle wissen: „Europa will die Afrikaner nicht.“
Am schlimmsten ist für sie, wenn wir sie in ihrer Armut bemitleiden oder verklemmt und wortlos wegschauen. Die deutsche Politik und Wirtschaft hat in den vergangenen 25 Jahren dieses große Volk nicht genug beachtet. Wir  kennen nur die dortigen Hungerkatastrophen. Besonders in Erinnerung ist die von 1973. Die Dürrezeiten kehren immer wieder, denn der Regen bleibt häufig aus. Afrika leidet zunehmend unter dem Klimawandel.
Es regnet in Ostafrika trotz der Nähe zum Äquator nicht wie bei uns gleichmäßig über das Jahr verteilt, sondern nur in den Regenzeiten. Ein halbes Jahr von Oktober bis März dauert die Trockenzeit. In dieser Zeit sind die Ackerböden so ausgedörrt, dass sie nicht gepflügt werden können. Der Boden ist hart wie Stein. Die Frauen gehen in dieser Zeit weite Wege zu den Bächen, waschen die Wäsche und bringen Trinkwasser hinauf ins Dorf. Die Frauen müssen auch das Holz für den Herd sammeln. Das alles tragen sie auf ihren Köpfen oder Rücken zu den Feuerstellen in ihren Häusern, um dort Essen zu kochen. Wir sahen auch alte Frauen beim Holzbündel-Schleppen, die schon ohne Lasten gekrümmt waren.
Wo wir Touristen, selbst schon etwas wackelig auf den Beinen, vorsichtig von Stein auf Stein traten, um hinab zum blauen Nil zu kommen, gingen diese alten Frauen mit ihren Lasten sicheren Schrittes. Manche junge Leute sind Künstler im Lasten schleppen. Auf einer Straße in Addis Abeba sah ich am letzten Tag unserer Reise einen solchen Trage-Künstler. Er balancierte zwanzig Matratzen auf einander gestapelt auf seinem Kopf durch den Großstadtverkehr.
Das Leben im Dorf ist quirlig und in ständiger Bewegung. Unter Bäumen sitzende Äthiopier – wie sich Europäer so Afrikaner vorstellen - sahen wir, aber nur mittags.
Dann steht die Sonne in Zenit. In dieser extremen Sonnen- Einstrahlung laufen nur Touris herum und dann noch ohne Kopfbedeckung!
Unser Reisebus quälte sich an jenem Morgen durch den Matsch der Straße langsam an den armseligen Häusern des Dorfes vorbei. Für die dreißig Kilometer zu den Wasserfällen des Blauen Nils brauchte er über eine Stunde. Es geht alles langsam auf dem Lande voran. Die Menschen arbeiten zwölf Stunden von Sonnenaufgang bis -untergang. Mit dem Sonnenaufgang beginnt die Stunde eins. Mittags ist es sechs Uhr, dann steht die Sonne senkrecht. In Äthiopien, das nahe am Äquator auf der nördlichen Halbkugel liegt, sind das ganze Jahr hindurch Tag und Nacht gleich lang, also jeweils zwölf Stunden. Eine europäische Sommerzeit gibt es natürlich nicht. Es ist eine immer gleich bleibende Natur-Uhr.
Wenn die Sonne abends um zwölf (bei uns 18 Uhr) untergeht, umfängt alles Leben die zwölfstündige Nacht.
Die Sterne leuchten und glitzern intensiver als bei uns am Nachthimmel. Ihre Milliarden-Fülle, die wir in unseren Städten nicht sehen, ist überwältigend. Sie funkeln und strahlen als seien sie die himmlischen Heerscharen. Die Milchstraße ergießt sich im Zenit breit über den Nachthimmel. Und doch ist hier unten auf dem Dach Afrikas schwarze Nacht.
Was „schwarze Nacht“ ist, kann man im Hochland Äthiopiens erleben! Am Sonntag strömen die Menschen in weißen Kleidern früh morgens, wenn es noch dunkel ist, zum Gottesdienst. Die Äthiopier glauben innig an Gott. Maria als Fürsprecherin steht im Zentrum des Gebets. Die Kirchbauten liegen wie große runde Zelte auf den Hügeln über den Dörfern. Sie tragen ein leuchtendes rund geformtes
und ornamental geschmücktes Kreuz mit sieben Straußeneier als Symbol des Leidens Christi.
Im östlichen Hochland, durch das wir in den ersten Tagen fuhren, gibt es nur wenige Moslems. Hier sind die meisten Menschen Christen.
Ein Kopftuch trägt die Frau nur bei der staubigen Arbeit, z. B. beim Steine klopfen für den Straßenbau. Es gibt durchaus eine geordnete Alltags-Kultur auf dem Lande, die den Menschen Heimat gibt. Geschätzt sind von der äthiopischen Bevölkerung 55% Christen und 45% Moslems, die in friedliche Koexistenz miteinander leben. Die Fundamentalisten hält man sich vom Hals. Die Grenzen nach Eriträa und Somalia sind hermetisch abgeriegelt.
Die kleinen Wohnhäuser wurden früher als Rundlinge aus Lehm und Stroh gebaut. Seit einhundert Jahren gedeiht der aus Australien importierte schnell wachsende Eukalyptus-Baum in Afrika. Seitdem werden die Häuser aus hochragenden Eukalypthus-Stangen, die dicht neben einander eingepflockt werden, sehr stabil gebaut. Die dicht stehenden Stangen werden mit Lehm und Stroh verschmiert und
von innen und außen abgedichtet. Das Runddach wurde früher aus Reet gedeckt.
Heute ist es mit Wellblech bedeckt. Drinnen ist ein Raum für die ganze große Familie. Es gibt eine Kochstelle, Elektrizität aber kaum.
Am zweiten Reise-Tag erlebten wir noch die Nässe und die matschigen Straßen. Am dritten Tag war alles abgetrocknet. Am Mittag, als die Sonne hoch stand, war schon der Matsch in Staub verwandelt. So zog eine dicke Staubwolke hinter unserem großen Bus her. Beim zurückschauen versanken darin die Gestalten wie im Nebel. Trotzdem sahen wir sie winken, diese in Staub gehüllten Menschen.
Die Armut auf dem Lande hat die Menschen nicht stumpf oder depressiv gemacht.
Man heitert sich aber auch auf, wenn man zwischendurch an einem „Khat“-Stengel kaut. Khat ist eine stimulierende Pflanze.
Ich hatte den Eindruck, Armut hat den Stolz der armen Bauern nicht gebrochen.
Auch hält sich die Landflucht in Äthiopien in Grenzen. Es leben immer noch 80% der Menschen auf dem Lande. Der Staat tut einiges, damit die Menschen in ihren Dörfern bleiben. Die Straßen in den Dörfern werden nach und nach gepflastert, die Fernstraßen von den Chinesen ausgebaut und geteert. Die chinesische Wirtschaft hat nicht nur Äthiopien im Griff mit einer etwas dezenteren Art von Kolonialismus. Wir sahen unterwegs immer wieder neu gebaute Schulen und Krankenstationen. Es gibt einen Deal zwischen der Regierung und den Bauern. So bekommen diese in schlechten Erntezeite – und die sind häufig – einen Ausgleich, um die Familie zu
ernähren, dafür aber müssen sie in der Trockenzeit, in der man sowieso nicht ackern kann, für den Straßenbau Steine hauen. Wir sahen dies in Lalibela, wo am Straßenrand Kolonnen von „Steinmetzen“, Frauen und Männer, hämmerten.
Mit solchen Programmen wie sie schon die Alten Ägypter zur Zeit des Bau der Pyramiden fuhren, behält man die Menschen in ihren Dörfern. Wohin sollten sie auch schon gehen?
Die meisten Städte sind nur staubige geplatzte Dörfer bis auf Ausnahmen wie Bahir Dar am Tanasee und die alte Kaiserstadt Gondar!
Die einzige Großtadt ist Addis Abeba. Dort hielten wir Ausschau nach Slumsiedlungen. Es soll sie geben. Wir bekamen keine zu sehen. Dazu fehlte die Zeit. Wir sahen aber in Lalibela neu gebaute Wohnsiedlungen am Stadtrand, die mit Wasser und Elektrizität zentral versorgt werden. Lalibela ist Weltkultur-Erbe wegen der Felsenkirchen! Die neuen Häuser waren im Stil der alten gebaut. Rundlinge,
unbewohnt, sahen wir aber überall auf den Hügeln.
Es tut sich was in diesem armen Land, auch auf dem Dorf! Und wir freuten uns, die Anfänge dieses zivilisatorischen Aufschwung zu erleben. Eins war spürbar in dem quirligen Leben: „Die Menschen sind nicht faul!“ und dumm sind sie alle mal nicht.
Die Äthiopier sind ein heiteres Kulturvolk. Was sich hinter den hellen Gesichtern versteckt, bleibt ihr Geheimnis. Trotzdem bewegt mich die Frage: „Woher kommt der heitere Stolz dieses Volkes?“ Macht Leiden stark? Oder steckt in den Menschen ein Jahrhundete alter, tief verwurzelter Glaube, der ein geduldiges Vertrauen gibt? Wie kam es dazu, dass dieses Volk auf dem Dach Afrikas sich vom Volk Israel so anziehen ließ, dass es Mose und seine beiden Gesetzestafeln dreitausend Jahren verehrt hat? Die Zehn Gebote werden in der Bundeslade in der Marien-Kirche in Axum aufbewahrt.
So entstand eine lange Kulturgeschichte, die vor 3000 Jahren in Axum begann. Sie ist es, die wir in den kultivierten Zügen vieler Äthiopiersich widerspiegeln sahen. Ihre Kaiser leiten sich vom Stamme Davids ab. Die Legende erzählt, der Urvater aller
Kaiser sei der jüdische König Salomo gewesen. Denn ihre Königin, die den Titel Königin von Saaba trägt, zeugte mit Salomo ihren erstgeborenen Sohn, Menelik, der der erste Kaiser der Äthiopier wurde.

In Lalibela, das im trockenen westlichen Hochland liegt, erbauten die Kaiser des 12. und 13. Jahrhunderts ein Neues Israel, ein Neues Jerusalem. Den Fluss, der durch diese Residenzstadt fließt, nannten sie Jordan.
Wenn wir nun durch das heute so arme Land reisen, kann man durchaus annehmen, dass das in sich ruhende Selbstbewusstsein dieses Volkes etwas mit seiner langen stolzen Geschichte zu tun hat. Dieses Volk hat sich von den Kolional-Mächten nicht versklaven lassen. Es war der Kaiser Menelik II., der im Jahre 1898 ein italienisches Heer vernichtend schlug und den Engländern das Betreten ihrer Landes verbaten.
Auch den nach Afrika drängenden christlichen, besonders katholischen, Missionaren wurde der Zutritt verboten. Vielleicht kommt die Würde dieses Volkes aber auch aus dem Marien- und Engelglaube, der die Herzen dieser Menschen erfüllt. Die geflügelten Engel-Köpfe mit den großen Augen, die wir auf der Kassettendecke der kaiserlichen Kirche in Gondar sahen, erzählen vom Leiden der Kinder, denen die Köpfe abgeschlagen worden waren. Sie sind in den Himmel erhoben worden und zu Engeln geworden. So entstand der Glaube, im Himmel hat jeder Mensch seinen Engel, der ihn auf Erden schützt, ganz im Sinne von Jesus, der die Kinder unter den besonderen Schutz Gottes stellte.
Im Matthäusevangelium sagt er: „Sehet ihr (Erwachsenen) zu, dass ihr nicht einen dieser Kleinen verachtet! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen alle Zeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.“ (Matth. 18 Vers 10). Ihre Engel im Himmel sind wie die Sterne. Der äthiopischen Nachthimmel lässt uns staunend fragen. „Weißt Du wieviel Sternlein stehen...“ Sie sind alle lebendige Kinder am Firmament.
Sternkinder ist ein wunderschönes Wort für die totgeborenen und toten Kinder. Im Leuchten der Sterne haben nicht nur die Äthiopier schon vor Jahrhunderten die toten Kinder engelgleich gesehen. Das haben wir in diesem Jahr so ergriffen wahr
genommen in dem Bild, das im Fernsehen gezeigt wurde von dem toten Flüchtlingsjungen am Strand von Bodrum.
Ich habe einen Traum. Jesus ging zu den Armen nach Äthiopien. Dort heilte er die Lahmen und die Blinden und gab ihnen das Sternenlicht der Engel in ihr Herz und verkündete den Armen die neue bessere Welt Gottes.
Ich werde eine Begegnung auf dem Markt in der Stadt Bahir Dar am Tana-See nicht vergessen. Es wurde schon dunkel. Da kam humpelnd ein alter Mann auf mich zu. Er sah mir mit einem starken Blick in die Augen. Ich konnte meine Augen nicht
abwenden und sah seine. Dann zeigte er mir seine nackten Beine und Füße voller Schwären: „Giv me shoes!“ Ich konnte ihm nicht helfen, aber ich werde seinen Blick nicht los.
Auf den quirligen Märkten, wo Bauersfrauen auf nacktem Boden Kartoffeln verkauften, war die äthiopische Armut zu sehen. Sie muss überwunden werden!
Denn diese Armen haben ihre Engel im Himmel, die als Sterne herableuchten. Deshalb müssen wir hier auf Erden für die Armen mehr tun! Die Stellung der Frau in der christlichen Gesellschaft ist wesentlich freundlicher und freier als in der moslemischen Welt. Sexualität ist im äthiopischen Denken keine Sünde an sich. Viele Frauen und Mütter sind jung Witwen geworden durch AIDS, die Geißel Afrikas. Durch AIDS aber hat die Prostitution in Äthiopien so zugenommen, dass sie zu einem gesellschaftlichen Problem geworden ist.
Die Erotik ist für Äthiopier ein positives Spiel des Lebens!
In Äthiopien kann eine Frau sich auf der Straße, unbehelligt von Männern, angstfrei bewegen. Sie trägt auch kein Kopftuch, sondern zeigt ihr schönes Haar und Gesicht. Eine Hure wird in der äthiopischen Gesellschaft nicht moralisch herabgesetzt und verachtet. Eine andere Geißel sind die Augenkrankheiten in Äthiopien. Viele Menschen sind blind. Für die blinden Kinder wird viel getan. Wir besuchten in der evangelischen Kirche in Addis Abeba eine Schule, in der auch behinderte Schüler inkludiert sind. Unter anderem waren wir in einer Klasse, in der blinde Kinder unterrichtet wurden. Diese haben fürs Leben eine Chance! Wer sonst von Kindheit an behindert ist, wird
von der Großfamilie aufgefangen, doch häufig ist der zum Bettlerdasein verdammt. Der äthiopischen Staat steht in Armutsskala der Völker der Erde auf Platz 169 von insgesamt 178 Staaten. Damit beende ich das Thema, das mich auf dieser Reise am meisten bewegt hat.

Das Paradies in Äthiopien
Noch heute noch liegt auf den grünen Dach Afrikas der Garten Eden. Hier entspringt der Blaue Nil. Wo seine Quelle in den Bergen genau liegt, ist immer noch ein Geheimnis. Er fließt jedenfalls durch den größten Binnensee Äthiopiens, den Tana See, der siebenmal mehr Fläche hat als der Bodensee. Dieser Tanasee hat im Südost-Ufer einen Überlauf, den zum Blauen Nil wird. Dreißig Kilometer fließt er träge ohne viel Gefälle dahin, bis er an einer fast fünfzig Meter abfallenden Kante mit seinen Wassermassen in die Tiefe stürzt. Dieses
Naturschauspiel haben wir auf einer Wanderung sehen können. Auf etwa 400 Meter Breite brodeln die Wassermassen. Unten in die Tiefe ist der Blaue Nil dann wieder ein schmaler Gebirgsfluss, der sein Bett ins Gestein gegraben hat. Er windet sich durch die Tafelberge nach Osten, dann fließt er nach Süden und wendet sich nach Westen. Bei Kartoum, der Hauptstadt des Sudan, trifft er mit dem weißen Nil
zusammen. Beide fließen dann in einander behäbig auf weiteren 5000 Kilometern nordwärts, um Ägypten fruchtbares Ackerland zu bringen. Das Paradies aber liegt hoch oben am Tanasee in einer der fruchtbaren Hochebenen Äthiopiens. Die Schöpfungsgeschichte hätte auch hier lokalisiert werden können. Die äthiopische EVA heißt LUCY. Als man sie in der Erde Äthiopiens fand, ging gerade
der Beatle-Song „Lucy“ um die Welt. Ihr Alter wir auf drei Millionen Jahre geschätzt.
Sie ist sozusagen die Urmutter der biblischen Eva, die schon weiter entwickelt eine homo sapiens war. Diese kleine Dame ist gut einen Meter groß und ist im Nationalmuseum in Addis zu betrachten. Von Äthiopien, so kann man durchaus behaupten, ging die große
Wanderung des homo sapiens los, bis er im Norden als Weißer Mann ankam. Warum der Mensch aber den Garten Eden verließ, bleibt sein Geheimnis. War es wirklich eine Strafaktion des Schöpfers gewesen? Oder war der Garten irgendwann voll und einige mussten raus in die Fremde und ihr Glück suchen?
Auf dem Dach Afrikas rund um den Tansee, in den grünen Hügeln von Gondar waren wir für ein paar Tage wie im Garten Eden.
Wir schauten aus dem fahrenden Bus auf die arbeitenden Bauern. Auch im Paradies musste der Mensch im Schweiße seines Angesichtes arbeiten! Das Land ist bis in die Höhen von 2500 Metern in Terrassen kultiviert. Wir sahen reif werdende Kornfelder an den Hängen der Tafel-Berge. Wir staunten, dass in solchen Höhen alles so üppig grünt und blüht. Hier oben liegen auch die Dörfer und kleinen Städte. Die Menschen leben nicht in den Tälern. Da ist es viel zu heiß.
Außerdem ist auf dem äthiopischen Hochland die Erdkrume fett und schwarz. Mit einem Holzpfug, den ein Gespann Ochsen zieht, bricht der Bauer nach dem Regen ganz leicht die Erde auf.
In guten Jahren kann er dreimal pflügen, säen und ernten. Doch wehe, wenn es nicht genug geregnet hat! Da wird diese so lockere weiche Erde hart wie Stein und lässt sich mit den Holzpflügen nicht aufreißen. Ja, wenn es nicht genug geregnet hat, kann das Paradies ein Ort des Hungers werden.
Was wir in den Dörfern Äthiopien sahen, war bedrückende Armut, auch wenn wir den Anblick eines grünen Gartens erlebten.
Trotzdem lasse ich das Wort „Paradies“ stehen! Denn den spannungsvollen Widerspruch zwischen Paradies und Armut müssen wir auch anderswo im Leben aushalten.
Wir waren mit einer Propeller-Maschine von Addis Abeba nach Bahir Dar am Tanasee geflogen. An seinem Ufer sieht man das üppige Grün, wie es sich in den See neigt. In den Bäumen und Büschen singen jetzt laut die Vögel – es ist ja Frühling in Äthiopien! Wir waren von einem Paradiesgarten umgeben. Am nächsten Tag stiegen wir durch das Gesträuch des wilden Kaffees vom Seeufer einen Hügel hinauf. Die runden Bohnen des wilden Kaffeesrauches werden geröstet. Wo Frauen in der freien Natur über einem Holzkohlefeuer die Kaffebohnen rösten, treibt einem der Wind den Duft des exzellenten Kaffees in die Nase. Der aufgebrühte Kaffe ist dann ein
Hochgenuss. Damit verdienen sich Frauen überall, auch auf den Flughäfen, ein paar Birrs.
Oben auf dem Hügel stand umgeben von Bäumen eine von außen ganz schlichte, rund gebaute Kirche. Ein verziertes Kreuz strahlte auf dem Reet gedeckten Dach in den Himmel. Im äthiopisch-christlichen Glauben ist Ostern wichtiger als Karfreitag.
Im Schatten der Bäume ruhten wir uns vom Aufstieg aus, hörten den Gesang der bunten Vögel und sahen den Affen zu, wie sie sich von Ast zu Ast schwangen. In der Kirche bestaunen wir die reinen Farben, in denen die biblischen Geschichten gemalt waren. Einen Augenblick lang waren wir im Paradies der Farben! Verweile doch! Der Himmel ist so nah!
Der Tana-See liegt in 1800m Höhe eingebettet von den bis zu dreitausend Meter hohen Bergen. Die Kegelberge sind erkaltete Vulkane. Die Tafelberge sind typisch für das Dach Afrikas, das nicht durch Faltung wie der Himalaja oder die Alpen entstanden ist, sondern durch Erhebung aus der Erd-Tiefe.
Rings um den Tana-See liegt also einer der Paradiesgärten Äthiopiens. An vielen Stellen sind seine Ufer von Papyrus-Dickicht bedeckt. Die Boote, die auf dem Tana-See schwimmen, sind aus Papyrusstengeln gebaut. Auf ihnen werden frisch  gepflückte grüne Kaffebohnen in die Städte gefahren oder die Fischer werfen von ihnen ihre Netze aus. Dann umfliegen und umschwimmen Riesenvögel, die Marabus,
die Boote. Wir fuhren mit einem nur für uns gecharterten kleinen Motor-Schiff von Bahir Dar aus nach Norden. Einen ganzen Tag waren wir im kühlenden Seewind auf dem Wasser, machten unterwegs Halt bei Klöstern und Rundkirchen und bestaunten die äthiopische Farbenwelt der gemalten Bilder. Der Reigen der Bilder aus der Heilsgeschichte ist derselben wie bei uns in Europa, aber die Malerei ist eine ganz andere!
Am Nachmittag bildeten die weißen lieblichen Wolken einen Kranz um den See. Doch einige erhoben sich zu gewaltigen Gewittertürmen auf von großer Pracht. Diese kamen aber nicht über das Wasser. Im Gebirge aber regnete es. So genossen wir auf dem Schiff im Sonnenschein die bizarren Wolkenberge. Es war ein Tag ohne Uhr wie im Paradies. Wozu braucht man auch in Äthiopien eine Uhr?!

Gondar
Wir fuhren vom Tanasee nach Norden in die Hügel-Welt von Gondar, das eine Residenzstadt der äthiopischen Kaiser im 17. und 18. Jahrhundert gewesen war. Auch sie liegt im Grünen. Weitläufig erstreckt sie sich zwischen den Hügeln.
Von unserem Hotel, das hoch über der Stadt lag, hatten wir einem weiten Blick in die Senke des Tanasees und die umliegenden  Dreitausender. In Gondar begegnen sich Himmel und Erde. Ich erwähnte schon das Deckenbild mit den vielen engelhaft geflügelten Kinderköpfen in der Kaiser-Kirche, die wie alleKirchen auf einem Hügel liegt und den Namen Debre Berhan Selassie trägt. Sie ist nicht ein rund, sondern als Basilika aus Bruchsteinen gebaut. Der lang gestreckte Bau wird durch einem Pfeiler-Umgang zu einem architektonischen Meisterwerk. Die Wände innen sind mit Geschichten bemalt, besonders ausführlich ist die Marienlegende dargestellt, die die Nordwand ausfüllt.
Von den Palästen der Kaiser aus dem 17. und 18. Jhd.stehen nur noch Ruinen in dem wunderschönen Parkgelände. Besonders  beeindruckend war auch hier der Gesang der bunten Vögel – ein Frühlingskonzert im November. Ein Webervogel baute an seinem Nest. Ja! Es ist in Äthiopien im Oktober und November Frühling, wenn bei uns die Natur verstummt unddie Blätter fallen.

Das Simien-Gebirge

Im Norden des Hochlandes erhebt sich eine bis zu 4500 Meter zerklüftete Bergwelt, zu der wir, nachdem wir das grüne Gondar verlassen hatten, in endlosen Kehren hochfuhren, begleitet von einem immer noch grünen Bergpanorama. Auch in dieser Höhe ackern die Bauern auf ihren Feldern und bauen zum Trocknen ihres Getreide, das sie in Diemen aufstellen. Wir machten Halt in einem Dorf, in dem  Jahrhunderte lang Äthiopier gelebt haben, sog.schwarze Juden. Sie wurden vor einigen Jahren nach Israel ausgesiedelt in einer Nacht- und Nebelaktion, die zwischen Israel und Äthiopien abgemacht worden war. Warum? Im Dorf leben heute christliche Äthiopier, die sich auf das Töpfern und andere Handwerkskünste verstehen. Unter anderem verkaufen sie die Figuren von der Königin von Saaba und dem König Salomo. Deren Geschichte ist sehr volkstümlich und verbindet alle äthiopischen Völker. Hier auf ca. 3000 Meter wurde es plötzlich empfindlich kühl, als die Sonne von Regenwolken bedeckt wurde. Diese Kälte bekamen wir nachts zu spüren, als wir in den Rundhütten einer Lodge trotz Woll-Decken froren. Dafür bestaunten wir nach dem Regen in der schwarzen äthiopischen Nacht den Sternenhimmel, der noch intersiver leuchtete als am Tanasee. Am Morgen bestrahlte die aufgewachte Sonne die bizarre Bergwelt. Diese Reise durchs Gebirge hatte es wirklich in sich! Nach einem rustikalen Frühstück ging es in kleineren Bussen auf Schotterstraßen um das Simien- Gebirge herum. Wir wurden acht Stunden lang auf der sepentinenreichen Schlaglochpiste durchgeschüttelt. Natürlich machten wir Pausen, auch um die Bilder dieser Tafel-Bergwelt in uns aufzunehmen. Das Simien-Gebirge ist die Krone des äthiopischen Hochlandes, das gegenüber unserem kleinen Europa unvorstellbare Ausmaße hat.Von Nord nach Süd erhebt es sich weit über tausend Kilometer und
umfasst etwa die Fläche von Mitteleuropa. Deutschland passt dreimal in die Fläche von Äthiopien hinein. Wir kamen am Abend endlich in Axum an, das fünfzig Kilometer südlich von der Grenze zu Eriträa liegt. Heute ist die Grenze von beiden Seiten hermetisch geschlossen. Früher aber war es ein in sich einheitlicher Besiedlungsraum des Volkes der Tigray. Durch die hermetische Abriegelung der Grenze sind viele Groß- Familien von einander getrennt worden. Man kann sich auch nicht per Handy erreichen. So kamen auch wir aus Axum nicht hinaus nach Deutschland. Das sind wohl staatliche Sicherheitsmaßnahmen. Aber es gibt in Äthiopien auch keine fundamentalistische
Terrorgruppen, wie sie bei uns in Deutschland vermutet werden.

Axum
die heilige Stadt und kulturelle Wiege Äthiopiens. Diese Stadt wird auch das zweite Jerusalem genannt. Denn in ihr steht in einer Kathedrale die Bundeslade Israels mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote. Sie wird streng bewacht. Die Kathedrale ist der Maria geweiht. Ihr Grundstein stammt vom Berg Zion in Jerusalem, so sagt man. So heißt diese Kirche Maryam Sion. Der erste Bau geht zurück ins 4. Jhd, als die Äthiopier als zweites Volk der Erde zum Christentum übergetreten waren. Sie ist zeitgleich um 350 n. Chr. mit  der Grabeskirche in Jerusalem gebaut worden. So war von Anfang an der Gedanke geboren, Axum ist das zweites Jerusalem. In beiden Städten verkörpert sich der geistige Zusammenhang zwischen der alten axumitischen Kultur mit dem Judentum und Christentum. Die Bundes-Lade Israels hat daher seine zentrale Bedeutung. Diese Legende von der Bundeslade ist historisch nicht zu überprüfen. Darauf kommt es aber auch nicht an, sondern auf das Bewusstsein im Volk dass es eine lange, stolze Geschichte hat, die mit dem Volk Israels verbunden ist. Die kulturellen Zusammenhänge Äthiopiens mit Ägypten und Syrien sind historisch noch viel früher erfassbar.
So gehen die Anfänge der äthiopischen Kultur in die Zeit der 5. Dynastie des Alten Reiches der Ägypter zurück. Unter dem Pharao Sahure, der von 2458 bis 2446 v. Chr. regierte, gab es schon Handelsbeziehungen zum Lande Punt, das möglicherweise das heutige Eriträa und Nordäthiopiens ist. Die Ägypter kannten schon damals dieses grüne und bewaldete Hochland. Von ihren Expeditionen und Handelsbeziehungen brachten sie Bäume mit in ihr baumloses Niltal. Von dort bezogen sie auch Gold und Weihrauch und Myrrhe. Kamen vielleicht die Heiligen Drei Könige zur Geburt des neuen Sohnes Davids auch aus diesem Wunderland? Sie brachten doch Gold, Weihrauch und Myrrhe mit, was es nur in dieser Gegend gab.
So erlebten auch wir in der Schönheit der Natur den Garten Eden. Doch was ist die Natur ohne den Geist, von dem der Mensch lebt. Welcher schöpferische Geist hat Menschen in dieser paradiesischen Gegend so edel und grazil geformt! In ihren gazellenhaften Körpern steckt eine mehr als dreitausend jährige Hochkultur, die mehr ist als unsere graue Zweck-Zivilisation! Sie hat etwas mit einem lebensbejahenden Geist zu tun, der in den Menschen steckt und der leise sagt: „Das Leben ist schön!“ So will es auch schön gestaltet werden!“Allein in der Kleidung zeigen dies die Äthiopier. Ihre weißen Sonntagskleider, in denen sie alle zur Kirche gehen, waren für uns eine Augenweide. Besonders die Kinder werden, wie ich es auch aus Polen kenne, wunderbar herausgeputzt. Ja! Das Leben ist schön! Man darf auch über all der Armut nicht die Widerstandskraft des Glaubens verlieren!Der Geist findet sich nicht nur in den körperlichen Formen wieder, sondern auch in der Musik und Schönheit der Sprache. Die Sprache ist ein höchstes Gut des Menschseins. Die Völker Ostafrikas sprechen alle eine Grundform von Sprache, die sich aus semitischen und kuschitischen Idiomen zu einer neuen Syntax  geformt haben. Diese Sprache heißt Ge´ez. Durch sie haben die Völker Äthiopiens eine Kultur. Achtzig verschiedene Völker leben in  Äthiopien und doch verbindet sie ein Geist, der den jüdischen, christlichen und arabisch- islamischen Glauben überbrückt. In Äthiopien gab und gibt es keine Glaubenskriege. Die Religionen leben hier in Koexistenz mit einander, obwohl das Christentum als Staatskirche dominiert. Organiserte Missionierung ist seit alters her in Äthiopien unerwünscht. So haben die christlichen Kaiser die missionierenden   Jesuiten im 18. Jhd. aus dem Lande gebeten. Nicht einmal 1% der Bevölkerung ist römischkatholisch. Auch die sonst im Gepäck der Kolonialmächte mit geführte Missionare wurden abgewiesen. Nicht religiöse Gegensätze bestimmen die Kultur des Landes, sondern die Integration der vielen unterschiedlichen Völker zu einer Gesamt-Gesellschaft ist das das Ziel staatlichen Handelns. Die Integration ist aber immer bedroht durch partikulare Stammesinteressen, und durch ein von außen geschürtes nationalistischen Denken. Der universelle Geist der Menschlichkeit ist es aber, der Grenzen überwindet und der Brücken baut über Zeiten und weite Räume hinweg. Die uralte Geschichte des Gegensätze verbindenden Geistes hat also ihren historisch Ort im Lande Punt. Wir wissen durch die Reliefbilder aus der Pyramide des Pharao Sahure (2458 – 2446) von der Handels-Expedition zu diesem Land. Tausend Jahr später 1480 v. Chr. erzählt  die Pharaonin Hatschepsut in Bildergeschichten von einer weiteren erfolgreichen Expedition in dieses Land. Dazu wurden große Schiffe gebaut, denn die Reise ging nach Süden über das Rote Meer. In vielen Bildern im Totentempel der Hatschepsut in Luxor ist diese Expedition dargestellt. Das Alte Testament erzählt eine Expedition des jüdischen Königs Salomo. Diese soll im Jahre 940 v.Chr. nach Punt stattgefunden haben. Die Bibel nennt dieses Land Ophir. Die Expedition ging per Schiff vom Hafen von Akaba aus, das am   Nordende des Roten Meeres liegt.  Es ist wohl wahrscheinlich, dass das Rote Meer im Laufe der Geschichte ein Handels-Seeweg zum Horn von Afrika war. Wo aber war das Land Punt? Die jetzt verdichtenden Forschungsergebisse der Archäologie und der  Sprachwissenschaft weisen auf ein kulturell und wirtschaftlich hochstehendes Reich hin, das den Yemen in Südarabien, das heutige  Eriträa und Nordäthiopien umfasste. (siehe Karte unten!). Man nennt dieses, im Laufe der Geschichte sich verändernde Großreich das saabäisch-äthiopische Königreich, das in besonderen Beziehungen zu Ägypten und Syrien stand. Weiterhin gingen die Handelsbeziehung ins Zweistromland und nach Indien.
In „Felix Arabia“, das grüne, fruchtbare Hochgebirge im Südwesten der arabischen Halbinsel - das ist heute der Yemen - und im  gegenüberliegenden afrikanischen Hochland, das man heute die Provinz Tigray nennt in Nord-Äthiopien, gab es in der Zeit Antike eine Hochkultur. In diesem Raum war die gemeinsame Sprache das oben beschriebene Ge´ez, die bis heutedie Sprache des orthodoxen Gottesdienstes ist. Aus ihr entwickelte sich das Amharisch, das heute von ca. 30 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen wird.
Das Ge`ez ist eine semitische Sprache und von den der Sprachforschern als eine der ältesten Schriftsprachen der Erde angesehen. Ihre Silbenschrift hat sich aus den ägyptischen Hieroglyphen entwickelt. Sie wurde später zu einer Buchstabenschrift vereinfacht. Ihr  Alphabeth besteht nur aus Konsonanten, wie in allen semitischen Schriftsprachen. Aber anders als die semitsche Schreibweise wird das Ge`ez bzw. das Amharisch von links nach rechts geschrieben. Das Amharisch ist heute die Staatssprache in Äthiopien. Daneben aber gibt es im Lande viele Sprachen. Diese uralte Sprache hat womöglich schon die Königin von Saba`a gesprochen. Axum und das umliegende grüne Hochland ist das politische und kulturelle Zentrum einer Epoche, die man vor-axumitisch nennt. Axum könnte von  Anfang an die Hauptstadt dieses sabäisch-äthiopischen Großreiches gewesen sein. Die auf diese Epoche folgende Hochkultur nennt die Forschung die axumitische Epoche, die bis 700 Jahre nach Christi Geburt dauerte. Sie ist historisch gut belegt. In dieser Zeit ist die Stadt Axum definitiv Hauptstadt eines äthiopisch-saabäischen Reiches. Über die voraxumitische Zeit werden Legenden erzählt, die bis vor  kurzem in das Reich der Märchen verbannt waren. So erzählt der Volksmund die Geschichte von der Königin von Saba. Der erste Teil  der Story steht auch im Alten Testament im 1. König-Buch Kapitel 10. So wie der jüdische König Salomo eine Expedition in ihr Land durchgeführt hatte, so brach auch sie zu einem Gegenbesuch auf. Die Begegnung der beiden Herrscher trug nach der Bibel den  Charakter eines Staatsbesuches. Nach der äthiopischen Königs- Legende, die in Äthiopien erzählt wird, hatte aber der Besuch der Königin bei Salomo persönliche Folgen. Sie ließ sich von Salomo verführen. Von diesem „Don Juan“ der Geschichte erzählt die Bibel, dass er 700 Frauen aus allen Völkern hatte. Für die Königin von Saaba hatte das Techtetmechtel Folgen. Sie kam schwanger zurück und gebar einen Sohn, den sie Menelik nannte. Dieser spätere erste Kaiser, also der Sohn des Königs Salomo und der Königin von
Saba, ist der Stammvater aller äthiopischen Kaiser. Er entspross also dem Stamme Davids. Die Legende erzählt, dass Menelik, als er erfuhr, wer sein Vater sei, diesen in Jerusalem besuchte. Dort wurde er von Salomo als rechtmäßiger Sohn anerkannt:
„Du bist mein geliebter Sohn!“ Diese Inthronisationformel stammt aus dem ägyptischen Königsritual der Thronbesteigung. Salomo regierte das Davidreich von ca. 950 bis 910 vor Christus. Er war aber Verbündeter, eher wohl Vasall, des ägyptischen Pharao, denn seine Hauptfrau war eine Tochter des Pharao. So steht es in der Bibel. Die Legende geht nun folgendermaßen zuende. Als Menelik, der inthronisierte Sohn des Königs Salomo, in seine Heimat zurückkehren wollte, beschenkte ihn der Vater mit großen Reichtümern. So wollte er die Verbindung beider Völker untermauern. Er gab ein Kontingent von Menschen aus den zwölf Stämmen Israels mit nach
Äthiopien. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde, so erzählt die Legende, die Bundeslade aus dem Tempel in Jerusalem mit den beiden Gesetzestafen gestohlen und mit auf die Reise genommen. Als man diesen Raub in Jerusalem bemerkte, war es zu spät oder der König Salomo ließ es gewähren. Für den Tempel in Jerusalem ließ er eine Kopie anfertigen, die von nun an im Allerheiligsten des Tempels stand, bis sie in den Wirren des Untergangs Jerusalems verschwand. Das Original ist in Axum aufbewahrt worden oder wurde in Kriegszeiten in Klöstern versteckt. Sie gilt den äthiopischen Christen als heilig. In Axum, so sagte ich schon, steht die Bundeslade bis heute in der Marienkirche. Die Legende von der Königin von Saba ist nach den neuesten Ergebnissen der archäologischen Funde vielleicht doch kein Märchen. Im Volk wird aus uralten Zeiten ein Ruinenplatz nahe bei Axum als Palast der Königin von Saba gezeigt. Die Ausgrabungen des deutschen arachäologischen Instituts haben Antwort geben können, zu welchem Zweck der große in Bruch-Stein gebaute Gebäudekomplex gedient hat, der im Westen der Stadt vor ihren Toren steht. Der Ruinenkomplex – Grundmauern sind wieder hergestellt - war wohl ein Palast, allerdings nicht der der legendarische Königin von Saba, sondern einer von vielen der kaiserlichen
Herrschern aus der axumitichen Dynastie. Die Mauern dieses Palastes werden dadiert in das 6. Jahrhunder nach Christus. Er liegt wunderschön vor einer Bergkulisse über einer weiten grünen fruchtbaren Ebene. Wir erlebten diese Palastananlage in einer romantischen Abendstimmung, als die Sonne ihr rotes Licht über die Landschaft legte.In der Zeit des sabäisch-äthiopischen Reiches vor Jesu Geburt reicht dieser Palast also nicht zurück. Gibt es vielleicht woanders den Palast der Königin von Saba? Denn überall um die
heilige Stadt Axum werden alte Mauern zum Palast der Königin von Saba erklärt. Das Volk identifiziert sich mit seiner Königin aus grauer Vorzeit.
Gehen wir noch einmal in die Geschichte der voraxumitsche Zeit zwischen 1000 v.Chr. und der Zeitenwende zurück, über die wenig bekannte Zeit! Es gibt kaum gesicherte Erkenntnisse über ein äthiopisch-sabäisches Großreich, das die Länder um das Horn von Afrika und den Süden Arabiens umfasste. Die Römer nannten den heutigen Yemen „Felix Arabia“, weil es so reich und grün war. Vielleicht hat hier der Apostel Paulus 14 Jahre lang nach seiner Bekehrung gewirkt, wovon er im Glaterbrief berichtet. Im Yemen und später auch im Hochland von Axum wurde intensiv nach archäologischen Spuren über dieses Großreich gegraben. Wir wissen aber etwas über die Religion im saabäisch-äthiopischen Reich. Diese hat einen semitischen Einschlag, denn sie waren auf den Mond als wichtigster Gott
bezogen. Im voraxumitische Großreich war die Mond-Gott-Religion bestimmend. Der Mond-Gott heißt seit sumerischen Zeiten Sin. Er hatte fast monotheistischen Bedeutung. Sein Name findet sich wieder in der Bezeichnung der Sinai-Halbinsel. So haben die Archäologen in Yeha, dreißig Kilometer nordöstlich von Axum im Bergland Tigrays einen gut erhaltenen Mond-Gott-Tempel ausgegraben, der auf 600
v. Chr. dadiert wird. Seine Mauern sind aus exakt behauenen Sandsteinquadern fugenlos aufgerichtet und die Wände seiner Cella stehen heute noch beeindruckend hoch vor uns. Dieser Tempel trug einen ornamental geschmückten Fries mit Köpfen des Steinbocks. Von diesem Fries ist noch ein Reststück erhalten. Es ist heute eingelassen in eine Wand der neben dem Tempel stehende Kirche. Der Steinbock ist ein Wappentier Äthiopiens. Dort ist er auch mit seinem Gehörn das Symboltier des Mondgottes.
Jetzt gab es eine archäologische Senastionsmeldung für Interessiert: Man hat unter diesen Tempelruinen Mauerreste von einem Vorgängerbau gefunden! Diese Mauern werden in das zehnte Jahrhundert v. Chr. dadiert. Das ist nach biblischer Aussage die Zeit des jüdischen Königs Salomos, in der die Legende von der Königin von Saba fest gemacht wird. Lag also auch hier in Yeha und nicht nur im Yemen der Palast der sagenumwogenen Königin? Gab es also diese Königin doch? Das religionsgeschichtlich Außergewöhnliche am Tempel in Yeha ist der Fries von Steinbock-Köpfen. Der Steinbock lebt ausschließlich im Hochlandgebirge von Nordäthiopien im Simien-Gebirge. Sein Gehörn symbolisiert von alters her die Mondsichel. Diese wiederum ist das Zeichen des arabischen Mond- Gottes Sin, der
von den semitischen Völkern im Süden Arabiens als Herr der Götter verehrt worden war. Schon die Sumerer verehrten den Mondgott als den Herrn der Götter. In der  Stadt Ur steht sein Tempel. Zenrum der Mond-Gottverehrung im Orient war um 2000 v. Chr. in Nord-Syrien der Sin-Tempel in Harran. Mit Harran verbindet die Bibel die Abrahamsgeschichte von der Wanderung des Vater Abraham von Ur in Chaldäa (Sumer) nach Harran in Nordsyrien, heute leider in der Türkei. Dort soll er nach moslemischer Tradition gelebt haben, bevor er bis in den Sinai und nach Ägypten zog, um dann in der Steppe von Beerscheba sesshaft zu werden. Von seinem Urenkel Joseph, der es später zum Wirtschaftsminister beim Pharao brachte, wird erzählt, dass er den Mond anbetete.Sind etwa Judentum, Christentum und Islam über den Mondgott Sin verwandt? Warum krönt die Mondsichel die Moschee? Der Mondgott in Arabien, besonders in Mekka, wurde schon vor Mohammeds Berufung zum Propheten Allah genannt. Und im Christentum? Warum steht die Himmelskönigin Maria in der Mondsichel? Ist da etwa ein Zusammenhang mit dem Steinbock-Fries am Tempel in Yeha vorhanden? Ja, ist nicht der Mond das Zeichen der göttlichen Liebe? Ist es nicht die Liebe, die alles in einem Geist mit einander verbindet? Der Mond war und ist das Gestirn der Liebenden. Auf alle Fälle haben wir es in Yeha und in Axum mit einem religiösen Zentrum zu tun, in dem in der voraxumitischen und damit vorchristlichen Zeit der Mondgott der Hauptgott des sabäisch-äthiopischen Reiches gewesen war. Und derSteinbock war seinZeichen. Eine beschriftete Stele des Kaisers Ezana von etwa 320 n. Chr., die im heiligen Berirk von Axum in einem Grab steht, erzählt in drei Sprachen von seinen Taten und Siegen. Am Ende sagt der Kaiser Dank seinem Gott, dem Mondgott, den er
Mahrem nennt. In späteren Urkunden dankt dieser Kaiser dem Herrn, der im Himmel und auf Erden mächtig ist. Ezana trat auf der Höhe seiner Macht zum Christentum über, das seit Zeiten des ersten Kaiser Menelik I. jüdische Rituale kannte und dem montheistischen Gottesglauben nahe stand. Ezana regierte von 325 bis 356 nach Christus. Unter seiner Regierung nahm also Äthiopien als zweiter Staat der Erde, nach Armenien, das Christentum als Staatsreligion an, bildete mit Syrien und Armenien einen Kirchenverbund der orthodoxen-monophysitischen Christenheit, nach der Christus nur eine Natur hat, nämlich nur die göttliche. Die äthiopischen Christen sind also Monophysiten. Die römischen Kirchen von Byzanz und Rom übernahmen die andere Lehr, nach der Christus zwei Naturen hat, d. h.  Christus ist Mensch und Gott zugleich. Die äthiopische Staats-Kirche sah sich von Anfang an verbunden mit dem Patriarchen von Alexandria in Ägypten und nicht mit dem Papst in Rom. Das lag auch daran, dass ein ägyptischer Mönch namens Frumentius als der
Missionar Äthiopiens im 4. Jahrhundert angesehen wurde. Der oberste Bischof Äthiopiens war also bis in die Neuzeit, genau bis ins Jahr 1959, der Patriarch von Alexandria. Als seinen Stellvertreter schickte er einen Priester aus der koptischen Kirche Ägyptens nach Axum, der dort als Bischof der äthiopischen Staatsirche residierte. So blieb Axum die heilige Stadt wie es Rom für die katholische Kirche ist.
In Axum wurden über die Jahrhundert die Kaiser gekrönt. Axum hat heute keine politische Bedeutung mehr, ist aber das geistliche Zentrum der äthiopischen Staatskirche geblieben. Die politische Macht der Stadt verblasste, als sie um 1000 nach Christus zerstört wurde.

Lalibela
Eine neue Kaiser-Dynastie baute weiter südlich eine Residenzstadt, die ein neues  Jerusalem sein sollte. Sie hieß nach ihrem ersten Kaiser Lalibela. Er ließ an einem unzugänglichen Ort auf 2500 Meter Höhe am schroffen Hang eines Viertausenders seine Stadt bauen, nicht oberirdisch auf den Hang gebaut, sondern unterirdisch, in die Tiefe des Felsens hinein. So wurden die Paläste und Kirchen in den   Felsen hinein bzw. aus dem Felsen heraus geschlagen. Es waren unsichere Zeiten. Wir flogen mit einer noch kleineres Propeller-Maschine von Axum nach Lalibela. Leider sahen wir nicht viel von oben von dem interessante Hochland. Mit dem Bus hätten wir von Axum nach Lalibela zwei Reisetage gebraucht. Das axumitische Reich verlor ab dem 7. Jahrhundert durch die arabische Weltherrschaft ihre Länder in Nubien (heute Sudan). Außerdem ging der Handel über die Weihrauch- und Seidenstraßen zurück. Das christliche Kaiserreich Äthiopien wurde allmählich von der Welt des Mittelmeeres abgeschnitten, vor allem von der Syrischen Kirche, die unter moslemischer Herrschaft ihren Einfluss schon im 7. Jahrhundert verlor. Jerusalem wurde ein moslemisches Zentrum. Der Felsendom auf dem Tempelberg wurde ein moslemisches Heiligtum. Es war schon im Jahre 690 gebaut worden. So nannten die äthiopischen Kaiser ihre Residenzstadt das Neue Jerusalem oder auch das Neue Israel. Die Felsenkirchen sind aus dem rotem Basaltgestein heraus gehauen. Die Steinmetze schlugen um einen Block, der eine Kirche werden sollte, die Gesteinsmassen bis in eine Tiefe von zehn Metern weg. Aus dem Klotz, der in der Mitte stehen blieb, wurde eine monolithische Kirche geformt. Das war großartige Steinmetzarbeit. In den Block schlugen sie Räume mit Säulen oder Pfeilern hinein, als würden sie die Decke tragen. Diese aber war Teil der monolithischen Kirche. Man muss sich vorstellen, nichts wurde drinnen und draußen hinzu gefügt, sondern alles wurde zur Gestaltung der Formen abgeschlagen oder heraus gehauen. So entsteht eine Kirche aus einem Stück. Das nennt man also ein monolithisches Bauwerk. In Lalibela allein wurden in 100 Jahren elf solcher Felsenkirchen erschaffen. Jede dieser Felsenbauten hat seine eigene Form. Besonders schön und ornamental sind sie außen, verziert im axumitischen Baustil. Innen sind die meisten Kirchen dunkel, obwohl sie Fenster haben. Wir müssen wissen, das Innere einer Kirche war das Allerheiligste, in dem eine Kopie der Bundeslade stand. Dazu hatten nur die Priester zutritt. Zum Gottesdienst blieben die Gläubigen draußen und versammelten sich um das Gebäude. Wenn heute den Touristen erlaubt wird, das
Innere einer Kirche zu betreten, ist das ein Entgegenkommen der Priester, weil sie auf diese Weise etwas gegen ihre Armut machen können. Aus diesem Grund lassen sie sich auch im Ornat und mit den wunderschönen Kreuzstäben fotographieren. Das Lalibela-Kreuz in seiner ovalen Form ist ein wunderschönes Schmuckstück. Es gibt aber auch viele andere Kreuzesformen wie das Gondarkreuz oder das Axumkreuz. Die Felsen-Kirchen im Neuen Israel innen und außen zu besichtigen, war für uns eine bergsteigerische Leistung.
Nach anderthalb Tagen in dem staubigen Lalibela, in dem rege gebaut wurde, waren wir nicht nur körperlich erschöpft, sondern auch von den vielen verschiedenen Eindrücken und Namen der Fels-Bauten. Wer nicht auf dieses Phänomen „Neues Jerusalem in Afrika“ vorbereitet war, gab irgendwann erschöpft auf. Die anderen behalfen sich mit den Reiseführern. Lalibela ist ein heiliger Ort des Staatskirchentum Äthiopiens und ist heute Weltkulturerbe. Doch ehrlich gesagt, ist es ein geplatztes Dorf hoch im Gebirge, weit weg von der zivilisierten Welt. Besonders viel Staub gab es dort. Anders als in Gondar im Westen des Hochlandes war es im Westen des
Hochlandes in der Regenzeit viel zu trocken geblieben. Zwischen den Tafel-Bergen liegen weite, an sich fruchtbare Hochebenen. Sie sahen in der Trockenzeit aus wie eine gebirgige Steppenlandschaft. Doch wir erlebten ein Wunder, dass der Regen nach Lalibela kam. In beiden Nächten ging ein leichter Landregen herunter. Am Morgen sahen wir das Wunder. Die Natur hatte aufgeatmet! Ein grüner Schimmer überzog das weite Tal, auf das wir aus unserem hoch am Hang gelegeneen Terrassen-Hotel herunter schauten.
Ob dieser Regen noch gereicht hat für eine weitere Getreide-Ernte? Das ist die  äthiopische Frage schlechthin! Wir erlebten Anfang November die Getreide-Ernte. Das gemähte Getreide stand schon zum Dreschen in großen Diemen-Türmen aufgeschichtet. Doch davon sahen wir um Lalibela herum viel zu wenige. Ob das reicht, um die Menschen hier oben in 2500 Meter Höhe satt zu machen?
Und wir? Was bedeutete das für uns? Wir wurden doch als Gäste gut versorgt. Es ist nicht einfach, den Gegensatz sich bewusst zu machen zwischen unserer Versorgung in den Vier Sterne Hotels und der, die es in den Hütten von Lalibela gibt. Die Nachricht von einer drohenden Hungersnot gerade in dieser Gegend Äthiopiens, die dort schon einmal vor 20 Jahren die Welt erschüttert hatte, ging manchem von uns unter die Haut. Wenn wir Europäer ein Land wie Äthiopien bereisen, sollten wir einen „Vier-Sterne-Hotel-Anspruch“ ins stille Kämmerlein verbannen!

Addis Abeba

Der Kulturschock, den wir schon beim Durchfahren der Dörfer in den ersten Tagen empfunden hatten, erfasste uns jetzt anders und völlig verwirrend am letzen Tag unserer Rund-Reise, als wir mittags in der Millionensstadt Addis Abeba auf dem internationalen Flughafen mit unserer kleinen Propeller-Maschine von Lalibela  kommend landeten. Wir tauchten in den Lärm und das Auto-gewimmel einer Großstadt ein, die auf dem Weg in die Moderne ist. Zu dem dichten Autoverkehr kommt in Addis noch der unablässige Strom der Fussgänger. Die armen Menschen leben wie auf den Dörfern in der Großstadt, aber vor der aufstrebendne Kulisse der Hochhäuser. Sie, die Armen, sind das Heer der Fußgänger. Und so wurden wir auch gewarnt vor der hässlichen Seite der Armut. Doch für einen aus unserer Gruppe kam
diese Warnung zu spät. Ihm war in Geschiebe der Fussgängemenge das Portemonaie gestohlen worden mit allen Scheckkarten. Wir waren gerade auf dem Weg zu einem Kaffeeshop und wollten den so aromatisch duftenden äthiopischen Kaffee genießen. Der äthiopische Kaffee war ein Thema auf unserer Reise. Viele von uns wollten sich zuhause gleich mal umsehen, wo der richtige Arbica-Kaffee Äthiopiens zu kaufen ist. Addis Abeba ist ein Moloch, der nach allen Himmelsrichtungen wächst. Wir haben
nur die schöne Seite im Frühling mit all den blühenden Bäumen und Büschen in den  Parks und Bouelvards gesehen. Die unbefestigten Straßen in den Vorstädten sind in der Regenzeit wie in den Dörfern Matschpisten. In den höher gelegenen Stadtteilen, die zu schnell gewachsen sind in den letzten 25 Jahren, gibt es keine ausreichende Versorgung mit Wasserleitungen, Abwasserkanälen und Elekrizität.
Addis Abeba heißt auf deutsch die „Neue Blume“. Sie wurde Ende des 19. Jhds. als Residenzstadt des Kaisers Menelik II. aus den
Boden gestampft. Dieser Kaiser belebte damals gegen den Kolonialismus Europas den äthiopischen Nationalstolz. Er ließ sich nach altem Zeremoniell in Axum zum Kaiser krönen, nahm den Namen des Sohnes de Königin von Saba und Salomos an, Menelik, um den langen Bogen der Äthiopischen Geschichte zu spannen und es gelang ihm, das Volk vor der Kolonialherrschft der Engländer und der Italiener zu
bewahren. Er dehnte das Reich nach Süden aus und bestimmte die äthiopischen Grenzen. Kein anderes Land in Afrika hat  selbstbestimmte Grenzen außer Äthiopien.

Menelik II. ließ sich als Kaiser „Löwe vom Stamm Juda“ nennen. Der Löwe von  Juda steht als gekrönte Bronzefigur hoch über der Stadt in einem kleinen Park. Die nationale Politik der Eigenständigkeit setzte nach seinem Tod und der Regentschaft seiner Tochter fort. Unter Kaiser Haile Selassie wurde die Rückbesinnung auf die lange Tradition einer dreitausend jährigen Geschichte des äthiopischen Kaisertums in Monumentalbauten in Addis zum Ausdruck gebracht. Unter anderem ließ Haile Selassie eine neue kaiserliche Kathedrale bauen, die bis heute das Staatskirchentum repräsentiert, auch wenn es heute keinen Kaiser mehr gibt. Im Inneren ist die Kirche geschmückt mit Bilder aus der christlichen Heilsgeschichte. Mir fiel eine biblische Geschichte auf, die rechts auf der Ikonostasenwand dargestellt ist. Es ist die Geschichte von der Taufe des Kämmerers aus dem Mohrenland durch den Apostel Philippus. Diese Geschichte steht in der Apostelgeschichte des Lukas. Sie wird in der römischen und byzantinischen Ikonographie nirgends dargestellt. Hier aber steht sie im Zentrum der Ikonostase! Diese in der Westkirche ziemlich unbedeutende biblische Geschichte hat in Äthiopien
einen sehr hohen Stellenwert. Sie dokumentiert den religiösen Zusammenhalt der christlichen Kirche Äthiopiens mit Israel, das den Alten und Neuen Bund symbolisiert.
Diese Tauferzählung ist also ein Baustein für die lange Geschichte des christlichen und auch jüdischen geprägten Äthiopiens. Sie erzählt von einem Minister Äthiopiens, der zum Passahfest nach Jerusalem gefahren war, um im Tempel anzubeten. Es war dasselbe Passahfest, an dem auch Jesus in Jerusalem war, wo er von den Römern gekreuzigt worden war. Von der Geschichte Jesu erzählt Philippus dem Äthiopier. Dieser lässt sich darufhin von Philippus taufen. Die Geschichte endet mit den wundervollen Satz: .“Und er zog fröhlich seine Straße.“ Möge dieser Satz ein Zeichen der Hoffnung für dieses Volk sein, das sich jetzt fröhlich auf den Weg macht in eine bessere Zukunft!
Auch wir zogen nach all dem was wir in diesem Lande gesehen hatten, fröhlich und ergriffen unsere Straßen und kehrten wohlbehalten in unsere Häuser nach Deutschland zurück.

Reisebericht, verfasst von
Hartmut Nielbock in Seth in Holstein, beendet am 23. Dezember 2015