OEKUMENISCHE STUDIENREISE BALTICUM 29.05. - 09.06.06

DER ERSTE TAG unserer Reise ins Baltikum
29. Mai - 09. Juni 2006

Die übliche freudige, angespannte Atmosphäre beim Treffpunkt am Busbahnhof Süd. Taxen fahren an, Privatautos von Menschen, die ihre Lieben bringen zur glücklichen Reise.
Zwischenhalt in Karlsruhe am rückseitigen Bahnhof. Vier Personen steigen noch zu. Wie sich später zeigen wird, u.a. ein Kenner der Wälder, der Bodenformationen, des Moores und der Nehrung.
Gute Reise!
Hans Martin Schäfer begrüßt uns im Bus, Liedblätter werden verteilt. Braucht noch jemand Mützen? Vielleicht für die Enkel?
Ankunft in Frankfurt, Flughafen, Durcheinander mit anderen Reisenden, ,,Ecclesia" hilft uns zu anderem Abflugsteig.
Glücklicher Tag! Eine einsame Reisetasche, die vergessen auf dem Bushaltesteig steht, wird von ihrer Besitzerin erleichtert eingesammelt.
Einchecken, normales Gedränge, ob mein Koffer zu schwer ist? Boarding Time verschiebt sich. Kurze Erinnerung: U11sere Fluglinie steht nicht auf der Liste der gefährlichen Fluglinien!
Draußen schüttet es. Zeit für Einkäufe im Duty -Free-Shop, Zeit für Kaffee und Toilettensuche. Immer wieder begegnen wir uns, wir, die wir nun für 12 Tage miteinander verbunden sein, uns näher kennen lernen, miteinander lachen und erschüttert sein werden. Es wird anders sein, wenn wir auseinandergehen.
Boarding Time 14.10
Wir fliegen 14.50
Wasser unter uns 15.30
Ausfahren der Landeklappen 16.40
Landung im Sonnenschein in Estland 16.48
Auschecken, Ausweiskontrolle - alles Frauen -. Und schon werden wir freundlich begrüßt von Gabriela und Lada, unserer Reiseführerin und unserem Buschauffeur. Abfahrt vom Flughafen zum Hotel 18.10.
Zum ersten Mal hören wir, wie Gabriele in Deutsch zu uns spricht. Heute nur kurze Informationen: Ankunft dort 18.30.
Abendessen 19.00 Uhr.
Frühstück ab 7.00 Uhr,
Stadtbesichtigung 9.00 Uhr.
Einige gehen danach noch los, um den „kleinen Altstadtkern" zu finden und zu bewundern.
Die erste Begegnung mit „Leinen", das erste „Verlangen" nach Leinen durch die Fensterscheiben der Läden. Dies wird uns Frauen (fast alle) bis zum Schluss unserer Reise begleiten.
Was werde ich alles lernen, wie viel Neues wird mich berühren und verändern?

Renate Grundel

Dienstag, 30.05.06

TALLINN, von den Deutschen REVAL genannt, Hansestadt mit Lübecker Stadtrecht, seit 1991 Hauptstadt der Republik Estland ( blau - schwarz - weiße Trikolore ).

Ein sonniger Tag im Hotel „St. Barbara" beginnt mit einem reichhaltigen Frühstücksbuffet. Frau Dr. Gabriele Guide begrüßt Katrin Vaikmaa, die uns zur Stadtrundfahrt abholt. Sie zeigt uns den Olympiahafen, Ruinen des Brigittenklosters (1407 - 1436) und vor allem das Sängerfeld mit der mächtigen Singmuschel (20 000 Sänger fassend). Diese Anlage passt sich harmonisch der sanft ansteigenden Landschaft an. Die Esten haben ihre Sängerfeste schon seit 1869, sie singen begeistert ihre über 1 Mill. Volkslieder.

 

 

Weiter zum Dornberg - die Stadt soll der Sage nach von der Riesin Linda gegründet worden sein, die mit vielen Steinen den mächtigen Kalksteinfelsen aufgerichtet hat - als ein Grabmal für ihren Geliebten, den starken Kalew . Wie Werner Bergengruen im ,,Tod von Reval" berichtet, steht „ein Grab am Anfang dieser Stadt".

Zuerst sahen wir die pompöse „Alexander-Newski-Kathedrale, diese russisch­ orthodoxe Kirche wurde 1880 - 1890 erbaut. Gegenüber steht das Schloss, früher eine mittelalterliche Ordensburg. Heute tagt hier das estnische Parlament. Auf dem „Langen Hermann" weht die Flagge Estlands. Der Name Dornberg geht auf die Domkirche zurück. Sie ist die Hauptkirche der lutherischen Gläubigen in Estland. Im Innern sind die Wände mit Wappen deutschbaltischer Adelsfamilien verziert, auch Grabplatten bekannter Persönlichkeiten befinden sich darin. Wir sehen von einer Aussichtsterrasse auf die Unterstadt, die Stadtmauer und die Türme (von den ehemals 40 Türmen gibt es noch 20). Auf dem Dornberg befanden sich die Häuser des estländischen Landadels. Es sind noch zahlreiche Beispiele dafür erhalten. Zwei Wege führen vom Dornberg in die Unterstadt: langer Dornberg (langes Bein) und kurzer Dornberg (kurzes Bein) für die Fußgänger, auf dem langen Bein fuhren einstmals die Wagen und Kutschen.

Als wir zur Nikolaikirche kamen, war sie leider geschlossen. Sie wird als Museum für mittelalterliche Kunst und als Konzertsaal benutzt. Wir schauten auch noch in die Heiliggeistkirche, wo sich der kostbare Flügelaltar von dem Lübecker Meister Bernd Notke (1483) befindet. Die bemalte hölzerne Skulpturengruppe im Mittelteil ist bemerkenswert. An der Außenwand der Kirche ist die älteste Straßenuhr der Stadt (1684) angebracht.

 

 

Viel besichtigen konnten wir in der Mittagspause: Historisches Rathaus, Rathausapotheke (1422 erstmals erwähnt), Stadtwaage, Pranger. Rund um den Marktplatz gibt es viele Gaststätten, schön draußen zu sitzen.

In der Pick-Straße stehen die berühmten Häuser der Gilden: Schwarzhäupter, Olaiggilde, Kanutigilde, große Gilde, am Katharinen-Gang die Katharinengilde, die von 13 Handwerkerinnen und Künstlerinnen als Verein gegründet wurde. Bei der Viru-Pforte, eine der zwei noch erhaltenen Vorpforten machten wir Station, gingen dann auf der Viru-Straße (Fußgängerzone) zurück zum Rathausplatz.

Nachmittags fuhren wir in den schönen Stadtteil Kadriorg, mitten im Grünen und direkt am Meer. Im Mittelpunkt das vom russischen Zaren Peter 1. gegründete Schloss mit dem Park. Peter 1. hat zu Ehren seiner Gemahlin Kaiserin Katharina 1. dem Schloss ihren Namen gegeben.
Der schönste Raum ist der große barocke Saal, wo wir uns zu einer kurzen Betrachtung sammeln konnten. Herr Dekan Schäfer las aus Gen. 11 und der Offenbarung 21.

Ein Vergleich mit der Stadt, wo Sprachverwirrung herrschte und der Stadt mit den Toren aus Perlen, die nicht verschlossen sein werden. - Auch die Stadt Tallinn mit ihren einst vielen Toren konnte diese zur Freiheit hin öffnen.

Nach dem Abendessen blieben wir im Restaurant zum 1. Rundgespräch. Wir können nach dem Besuch dieser besterhaltenen mittelalterlichen Stadt Nordeuropas gut verstehen, dass sie in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen wurde. 1988 begann die estnische Unabhängigkeitsbewegung auf der Sängerbühne. Die baltischen Staaten haben durch ihre „Singende Revolution" - ein fester Begriff - und von Gabriele immer wieder erwähnt! -auch zur Freiheit Europas beigetragen. Die Verbindung nach Europa, die Nähe zur finnischen Hauptstadt Helsinki, der Start in die Zukunft ist gelungen. 2009 wird Tallinn Kulturhauptstadt, es gibt noch viel zu entdecken - vielleicht ein Wiedersehen.

lrmgard Leicht, Freiburg

Eili GESPRÄCH

"Morgenwind, was erzählst du. mir?"
Aus Estland komm ich
und mUde bin ich.
Im Frühlingsschmuck stand
unser Heimatland:
Strahlend die Wiesen, die Anger,
Blumen an Bächen, die Flächen,
Eichen und Eirken und Blüten der Linden,
sie wollten mit zartem Dufte mich bindon,
und mit dem Frilhling sah ich sie scherzen.
Tochter aus Estland! Klingon die Schmerzen

"Wolke, wohin reisest du eben?
11 Um dort zu weinen,
muss ich fort eilen,
um W-alder und Beete und Felder zu stärken,
um da. zu werken.
Zur himmlischen Quelle blickt alles auf
und zeigt auch der Lauf
meine stille, sorgende Kraft,
ich weiß es, dass sie nur Freude schafft.
Friedlich erscheint dann der heilige .Boden. lfimmt es den Odem
dir, Tochter aus Estland,
in weinendem Beben?

''Vogel, verweile, ich bitte dich!"

Sieh, wie die Schwingen
heimwärts mich bringen,
Estlands blilllende Blütentriebe
fesseln in Liebe
Freude und Tränen mir im Gesange
zum Heimatklnnge.
Mein Hest im Schatten, so will ich sterben,
während die Töne golden sich färben.
Bis zum Tode will ich im Liede dir danken.
Lasse Gedanken,
Tochter aus Estland, jetzt zögernd doch achwanken.

"Tochter aus Estland! Was zögre ich noch?"
Die Zeit hienieden, die mir beschieden,
setzt Grenzen jetzt vor dem Heimatstrand.
Ich bin in meinem Sehen bereit, jetzt und allezeit,
und frage so oft: Wann komme ich hin,
trügt Hoffnung schon meinen Sinn?
Wann grUße ich dich, mein Land der Lieder?
Vogel, Wolke und Morgen-wind, ioh frae;e euch, ihr seid noch hier?
Uiemand antwortet mir.

Lydia Koidula 1843- 1886,
- die Frau auf dem 100 Krooni-Sobein.
Sie eröffnete 1870 in Tartu das exste in estnischer
Sprache spielende T'neater mit der Auffiihrung von
"Der Vetter von Saaremaa".

1.Juni , 4. Reisetag

Die Gassen um das Hotel London in Tartu glänzen regennass. Wir fahren zum Gauja - Nationalpark. Heute ist der Tag der Kinder , 1. Ferientag ( 1.Juni bis 31.August ). In den ersten beiden Ferienwochen können die Kinder freiwillig in die Schule kommen und Lücken nacharbeiten , um ihre Zeugnisse zu verbessern , oder an Ausflügen oder Projekttagen teilnehmen.

Gabriele nutzte die lange Fahrt, um uns die „Singende Revolution" zu erklären. Sängerfeste haben in allen baltischen Staaten eine lange Tradition. Esten , Letten und Litauer haben je über 1 Million Lieder . Jedes Volk hat seine eigene Sprache , versteht die andere nicht. Die Sängerfeste dauern 3 Tage und ziehen jeweils Zehntausende von aktiven Teilnehmern an. Von Kinderchören bis professionellen j Chören ist alles vertreten. Seit 1989 kommen auch „exil-baltische Chöre aus aller Welt" zu den Festen zurück.

Auch in den Zeiten der Russifizierung waren Sängerfeste erlaubt , es mussten aber vorher die Liederlisten eingereicht werden , ein Teil davon wurde den Chören gestrichen !!

1989 haben die Sänger demonstrativ mit den verbotenen Liedern und Gesängen die Freiheit „herausgesungen" ! Auch die besonders eindringlichen Vertriebenenlieder der 1940 nach Sibirien deportierten , 70 000 Menschen , wurden gesungen ! Im Januar 1991 haben die Sänger aus Litauen in Vilnius - wenn ich richtig verstanden habe , war Gabriele singend dabei - mehrere Tag und Nächte bei 18-20 GradKältedurchgesungen,währendrussischePanzerdieDemonstration beenden sollten. Nur ein Reporter , der Deutsche Gert Ruge , hat sich eingeschlichen und gefilmt . Am Fernsehturm in Vilnius gab es 13 Tote ! Nur durch den Film von G. Ruge gingen die Informationen in alle Welt und machten diese friedliche Revolution auch in aller Welt bekannt ! Herr Schäfer fand Parallelen zur singenden Revolution:
1. indenKerzenundGebeteninderDDRvorderWende
2. indenSpirituals,denLiedernderBefreiungindenStaaten
3. inderjüdischenTheologiederBefreiung.

Er hatte Psalmvertonungen des Esten Kreek von 1923 mitgebracht , gesungen vom Estnischen Philharmonischen Chor - sehr stimmig.

Wir waren indessen durch Wälder , Wiesen , Ackerland gefahren , vorbei an kleinen Weilern mit geduckten Holz - und altersgrauen Steinhäusern , Schuppen und Ställen. Auf Wiesen , Telefonmasten und Kaminen haben wir viele Störche gesehen. Bei Valga erreichten wir den estnisch - lettischen Grenzübergang mit Passkontrolle und meist vergeblichen Geldwechselversuch Uedes Land hat seine eigene Währung) Der alte Bankbeamte war restlos überfordert.

Wissenswertes aus Lettland : Seit der Unabhängigkeit ist eine Lettin aus Kanada Präsidentin Lettlands. Die lettische Sprache ist der baltische Zweig der indogermanischen Sprache . Es gibt 3 Dialekte und 5000 Mundarten !! Von 2.5 Millionen Einwohnern Lettlands sprechen 1.5 Millionen Lettisch. Wie jede Sprache stellt das Lettische einen einzigartigen Kulturwert dar.

Wir erreichten Cesis (Wenden) im Gauja - Nationalpark über dem Gaujafluss. Es liegt an der Handelsstrasse nach Russland und war Hansestadt. Sie wird dieses Jahr 800 Jahre alt. Hier steht die am besten erhaltene Ruine einer Ordensburg , die 1207 von den Schwertbrüdern erbaut worden war. Der Bus fuhr durch Straßenbaustellen zur Altstadt mit vielen Holzhäusern ; renovieren wäre angesagt , wie bei den meisten Gebäuden im Land. Im strömenden Regen gingen wir zur Johanniskirche ( Janniskirche ) mit mächtigem Turm - altersschwarz , düster. Dies ist die größte gotische Kirche Lettlands. (auf romanischem Grundriss ) außerhalb Rigas.

Die Ordenskirchen waren schmucklos , ab dem 16.Jh. protestantisch, mit Grab und Gedenktafeln der Ordenritter. Erst im !9.Jh. bekam die Kirche ein neugotisches Altarbild und Glasfenster. Die Orgel von 1803 gilt als die drittbeste in Lettland , ist aber z.Zt. nicht spielbar , da sie renoviert wird (Walker + Co von 1907). Ein großes holzgeschnitztes Luthermedaillon ist vor den Orgelpfeifen angebracht.

Herr Schäfer bot uns an der kleinen Chororgel ein Konzertehen. Singen aus den Liedblättern. Es regnete weiter und wir hatten die Wahl ein paar Minuten in die Altstadt, oder in den Park mit der Ordensburg zu gehen.

 

Schon saßen wir alle artig im Bus, denn nun ging's nach Raganas ins Restaurant zur Kekis (Hexe ). Herr Schäfer zahlte für alle , die an der Grenze nicht hatten wechseln können.

Von der Kasse bekam er eine lange Liste von „Essen" und „Getränken" -aber kaum jemand hatte sich seinen Preis gemerkt . Da war ein heiteres „Preisraten" angesagt. Nur Herr Schmidt hatte abends noch ein paar Preise im Kopf!

Weiterfahrt in die „Lettische Schweiz" , sogar an einem Skihängle mit Sprungschänzle und Liftanlage kamen wir vorbei ! Hangneigung und Länge wie unsere Hafnerwiese in Pforzheim.

Aber dann kamen richtige Berge und Schluchten , wo die Bischofsburg Turaida und die Ruine der Ordensburg Sigulda hoch über den Wäldern thronen .

Andacht von Karl Vanselow in der kleinen protestantischen Holzkirche , die 1750 von Bauern des Ortes gebaut wurde. Thema:
,,Der Weg" anschließend an das Thema „Baum" . Vom Baum bildlich zum Weg , zum Holzweg aus Bohlen durch das Moor . Gehaltenwerden vor dem Einsinken ins Instabile (Moor)- auf der Bohle und vom Ankommen im Reich Gottes.
Unter einer alten Linde mit wunderlich gewachsenen Ästen befindet sich das Grab der Rose von Turaida. Hochzeitspaare legen auf dem schwarzen Stein Blumen nieder , damit ihre Liebe genau so stark sein möge . Der Legende nach ist hier Maija (1601 bis 1620) begraben. Das wunderschöne Mädchen war mit dem Schlossgärtner Veit verlobt , doch ein polnischer Soldat begehrte sie auch und lockte sie in die Gutmannshöhle , wo sie sich sonst mit Veit traf. Sie verweigerte sich dem Soldaten. Weil sie glaubte ihr Halstuch (ein Liebesgeschenk von Veit) mache sie unverwundbar, schlang sie es um ihren Hals. Darauf hin schlug ihr der Soldat mit seinem Schwert den Kopf ab . Auch heute lagen Blumen auf ihrem Grab. 
Von hier hatten wir nicht weit zur Bischofsburgruine Turaida zu gehen , von der schon vieles wieder rekonstruiert ist. Der Bischof von Riga baute die Burg ab 1214 ; 1716 wurde sie durch einen Brand zerstört.

 

Wir hatten die Wahl
1.) in das Bischofsburgmuseum zu gehen
2.) auf den mächtigen runden Bergfried zu steigen oder
3.) durch den Volksliederpark mit 24 Skulpturen zu spazieren.
Wir , und viele andere , entschieden uns für den Turm und erstiegen ihn über 136 Stufen . Durch die Schießscharten blickten wir auf die engen Flussschlingen des Gauja und sahen die kleine Seilbahn nach Krimulda schweben.

Auf der Weiterfahrt ans Meer las Gabriele lettische Tiermärchen vor und erzählte uns von lettischen Sagengestalten.
1 .) Die Lomes. Es sind Frauen , die den Regenbogen machen . Sie können gut oder boshaft sein , haben je ein grünes und ein braunes, oder ein grünes und ein blaues Auge . Wenn man sie ruft , kommen sie immer zu mehreren. Sie kommen gern, um den Frauen zu helfen, z.B. beim Waschen , wollen dann aber nicht mehr aufhören , bis sie alles , auch Haus und Hof , "zerwaschen" haben . Man kann sie nur wieder los werden , indem man ihren Namen errät . Das geht leicht , wenn sie singen. Also muss man sie dazu bringen. Lomes können auch Babies klauen und legen ein Ersatzkind ins Bettchen ; das merkt man aber erst , wenn das Kind groß und schlecht geraten ist. Dann sagt man: ,,Dir ist wohl ein Lomes ins Bett gelegt worden ."
2.) Kippsche sind Gerechtigkeitsteufelchen,
3.) Drachen eine Mischung aus Natter und Ratte . Sie trinken gern Milch und bringen ihren Besitzern Reichtum. 

Am Strand von Saulkrasti - hier gibt es viele Ferienhäuser - machten wir einen kurzen Spaziergang , ganz Mutige sogar barfuss, und ließen uns vom Wind kräftig zerzausen, ehe wir in Riga , im ehemals russischen Nobelhotel , ankamen. Ganz nahe der Altstadt , gegenüber dem Opernhaus. Schade , dass es keine Vorstellungen gibt so lange wir hier sind. Wir werden aber ein Orgelkonzert im Dom besuchen.
Brigitte Schmid


Freitag, den 2.Juni: Riga

Mein Einstieg: Erinnerung an eine Baltendeutsche aus Riga, geboren 1892
Juditha, meine spätere Ehefrau, und ich lernten Edith Rinne 1956 kennen. Sie war Hausdame bei dem feinsinnigen General von Schütz, der als Kadett beim Kaiser begonnen und nach dem Ersten Weltkrieg den Dienst quittiert hatte, und diese Stelle passte zu ihr. Wir waren Studenten, wollten in das schöne Holzhaus des alten Herrn im Freiburger Stadtteil Herdem einziehen und mussten uns bei ihr bewerben. Eine Freundin, die schon dort wohnte, hatte uns gewarnt: wir sollten uns durch einen spröden Empfang nicht täuschen und erst recht nicht abschrecken lassen. Daran dachte ich, als uns eine streng und aristokratisch wirkenden Dame mit schon schneeweißem Haar und sehr aufrechter Haltung öffnete. Ich erinnerte mich daran, als „Tante Edith" Jahre später in Tübingen eine Woche lang zu Besuch bei unserer kleinen Familie war. Juditha war verunsichert, weil ihr Gast so wenig redete, und fürchtete, etwas falsch zu machen. Doch dann kam der begeisterte Dankesbrief. 1914 wurde Edith's Mann, Arzt und ebenfalls Deutschbalte, zum Kriegsdienst einberufen - in die russische Armee. (Einen guten Einblick in die komplizierten Loy alitätsverhältnisse der Baltendeutschen im Zarenreich gibt das autobiographische Buch „Geliebtes Sibirien" von Traugott von Stackelberg, das Edith Rinne uns einmal schenkte). Sie war noch kinderlos und schaffte es, sich in Männerkleidern zu ihrem Mann durchzumogeln und in der Etappe eine Zeitlang mit ihm zu leben. 1939 musste sie, inzwischen verwitwet, mit ihren Kindern die Heimat und 1944 auch Posen verlassen, wo sie als Lehrerin gearbeitet hatte. Beide Söhne starben lange ., ..J Mein Einstieg: Erinnerung an eine Baltendeutsche aus Riga, geboren 1892 ., vor ihr und der Freiburger Freundeskreis von Baltendeutschen, an den sie Anschluss J1 gefunden hatte, lichtete sich immer mehr. Edith Rinne kam bei der Familie eines Neffen in der Nähe von Speyer unter, genoss es aber sehr, ab und zu herauszukommen. Nach einem Abend bei uns mit Freunden sagte sie mit einem Stoßseufzer: ,,Das war schön: mal wieder was Geist'ches!" Zu ihrem Leidwesen wurdeEdithRinnesehralt:96Jahre. DurchdieFreundschaftmitihrhatteichlange vor unserer Reise einen Bezug zu ihrer Heimatstadt. Auf Riga war ich deshalb besonders gespannt.

Ein prall gefüllter Tag in Riga
Für eine Seniorengruppe waren wir wissbegierig und zäh, so kommt es mir vor. An unserem Tag in Riga absolvierten wir mehr als ein Standard-Touristenprogramm mit Fahrt auf das linke Ufer der Düna (Daugava) für den klassischen Blick auf die türmereiche Altstadt und durch die Neustadt mit ihren Jugendstilhäusern und der orthodoxen Kathedrale (vorübergehend Haus des Atheismus) und einem ausgedehnten Spaziergang durch die verkehrsberuhigte, aber belebte, überwiegend gut restaurierte Altstadt. Wir machten uns vielmehr abends noch einmal auf zum Orgelkonzert im Dom (mir hat besonders das Stück mit Saxophon eines jungen lettischen Komponisten gefallen). Vor allem aber hatten wir einen zweiten Schwerpunkt durch den Besuch der Gedenkstätte im Wald von Bikernieki und einen versöhnlichen Nachklang hierzu in der (einzigen erhaltenen) Sy nagoge, wo sich die Menschen auf das jüdische Pfingstfest vorbereiteten und sich über den unerwarteten Besuch freuten.

Die Stadt
Von Tallinn kommend empfand ich Riga als Weltstadt, nicht nur wegen ihrer Größe (mehr als 900.000 Einwohner), sondern auch wegen ihres rascheren Pulsschlages.
Hektisch kamen mir die Menschen aber nicht vor. Hier wie überall fand ich es vielmehr bemerkenswert, wie höflich und geduldig Autofahrer es hinnahmen, wenn unsere große Gruppe ihnen die Durchfahrt versperrte. Größer als die Altstadt ist die jenseits des Stadtkanales gelegene Neustadt. Wie die Prager Neustadt ist auch sie nicht mehr gerade sehr neu (sy stematische Bebauung mit Steinhäusern ab 1 857), mit breiten Straßen, großzügigen Parkanlagen und einer Fülle interessanter Gebäude. Darum herum erstreckt sich die Stadt vor allem auf der rechten Seite des schönen Flusses noch weit in die Ebene hinaus; das konnte ich nachmittags vom J Turm der Petrikirche aus feststellen.

Sandra
Unsere kompetente litauische Reisebegleiterin Gabriele, promovierte Kunsthistorikerin, hätte uns sicher auch gut durch Tallinn, Riga und andere Städte führen können. Dass wir mehrmals zusätzlich lokale, ebenfalls sachkundige und geschickte Führerinnen hatten, empfand ich aber durchaus als Bereicherung, schon wegen des anderen Sprachklanges (dies besonders in Kaliningrad). Bei der großen Gruppe (immerhin 36 Menschen) hatten sie keine ganz leichte Aufgabe. In Riga begleitete uns Sandra. Auch sie vermittelte uns interessante Informationen, nicht nur zur Geschichte, und wusste sie gut zu dosieren. Hier einige Beispiele: Verkehrssy stem: öffentliche Verkehrsmittel bringen einen in Riga überallhin schnell, in kurzem Zeittakt und (zur Zeit noch) billig. Es gibt aber schon Staus, morgens und abends und am Wochenende (auch viele Rigaer besitzen ein Häuschen auf dem Land).
Bautätigkeit: dem Fluss entlang werden die letzten freien Grundstücke schnell überbaut, oft für die Niederlassungen internationaler Firmen. Eine Uferpromenade wird in naher Zukunft den grünen Gürtel um die Altstadt vervollständigen. Problemviertel: das Moskauer Viertel wurde während der deutschen Besetzung zum Getto. Heute wohnen dort wieder viele Russen, oft arbeitslos. Pläne für die Umgestaltung und Aufwertung des Viertels existieren, aber es fehlt das Geld. Wohnungen: auch in Riga gibt es ein großes Wohngebäude im Stalin-Stil, scheußlich, aber solide gebaut mit hohen Räumen und Eichenparkett. Später wurde schäbiger gebaut und jetzt ist der Bedarf an Renovierung riesig.

Stillgelegte Fabriken: Auf dem Weg nach Bikierniki kamen wir nicht nur am ehemaligen KGB-Gebäude mit seinem Folter-Keller vorbei, an denkmalgeschützten Holzhäusern, einer von deutschen Kriegsgefangenen wieder aufgebauten Brücke und gleich daneben einem deutschen Soldatenfriedhof, sondern auch an verödeten Fabrikkomplexen (ehemals Rigaer Waggon-Fabrik, elektrotechnische Werke). Sandra meinte, dass nach der Wende einige Fabriken überstürzt geschlossen und manches auch verschleudert wurde.

Jugendstil
Riga ist bekannt für seine Jugendstilhäuser. Die berühmtesten stammen von dem Architekten Michail Eisenstein, einem russischen Juden, Vater von Sergej E. (,,Panzerkreuzer Potemkin"), und wurden in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gebaut, einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwunges. Die Revolution von 1905 gab dem lettischen Nationalbewusstsein einen Schub und jetzt kamen einheimische Architekten zum Zug, die einen national-romantischen Jugendstil entwickelten.

 

Wir sahen einige prächtige Jugendstilhäuser mit perfekt restaurierten Fassaden. Laut Sandra war die Fassade seinerzeit das wichtigste an diesen Häusern, für den BauherrnwiefürdenArchitekten. DiejetzigenBesitzer,derenReichtumoftausder Konkursmasse der Sowjetunion stammt, dürften sich vor allem für die Rentabilität interessieren. Dem Stadtbild und dem Fremdenverkehr kommt die Restaurierung zugute, die gründlich sanierten Wohnungen in diesen Häusern sind aber nur für wenige Letten erschwinglich.

Bilder von hervorragenden Beispielen baltischer Jugendstilhäuser findet man in jedem Reiseführer. Mich hat noch mehr beeindruckt, welche Fülle einfacherer, aber kreativ und liebevoll gestalteter, jedenfalls dekorierter Gebäude nicht nur in Riga, sondern auch anderenorts im Baltikum erhalten ist, freilich oft in einem beklagenswerten Zustand. Bei uns sollen in der Nachkriegszeit noch einmal so viele solcher Bauten verschwunden sein wie in den Kriegsjahren zerstört wurden. In den sozialistischen Ländern hatte man kein Geld für Neubauten und bei uns keinen Sinn für den „alten Kruscht". 1965 ließen meine Eltern ihr schönes Jugendstilhaus schätzen, weil ich es übernehmen und meine Geschwister abfinden wollte. Der Architekt fand das Haus in gutem Zustand und sagte: ,Aber wollen sie es nicht doch abreißen lassen?"

Freiheitsstatue
Dieses Denkmal errichteten sich die Letten in den Zwischenkriegsjahren, um ihre Unabhängigkeit nach Jahrhunderten von Fremdherrschaft zu feiern. Damals (1935) war ihre Demokratie, so viel ich weiß, allerdings schon abgeglitten in ein diktatorisches Regime. Nach vielen leidensvollen Jahren wurde das Land erneut unabhängig, nicht von alleine, sondern im Zuge seiner „Singenden Revolution". Der Platz um die Freiheitsstatue spielte in diesem Prozess eine große Rolle und auch deshalb ist sie mehr als nur ein Denkmal. Schade, . dass man bei dieser Vorgeschichte keine andere Form für die Wachablösung gefunden hat; das steife militärische Protokoll passt nach meinem Empfindung eher zu einer Diktatur.

Bikernieki
Im Wald von Bikernieki, etwas außerhalb von Riga, wurden in den Jahren 1941 bis 1944 etwa 45.000 Menschen von der SS und ihren Helfern ermordet, Juden aus Lettland, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei, politische Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene. 1991 kam Erik Herzei aus Österreich an den Ort, wo seine Eltern ermordet wurden. Für seine Idee einer Gedenkstätte konnte er den lettischen Architekten Sergej Risch gewinnen, dem später die Ausführung übertragen wurde. Menschen aus vielen Ländern brachten das Geld für die Gedenkstätte zusammen. 2001 war sie fertig gestellt. Der Dumont Reiseführer „Baltikum" von 2005 erwähnt sie noch nicht.

 

Mir vorzustellen, dass dieser lichte, jetzt frühlingshafte Laubwald über Jahre hinweg ein Ort des Schreckens war, fiel mir nicht leicht. Die vierzig Massengräber liegen in ihm verstreut, jedes mit einer schmalen Einfassung aus Stein und daneben einer Stele mit einem Davidsstern oder einer Dornenkrone. Auf jedem Grab steht, fast verloren auf der großen Fläche, ein ungeglätteter Naturstein. Auf einem Grab stehen zwei dieser Steine nahe zusammen, etwa gleich groß und einander zugewandt; vor allem ihr Bild erscheint vor mir, wenn ich an diesen stillen Vormittag in Bikernieki . denke. Es war gut, alleine auf den Waldwegen herum zu gehen und danach auf dem Zentralplatz das Psalmwort zu hören.

Karl Hayler

 

ACH ERDE
BEDECKE MEIN BLUT NICHT,
UND MEIN SCHREIEN FINDE
KEINE RUHESTATT!

Hiob 16;18

Rigaer Attstadt

Orgeldonner. in Stein geboren.
Krumme Gassen, wo Geister gaukeln.
Hingerissen und weltverforen
Schritt Ich oft durch uralte Tore,
Wo Laternen im Dunkel schaukeln.

Wo Latemen ins Dunkle locken.
Fiel ihr Licht wle goldene Taler
Auf verwitterte Höfe und Häuser
In der schweigsamen Gasse der Mater.
Es ertönten eheme Glocken,
Immer leiser und leiser und leiser.

Fahler Mondschein umzauberte Giebel
Wie erzitterndes Spinngewebe.
Und ich wußte nicht, ob ich lebe,
Ob ich leide und ob ich liebe. 
Alles Wirkliche war im Entgleiten.
Ich war Stein fm Gebilde der Zeiten.

Aßes Menschrtche war entschwunden,
Wilder Schmerz und erblühender Fieder.
Und aus tausend stelnemen Wunden.
Strömte Mittelalter hemieder -
Alte Weisen, urafte Lieder,
jeder Erdenschwere eotbunden

Wo Laternen im Dunkel schaukeln,
Wo die Schritte der Gegenwart stocken,
ließ ich oft mich von dirbegaukefn,
Alte Stadt, arte Mär, alte Weise.
Wte mein Herzschlag sind deine Glocken
Immer leiser und leiser und leiser.

1949
Anatols lmermanis

Rigaer Altstadristeines derwenigen erhaltenen
von lmennanis auf Deutsch verfaßten Gedichte.

Samstag, 6. Juni 2006

Heute verlassen wir das schöne Riga bei blauem Himmel. Noch einmal können wir vom Bus aus einen Blick auf verschiedene Monumente werfen und Gabriele füttert uns wieder mit jeder Menge geschichtlicher Informationen. Besonders das große Denkmal für die „lettischen Schützen" fordert heraus. Wir erfahren dabei noch über den Freiheitskampf, die russische Besatzung, die deutsche Besatzung, ihre Kämpfe auf Seiten der „Roten" - und auch „Weißen" während der russischen Revolution und schließlich ihren ,Aufstieg" in die Leibgarde Lenins. Das Korps bestand noch bis 1938.

Dann gibt es noch Schönes aus dem Lautsprecher: ein Gedicht zum Thema Abschied gelesen von Gabriele und Musik von Schubert ausgesucht von Herrn Schäfer und interpretiert von Gideon Kremer.

Eine sanfte Landschaft zieht am Busfenster vorbei, leicht gewellt und von noch spärlichem Grün bedeckt. Baumgruppen und einzelne Gehöfte, zwischendurch ein Wäldchen und viele Störche, die durch die feuchten Wiesen „waten". Das Land ist dünn besiedelt aber auffallend viele Bushaltestellen am Straßenrand bestätigen Gabrieles Aussage, dass der öffentliche Verkehr gut entwickelt ist, obwohl meist keine größeren Siedlungen in der Nähe sind. Dörfer sind an einer Hand abzuzählen.

Unser erstes Ziel des Tages erreichen wir am späten Vormittag: Rundale. Es ist ein kleines Versailles, leuchtend weiß und gelb restauriert mit einem noch nicht ganz fertigen prächtigen französischen Park dahinter. Nie zerstört sei es worden, so die Aussage der Führerin, aber viele Besatzer und Revolutionäre haben darin gewütet in den letzten 200 Jahren und es seiner gesamten Ausstattung beraubt. Nach dem 2. Weltkrieg als Schule und Lager genutzt war es sehr heruntergekommen und die Restaurierungsarbeiten werden wohl noch einige Jahre dauern.

Wir erfahren sehr viel über die Familie derer von Biron, die hier bis 1795 residierten. Der Erbauer, Ernst Johann Biron, ließ sich diesen Sommerpalast von dem Barockbaumeister Rastrelli erbauen als er Herzog von Kurland wurde. Sein Einfluss reichte als Günstling Katharinas der Gr. bis Russland. Nach ihrem Tod verlief sein Leben nicht mehr glatt obwohl er einst so groß und mächtig war. Er dankte zu Gunsten seines Sohnes Peter ab. Der aber konnte sich gegenüber dem livländischen 
Adel nicht durchsetzen und gab seinen Titel gegen entsprechende Entschädigung 1 795 an Russland zurück, um sich auf seine schlesischen Güter zurückzuziehen.. Viel hören wir auch von der Herzogin Dorothea, seiner Frau, der schönen und geistreichen Bewohnerin im späten 18. Jh., die die Räume den Größen der Zeit öffnete und als weit gereiste Person einen gewissen Glanz verbreitete. Der heutige Chef des Hauses lebt als Professor in München und nimmt wohl großen Anteil an der Restaurierung des Schlosses und hat auch einige Familienstücke zu Ausstattung überlassen.

Danach ist die richtige Zeit für ein Mittagessen in einem neuen Straßenrestaurant mit schöner Terrasse, das uns zum Draußen sitzen verleitet obwohl die Temperaturen immer noch frisch sind. Sie müssen hier eine Fasanenzucht in der Nähe haben, denn dieser Vogel erscheint wirklich in jeglicher Fasson auf der Speisekarte.

Nachmittags nähern wir uns dann einem Nationalheiligtum, dem Berg der Kreuze, es handelt sich ja eher um einen kleinen Hügel auf einer Bodenwelle, ist aber schon von weitem zu sehen. Tausende von Kreuzen jeder Form und Größe und aus allen erdenklichen Materialien sind hier aufgerichtet, an einander gehängt, auf einander gelegt. Immer wieder wurden sie in der Vergangenheit auch zerstört und sind so zu einem Sy mbol des Widerstands geworden. Auf den ersten Blick wirkt es auf mich wie ein Schrottplatz aber es ist tatsächlich eine Pilgerstätte und die Menschen kommen, um hier Freude, Not und Trauer auszudrücken und sich Trost und Stärkung zu hören.

 

Nach dem Besuch des letzten Papstes hier, hat man beschlossen ein kleines Kloster zu errichten. Und so haben sich die Franziskaner mit einigen Novizen niedergelassen. Hinter dem Altar der kleinen Kirche öffnet sich ein Fenster mit vollem Blick auf den Berg der Kreuze und bezieht damit alle Besucher in den Raum mit ein. Ein sehr geschäftiger Pater begrüßt uns, denn wir sehen in der Kapelle natürlich einen guten Ort für die tägliche Andacht und er will uns am deutschen Gesang erkannt haben. Wir wundern uns etwas, denn eigentlich haben wir nur Halleluja gesungen! Am liebsten ließe er uns überhaupt nicht mehr gehen. Er begleitet uns noch bis zum Bus und winkt uns segnend nach, wir haben leider gar keine Zeit!

Der Tag neigt sich schon und wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Die letzten 1 00 km sind zum Glück Autobahn und die Besichtigung von Memel wird einfach auf später verschoben. Aber für einen kurzen Stopp am Strand nördlich von Klaipeda reicht es noch. Einige wollen heute noch das Meer sehen und sich tüchtig durchpusten lassen. Vielleicht sieht es im Sommer hier schöner aus?

Jetzt fahren wir direkt zur Fähre und setzen auf die Nehrung über. Das Haff ist völlig ruhig. Es sind dann doch noch 50 km auf der kleinen Landstraße, die die Halbinsel durchzieht aber gegen 20.00 Uhr sind wir in unserem Hotel und beziehen unsere Zimmer.

Kalt ist es aber wir schlafen gut.

Helga van't Veer

 

SONNTAG, den 4. Juni 2006

1 . Fahrt zur fast 90 m hohen „Grossen Düne", von der aus eine weite wüstenartige Landschaft zu überblicken ist.
Hier die Genese einer Nehrungslandschaft:
Voraussetzung ist das Vorhandensein einer Bucht und eines Sandstrandes, der in Hauptwindrichtung verläuft. Von der windzugewandten Seite der Bucht wandert in einem relativ schmalen Streifen der Sand der Stranddüne in die Bucht hinein und bildet im laufe der Zeit die in Windrichtung fortschreitende Nehrung. Sie trennt Meer und Haff voneinander und verbreitert sich allmählich zum Haff hin, das im Lauf der Zeit immer kleiner und letztendlichaufgefüllt wird. Das Haff behält eine Öffnung zum Meer, falls ein Fluss in das erstere einmündet. Geografisch könnte man von einer natürlichen Küstenbegradigung sprechen. Die Vegetation folgt der Entwicklung in der Form, dass zunächst auf den wassernahen Standorten Erlenwälder entstehen. Diese bleiben im Lauf der Nehrungsentwicklung auf die haffseitigen Ränder beschränkt, werden aber von dem nachkommenden Sand zugedeckt und sterben ab. Auf etwas höher gelegenen Teilen können auch anders zusammengesetzte, weniger erlenreiche Laubwälder entstehen mit Weide, Zitterpappel, Spitzahorn, Linde und Eiche. Auch sie verschwinden im laufe der weiteren Entwicklung unter dem Flugsand bzw. verschieben sich in Richtung Haff. Ohne menschlichen Einfluss bildet auf der Hauptfläche der Nehrung der Flugsand wandernde Dünen. Eine erfolgreiche Besiedelung hat die Festlegung der Dünen zur Voraussetzung. Dies geschieht durch Pflanzen von Kiefern, teilweise auch von Latschen. Es ist somit anzunehmen, dass der größte Teil der vorhandenen Kiefernwälder gepflanzt wurde. Werden diese älter und humusreicher, samen sich in zunehmendem Maß unter den Kiefern Laubbäume an. Die Eberesche spielt dabei auf der Kurischen Nehrung eine wesentliche Rolle. Wie ein solcher im Lauf langer Zeit entstandener Wald aussieht, konnte man sehr schön auf dem Hexenberg sehen, der auf einer schon lange festgelegten Düne wächst.

2. Besuch des Ferienhauses von Thomas Mann, in dem er die Sommer 1930 bis 1 932 verbrachte, während er an dem Roman „Joseph und seine Brüder" arbeitete. Auch Mitglieder der Malergruppe „die Brücke" (Schmidt-Rottluff und Pechstein) besuchten die Nehrung.

 

3. Den Pfingstgottesdienst feierten wir zusammen mit der kleinen Gemeinde in der evangelischen Kirche von Nida. Der junge einheimische Seelsorger und ein Gastpfarrer aus Deutschland gestalteten ihn zusammen zweisprachig als Abendmahlsgottesdienst mit einer extra ausgesprochenen Einladung an alle, was uns als katholische Glieder der Reisegruppe besonders berührte und erfreute. Anschließend lud die Gemeinde zu einer liebevoll bereiteten Kaffeetafel ein. Dabei berichtete der Gemeindepfarrer über die Situation der Protestanten in Litauen und über seine Arbeit:
- Vor dem 2. Weltkrieg waren ca. 3% der Bevölkerung protestantisch. Deutsch und protestantisch waren weitgehend identisch. Der Anteil der Protestanten sank durch die Flucht der Deutschen auf weit unter 1%. Die deutsche Sprache war nachdem Krieg verpönt. Wer sie benutzte, riskierte „die weißen Bären in Sibirien zu sehen".
- Übrig blieben nach dem Krieg kleine Gemeinden, die ihre Seelsorger ohne staatliche Hilfe bezahlen müssen. Jeder muss mehrere Gemeinden betreuen. Trotzdem ist die wirtschaftliche Existenz ungesichert, und jeder braucht einen Nebenjob, um über die Runden zu kommen. ,,Pastor sein ist ein teures Hobby''.
- Die Frage, ob die protestantische Identität noch mit der deutschen verbunden sei, wurde nicht ganz eindeutig mit Nein beantwortet, unter Hinweis auf die eigene familiäre Vergangenheit. Aber Ziel sei: ,,Nationalität und Konfession sollen nichts mehr miteinander zu tun haben"!!
- Zur Ökumene: ,,Es ist ein Verhältnis wie zwischen älterem und jüngerem Bruder. Unter Zeugen ist man freundlich, ohne Zeugen wird der jüngere Bruder oft nicht ganz ernst genommen."
- Seit dem Niedergang der Sowjetunion sind neue, unbehinderte Aktivitäten in den Gemeinden möglich geworden. - Theologiestudenten gibt es inzwischen verhältnismäßig viele, aber „Pfarrer werden ist eine Herausforderung"!
- Antwort auf die Frage, ob es litauische Protestanten gibt: ,,Protestantische Pastoren übersetzten die Bibel ins Litauische und gaben litauische Bücher heraus."

4. Besuch des Bernsteinmuseums. Dabei erfuhren wir, dass sehr viel des massenhaft angebotenen Bernsteins aus Plastik besteht. Echtheitsprobe: echter Bernstein muss in einer 10%igen Kochsalzlösung schwimmen.

5. Am Abend erfreute uns noch eine Instrumentalgruppe mit litauischer Volksmusik, die so gar nichts mit dem „Musikantenstadel" gemeinsam hatte.

 

6. Anschließend konnten wir im evangelischen Gemeindehaus nochmals diesen reichhaltigen Pfingsttag überdenken.

Hildegard und Gerhard Schulz

Montag, den 05.06.06

Fahrt nach Kaliningrad

Nach total verregnetem Vortag startet unsere gesamte Reisegruppe bei strahlendem Sonnenschein zu einem Tagesausflug nach Königsberg.

Nach Königsberg? Dort gibt es ja nichts mehr zu sehen. So die Meinung mancher Besucher dieser Stadt. Aber eben das wollen wir mit eigenen Augen sehen und selbst erfahren.

Von Nidda aus ist es nicht weit bis zur russischen Grenze. Eine schnurgerade Strasse auf der >Nehrung durch Kiefernwald, hier und da blitzt die Ostsee durch die Bäume.

An der Grenze lässt man sich Zeit. Nachdem unsere Pässe eingesammelt wurden, müssen wir warten. Eine Stunde, zwei Stunden, und draußen lacht die Sonne. Endlich dürfen wir weiterfahren. Es herrscht Betroffenheit. Als reiselustige Mitteleuropäer hatten wir schon vergessen, wie Grenzen waren.

Jetzt befinden wir uns im Gebiet der Kaliningrader Exklave. Eine rege Bautätigkeit fällt auf. Neben stark vernachlässigten Plattenbauten wachsen neue architektonisch phantasievollere Wohnblöcke empor. Gabriele weist darauf hin, dass es bis heute zwischen Litauen und Russland ungeklärte Grenzfragen und Immobilienforderungen gibt. Vielleicht mit ein Grund für den unerfreulichen Grenzübertritt?

Im Nu sind wir in Kaliningrad. Unsere russische Stadtführerin, die schon lange auf uns gewartet hat, steigt in den Bus.

Bin ich Lilja, stellt sie sich vor und beginnt, mit ty pisch russischem Akzent und melodischem Tonfall ihre Stadt zu erklären. Immer wieder wird ihr Hauptanliegen deutlich. Mitnichten haben die Russen alle verbliebenen Reste des alten Königsbergs getilgt. Es gibt sie bis heute, die Spuren und Bauten, die an die einst urdeutsche Stadt erinnern.

Der Name Königsberg stammt von der Königsburg, die vom Deutschen Orden unter ihrem Hochmeister, dem böhmischen König Ottokar II. 1255 gegründet wurde. Das dort ansässige baltische Ostseevolk Pruzzen wurde christianisiert und unterworfen, gab aber Preußen seinen Namen. Nach wechsel - und leidvoller Geschichte führte der 2. Weltkrieg durch das Bombardement britischer Bomber 1 944 und die Eroberungskämpfe 1945 zur endgültigen Zerstörung der einstmals deutschen Stadt. Das Königsberger Gebiet fiel Russland zu. Im April 46 erfolgte die Umbenennung in Kaliningrad. Die verbliebene deutsche Bevölkerung wurde ausgewiesen. Neusiedler aus den zerstörten russischen Gebieten trafen ein.

Heute wohnen in Kaliningrad 430 000 Menschen, hauptsächlich Russen, aber auch Ukrainer, Belorussen und Litauer. Die in zweiter und dritter Generation heranwachsenden Kaliningrader fragen in steigendem Maße nach der alten Geschichte ihrer Stadt und sind auf den Namensgeber Kalinin wegen seiner, stalinistischen Vergangenheit nicht mehr stolz. Diese beginnende Identifikation birgt die Hoffnung für einen weiteren Wiederaufbau der Stadt.

Durch unsere Verspätung bleibt nur wenig Zeit für eine Stadtrundfahrt. In schneller Abfolge sehen wir das Roßgärter Tor, den Oberteich, den Dohnaturm, der das Bersteinmuseum beherbergt. Im Königsberger Gebiet wird in Palmnicken Bernstein im Tagebau abgebaut. Der einstige Hanseplatz wurde als Platz des Sieges umgestaltet und erhielt eine Triumphsäule. Dem Schauspielhaus gegenüber sehen wir ein 1960 restauriertes Schillerdenkmal. Aber auch für drei aus Kaliningrad stammende Astronauten wurde ein Denkmal gesetzt. Stolz zeigt Lilja uns das Villenviertel Amalienau mit vielen erhaltenen Villen, die z.T. bereits stilgerecht renoviert wurden. Weitere Tore sind noch erhalten: das Brandenburger Tor und das Königstor mit den drei kopflosen Skulpturen von Ottokar II., Friedrich 1. und Herzog Albrecht. Die Schlossruine steht nicht mehr. Sie wurde auf Befehl von Breschnjew endgültig beseitigt. Heute steht hier ein Plattenbau von beeindruckender Größe und Hässlichkeit.

Weiter geht es vorbei an der Waggonfabrik zu den drei Häfen am Pregel, die Kaliningrad mit der Ostsee verbinden. Dem Pregel stromaufwärts folgend erreichen wir den Stadtteil Kneiphof mit dem in den 90-er Jahren wieder aufgebauten Königsberger Dom. Wir besteigen den Turm, in dem sich ein Kunstml!seum befindet. Wir steigen immer höher und kommen einer wunderbar klingenden Chormusik näher. Schließlich erleben wir beglückt eine hochkonzentrierte Probe des Königsberger Domchores bestehend aus sieben Personen (drei Frauen und vier Männern). Ein kleines Konzert wird uns dargeboten. Wir waren tief beeindruckt von den mit russischer Gefühlstiefe und Seelenkraft und hoher Musikalität vorgetragenen Liedern.

Um den Dom herumlaufend standen wir schließlich vor dem Kant-Grab, ein wichtiges Ziel unserer Reise. Ein schmucker Steinsarg, eine schlichte Tafel: Immanuel Kant 1724 - 1804, wird von einem durch rechteckige Säulen gestützten Dach überwölbt. Einige frische Blumen lagen am Sarg.
Die Aufklärung ist eng verbunden mit dem Namen Kants, dem großen Sohn Königsbergs, der als Dozent an der ehrwürdigen Universität Albertina lehrte und von dem gesagt wird, dass er zu Lebzeiten niemals seine Heimatstadt verlassen hat.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen."

Dem Grabmal gegenüber direkt am Pregel steht das Denkmal des Herzogs Albrecht, der im Jahre 1544 die heute zerstörte Universität Albertina gründete, die Wirkungsstätte Kants von 1 755 bis 1 796. Ein Gedenkstein für die Albertina ist unweit zu sehen.
Bei einer späten hastigen Mittagspause stärkten wir uns in einem Luxushotel mit einer Tasse Kaffee und einem Petit four.

Weiter ging die Fahrt in Richtung polnische Grenze, wo wir in Mühlhausen, dem heutigen Gvardejskoje, die Grabstelle der jüngsten Luther-Tochter Margarete aufsuchen wollten. Margarete war mit dem Ritter Georg von Kunheim, einem großen Luther-Verehrer verheiratet und dort im Alter von 36 Jahren gestorben. Mit großer Verantwortung erfüllte die fünffache Mutter ihre Aufgabe als Patronin der Mühlhausener Kirche. Die Kirche wurde als Feldsteinbau im 1 4. Jh. erbaut, erhielt einen gotishen Turm und Renaissance-Anbauten. Sie besteht aus einem dreischiffigen Langhaus mit rechteckigem Chor, alles überdacht von einem Holztonnengewölbe, auf dem noch heute eindrucksvolle Fresken biblischer Szenen zu sehen sind. Durch die Initiative eines Förderkreises gelang es, das lange Zeit zweckentfremdete Gebäude durch ein neues Dach vor dem Verfall zu retten.

 

Auf der Heimfahrt machten wir noch eine kurze Runde durch Rossitten, einem Fischerdorf auf russischer Seite der Nehrung. Ermüdet von den vielen widersprüchlichen und bewegenden Eindrücken kehrten wir spätabends in unser Hotel zurück.

llse Morgenstern

Dienstag, 6. Juni 2006 Der 9. Tag

Wir verlassen Nida nach zwei Tagen, die uns gezeigt haben, wie sich die Kurische Nehrung bei kühlem Regen und Wind anfühlt. Der Bus bringt uns in die Nähe des Strandes. Auch heute sieht es kaum nach Badewetter aus. Es herrschen Windgebraus und Wellenrauschen, die jegliches besinnliche Wort davontragen würden.

So machen wir uns erst einmal alle auf den Weg zu einem Strandspaziergang. ,Alle nach rechts gehen, denn links ist die russische Grenze sehr nahe". Wir befolgen diesen Rat nach unseren einschlägigen Erfahrungen mit russischen Grenzern sehr gerne.

 

Nun gibt es verschiedene Methoden einen Strand „zu erobern". Man zieht die Schuhe aus, um den Sand zwischen den Zehen zu spüren, man lässt den Blick übers Wasser schweifen oder hält nach Muscheln und angeschwemmtem Strandgut Ausschau. Hier ist uns schnell klar: Wir sind in einem Paradies für Steinesammler. Vielleicht glaubt ja auch der eine oder andere an einen supergroßen Bernsteinfund. Aber was hier an steinigen Prachtexemplaren verschiedenster Formen und Farbtönungen herumliegt, ist überwältigend. Nur der Gedanke an das Gewicht und den begrenzten Raum im Koffer verhindert unmäßiges Beladen der Anoraktaschen. Im Übrigen ist nach Recherchen der Autoren allerdings niemand unserer Reise­ gesellschaft durch Funde monetär reich geworden.

Auf der Weiterfahrt hörten wir von Frau Hofmann Besinnliches über das Staunen, eine Betrachtungsweise, die spirituelle Qualität haben kann und „die Schleier der Trivialität zu zerreißen vermag".

Gabriela bereitet uns mit vielen Informationen auf unser nächstes Ziel - Judokrante (Schwarzort) -über Bevölkerung und Geschichte des Ortes vor. Ab 1 854 wurde hier Bernstein gefördert. Zeitweise waren bis zu 60 Arbeiter damit beschäftigt. Nach etwa 40 Jahren wurde die Förderung unrentabel. Heute ist Judokrante ein beliebter Ferienort inmitten eines herrlichen Kiefernwaldes.

Die Attraktion des Ortes ist der „Hexenberg". Ein von vielen Holzplastiken gesäumter Rundweg führt den Betrachter in die Märchen - und Sagenwelt Litauens ein Die meisterhaft geschnitzten Figuren sind von großer Ausdruckskraft und künstlerischer Qualität. Einige Motive tauchen immer wieder auf, z.B. die Natter als Glücksbringer im baltischen Märchen oder das „Sönnchen", ein stilisiertes Sonnensymbol, das man auch an litauischen Volkstrachten wieder findet.

 

Die exakt einhundert Holzplastiken wurden im Rahmen von workshops durch regionale Künstler geschaffen. Diesen ist auch eine Holzstele auf dem Hexenberg gewidmet. In der Nähe unseres Treffpunktes zur Weiterfahrt entdecken wir eine Marmorpyramide und erfahren hier, dass die Kurische Nehrung zum schützens­ werten Weltkulturerbe der UNESCO gehört.

Nach der dritten obligatorischen Volkszählung" sind trotz aller vereinigten Hexen­ kräfte sämtliche Reisende zur Weiterfahrt an Bord. Die guten Geister haben letzt­ endlich doch obsiegt.

Damit wir nicht alle „unbeleckt" nach Klaipeda (Memel), unserem nächsten Ziel, kommen, bereitet uns Gabriela recht ausführlich auf das Unbekannte vor.

Die Stadt hat ca. 21 0 000 Einwohner und gilt als die symbolische Hauptstadt Westlitauens. Sie wurde um 1 250 gegründet und erhielt bereits 1 258 Stadtrecht. Zwischen dem 1 3. und dem 20. Jahrhundert erlebte die Stadt Höhen und Tiefen. 1 945 wurden durch kriegerische Auseinandersetzungen etwa 2/3 der Bausubstanz vollkommen zerstört. In der darauf folgenden Zeit bis zur „Singenden Revolution" wurden die noch bestehenden Kirchen durch die Sowjets zu Lagerhallen, Museen o.ä. umfunktioniert. So ging mit der materiellen Zerstörung eine geistige einher.

In der Mittagszeit erreichen wir die Fähre nach Memel. Es gibt seit einiger Zeit l Bestrebungen, sie durch eine Brücke zu ersetzen. Naturschützer wehren sich jedoch energisch gegen dieses Bauvorhaben.

Unser Rundgang beginnt auf der ältesten Brücke der Stadt, die als Zugbrücke ausgebildet und mit einer Zollstation eingerichtet war, die für die Stadt beträchtliche Einnahmen dargestellt hat. Dann schlendern wir durch die Straßen der Altstadt. Die Straßennamen zeigen uns noch heute das Wirkungsgebiet der früher dort arbeitenden Handwerker. Schließlich sind wir am Simon - Dach - Brunnen mit der Bronzefigur des ,,Ännchen von Tharau".

 

Hier trennen wir uns zur Mittagspause (Einkaufen, Bummeln, ,,blinys" essen und Cappuccino trinken)

Über My thologie und Religion im Baltikum erzählt uns Frau Hofmann unter anderem auf der doch noch langen Fahrt nach Kaunas. Die My then sind so unterschiedlich, dass man sich fragt, ob es jemals ein urbaltisches Volk gegeben hat. Auffällig ist die große Präsenz der Verstorbenen im Alltag der Lebenden. Wichtig sind für sie Ahnen, Seelen und Geister. Die Seele verlässt den Körper im Schlaf. ,,Träume sind die aktive Tat desjenigen, von dem geträumt wird". Die Menschen glaubten daran dass sie in den Bäumen der heiligen Haine (Jenseits) wiedergeboren werden. Dabei verkörpert die Linde die Frau, die Eiche den Mann. Störche und Wasservögel sind Seelentiere. An bestimmten Kalendertagen wurde Verbindung zu den Toten aufgenommen.

Kurz vor dem Erreichen von Kaunas ergriff Herr Schäfer zur Verabschiedung von Gabriela das Wort, um ihr für die gute, informative Reisebegleitung zu danken. Wohlwollender, kräftiger Applaus!

Bärbl von Keller, Hanne Maissenbacher, Alfred Schmidt

 

Mittwoch, 7. Juni 2006

Kaunas

Die Sonne schien, als wir, von der Aussichtsplattform mit der riesigen Perkunas­ Statue kommend, die alte Festung erreichten. An einem Birkenhain gingen wir vorbei, blickten auf ein Stadion, wo Johannes Paul II. im Jahr 1 993 eine Messe zelebrierte. Das Stadion und der Platz waren damals voll von Zehntausenden von Menschen, die Gott dankten und ihre Freiheit feierten.
Direkt daneben erhebt sich die turmlose Georgskirche, deren stadtabgewandter Giebel auch heute noch wie ein Geräteschuppen aus der Zeit der sowjetischen Besatzung aussieht. Hoch erhebt sich der Innenraum, aber er wirkt kalt, kahl und grau. Der Staub einer Epoche lagert noch auf ihm. An der Stelle, wo die Kanzel war, ragen zwei Holzbalken etwa 30 cm aus der Wand.
Wir singen, um den Staub und die Kälte zu vertreiben. Ein Franziskaner (ihnen gehört die Kirche heute) steht ruhig und demütig in unserer Nähe, hört zu, dankt uns am Ausgang. Kirche und Leben in Armut.
Nach ein paar Schritten stehen wir auf dem Rathausplatz; ruhig und gelassen liegt er da. Das spätbarocke Rathaus mit seinem schlanken Turm, der sich immer mehr verjüngt und eine zarte, dunkle Haube trägt, erhebt sich am zum Park gelegenen Ende des Platzes. Liebevoll nennen die Einwohner das schöne Gebäude „weißer Schwan"!
Auf dem Weg zur Memel (Nemunas) kommen wir zu einem spätgotischen Backsteingebäude mit vielen Schnörkeln, Ziertürmchen und Erker, von einem deutschen Kaufmann zur Zeit der Hanse erbaut. Die Hanse hatte hier aber nur ein Kontor. Heute heißt das Haus „Perkunas-Haus", weil bei Umbauarbeiten eine Bronzestatue gefunden wurde, die den Donner- (und Haupt-) Gott der Pruzzen, Kuren und Litauer darstellen soll. Eine riesige Statue des Gottes aus Holz sahen wir auf der Aussichtsplattform. Die Benennung des Hauses, die Statue hoch oben, wie auch der Hexenwald in Schwarzort (Juodkrante) zeigen, wie Gestalten und My then der vorchristlichen baltischen Religion noch lebendig sind. Auch in dem Gedicht Johannes Bobrowskis „Pruzzische Elegie" tauchen diese „heidnischen" Gottheiten auf, verbunden mit dem Schmerz über die Ausrottung der pruzzischen Sprache und einer unterschwellig vorhandenen Anklage des Ritterordens und seiner Methoden der „Christianisierung", die Bobrowski in einem lnterwiew einmal sogar mit Hitlers Raubkrieg der verbrannten Erde verglichen hat.
Direkt am Memelufer steht die Vy tautas-Kirche, benannt nach jenem Fürsten des polnisch-litauischen Großreichs, der den Ritterorden 1410 bei Tannenberg vernichtend schlug, die Kirche aber errichten ließ, um den Litauern das Annehmen des Christentums nahezulegen, aber ebenfalls für die ausländischen, schon christlichen Kaufleute. Es war also auch eine taktische Maßnahme, weil Kaunas weg_en seiner Lage ein wichtiger Handelsplatz war.
In der Kirche war es still und hell. An einer Wand hingen, an einem Bindfaden mit kleinen Klammern befestigt, Kinderzeichnungen mit heiteren und köstlichen Engeln.

Wir stehen am Eingang zum Ghetto, das schon Anfang Juli 1 94 1 eingerichtet wurde und bis 1944 bestand. Auf dem Gedenkstein, der sich an der Stelle des Tores befindet, können wir dies auf Litauisch und Hebräisch lesen. Er glänzt rötlich dunkel und wirft in der Morgensonne einen Schatten auf das Pflaster.

Abends sahen wir hinaus
auf ein steinernes Tal. Der Habicht schwebte
um die breite Kuppel.
Sahen die Stadt, alt, Häusergewirr hinunter
bis an den Strom.

Wirst du über den Hügel
gehen ? Die grauen Züge -
Greise und manchmal die Knaben -
sterben dort. Die gehen
über den Hang, vor den jachernden Wölfen her.

Sah ich dich nicht mehr an,
Bruder? An blutiger Wand
schlug uns Schlaf. So sind wir
weitergegangen, um alles
blind. Im Eichwald draußen
mit der Zigeuner Blick die Dörfer, hinauf um die Firste
des Sommers Schnee.

Tief im Regengesträuch
werd ich treten den Uferstein,
lauschen im Dunst der Ebenen. Da waren die Schwalben
stromhinauf und die Nacht
grün, die Waldtaube rief:
Mein Dunkel ist schon gekommen.

Johannes Bobrowski

In eigenem Namen füge ich noch einen Text hinzu, der in der Nacht danach, schon in Wilna/Vilnius entstanden ist:

Kaunas 2006

Der Wind nimmt
fort ihre Lieder.
Die Tränen,
erstarrt längst zu Stein:
Kristalle des Schweigens.
Namen. Eingetragen
im Buch des Todes.
Namen. Gedenk-
blatt.
Die Wälder tönen'
voll noch von
ihren Schreien.

Unten am Fluss
schläft die Stadt
grün
an den Schleifen
des Stroms.

Auf dem Fels
tanzen die Kinder.
Ihre Rufe sind
Zeichen. Bunt.
Die Holzhäuser
reden, alt.
Der Eiswind
durchfährt sie.

Wir fahren aus der Kälte wieder hinab in die Stadt, parken ganz in der Nähe des Ciurlionis - Museums, von dem uns Gabriele am Vortag im Bus schon erzählt hatte. Er ist ein dunkel-musikalischer Symboliker und Symphoniker im liebevoll gestalteten Schrein des Museums.

- Kaunas ist die litauischste Stadt, vom Bevölkerungsanteil und vom Bewusstsein her: selbstbewusst und wirtschaftlich in einer Krisensituation.
- Kaunas hat ein Teufelsmuseum, das ein besessener Sammler eingerichtet hat und das mit den tölpelhaft-harmlosen Teufelchen der litauischen Märchen bevölkert ist.
- Kaunas hat eine lange baumbestandene Allee zum Flanieren und Verweilen.
- Kaunas hat sein Freiheitsdenkmal wieder; Lenin ist wahrscheinlich im Freilichtmuseum von Druskininkai
- Kaunas ist eine der Städte, die für uns Deutsche mit der fast vollständigen Vernichtung des europäischen Judentums verbunden ist. 
- Und doch ist Kaunas eine Stadt, wo in der Altstadt noch etwas von der ruhevollen Gelassenheit des Früher vor sich hinträumt.

Nach der Mittagspause fahren wir weiter zum Kloster Pazaislis, einer großen Barockanlage der Kamaldulenser, einem strengen Orden, dessen Mönche nur memento mori sagen durften. Ein laut und anhaltend bellender Hund empfängt uns. Dann führt uns eine gütig-strenge Nonne in die Sakristei und erläutert die sehr gut erhaltenen Fresken in lichten Farben, in der Mitte ein Abendmahl mit spannender Perspektive.
Die Kirche ist ein heller Kuppelbau mit wohltuender Akustik beim Singen. In der Kuppel ist der Himmel dargestellt mit einer Marienkrönung, deren Mariengestalt 5 m groß ist.
Die Kirche ist ein heller Kuppelbau mit wohltuender Akustik beim Singen. In der Kuppel ist der Himmel dargestellt mit einer Marienkrönung, deren Mariengestalt 5 m groß ist.
In der Andacht erfahren wir die Deutung der 153 Fische beim Fischzug. Zahlen sind mystische Zeichen, und H. Vanselow ein Meister ihrer Deutung. Am besten hat mir die Deutung indischer Christen gefallen: Die 1 und die 3 symbolisieren die Dreieinigkeit, die 5 ist der Mensch. Der Mensch in der Mitte ist das Herz Gottes.

Als wir wieder ins heitere Frühnachmittagslicht hinaustreten, sehe ich noch einmal die friedliche Gruppe von Müttern und Kindern, die an einem Tisch sitzen, schwatzen, lachen und Kaffee trinken.
Weiter geht's nach Trakai, dem Wasserschloss des Vy tautas und seiner klugen, des Lesens kundigen Frau Anna. Er wartete hier vergeblich auf seine Krönung zum König.




 

Die Räume haben schöne gotische Rippengewölbe und menschliche Maße, um darin zu leben. Im zweiten Stock ist die Burg als Museum eingerichtet. Besonders in Erinnerung blieben mir die farbenfrohen Bänder, die in Litauen bis heute die Menschen von der Wiege bis in Grab begleiten. In derselben Vitrine gab es auch interessante Schlaghölzer.

Das Gesicht eines Bücherschmugglers hebe ich mir gemerkt, Stankevicius hieß er (1875-1 953) und auf seinen vielen Fußreisen hat er auch Folklore gesammelt.

Faszinierend sind die Vitrinen für die Karäer, einem Turkstamm, die als Kriegsgefangene eines litauischen Großfürsten hierher kamen. Sie leben nach jüdischem Ritus, erkennen aber nur die Bücher des Alten Testaments an und nicht den Talmud.
Besonders erwähnen möchte ich noch das schönste Eintrittsbillett für Toiletten, das ichje sah:

 

Im stäubenden Nachmittagslicht fahren wir nach Vilnius/Wilna, der Hauptstadt Litauens und unserer letzten Station.

Siegfried Xander

Donnerstag, 08.06.06

VILNIUS liegt an der Einmündung des Flusses Vilnia in die Neris und wird vom Oberen Schloss aus dem 14. Jh. mit dem achteckigen Gediminas- Turm überragt. Die Altstadt ist mit ihren über 40 überwiegend barocken Kirchen seit 1994 UNESCO­ Weltkulturerbe. Vilnius zählt 552 000 Einwohner, von denen viele Russen und Polen sind. Für unsere Stadtbesichtigung sind 3 Stunden eingeplant, um 12.00 Uhr soll ein Treffen in der Synagoge stattfinden.
Von unserem „Hotel Centrum Uniquestay'' aus fahren wir mit dem Bus an der Deutschen Botschaft vorbei in Richtung Neris. Rechts sehen wir das Parlament, links die orthodoxen Kirchen am anderen Flussufer. Wir kommen am „Hotel Reval" vorbei, werden auf die neue Stadtverwaltung, die neue Oper und das Regierungsgebäude aufmerksam gemacht und besichtigen dann die St. Peter und Paul-Kirche, die etwas außerhalb der Innenstadt liegt.

 

In den barock-prachtvollen Innenräumen fallen die zahlreichen Stuckfiguren und - gesichter auf, von denen es etwa 2000 geben soll. Der ursprüngliche Altar ist nach Polen abtransportiert worden, jetzt ist nur ein schlichtes Exemplar zu sehen. Auffallend ist ein großer Deckenleuchter in Form eines Schiffes. Wir werden an der Kapelle des HI. Augustinus, der HI. Ursula und der Kapelle der Krieger vorbeigeführt. Es geht dann weiter vorbei am Nationalmuseum zur Gedimino-Straße, wo man 32 neue Lindenbäume eingepflanzt hat, zum großen Kathedralenplatz. Hier entstand im 18.Jh. auf den Steinen der ersten christlichen Kirche, die nach der Konvertierung von König Mindaugas im 14.Jh. errichtet wurde, die tempelartige, weiße Kathedrale St Stanislaus im klassizistischen Stil. In ihr ruhen die sterblichen Überreste des HI. Kasimir in einer eigenen Kapelle. Der freistehende Glockenturm war ursprünglich Wehrturm der im 13. Jh. erbauten Unteren Burg. Am Ostrand des Platzes fällt das Denkmaldes Großfürsten Gediminas auf,derVilniusimSpätmittelalterzur Hauptstadt machte.
Am Daukantas-Platz befanden sich einst die Häuser der Adeligen, er wird beherrscht von dem prächtigen Präsidentenpalast. Von hier können wir in einen der insgesamt 12 Innenhöfe der Universitätsgebäude spazieren, und durch das prunkvolle Portal gehen wir in die St. Johanneskirche, die im laufe ihrer Geschichte erst gotisch, dann im Renaissance-Stil und letztlich spätbarock gestaltet wurde An den Innenwänden sind Grabtafeln verschiedenster Berühmtheiten wie z.B. dem polnischen Nationaldichter Adam Mickiewitz zu finden. Die Universität wurde mit den Jesuiten 1579 gegründet.
In der Stikliu-Gasse fällt uns ein Cafe namens „Damenglück" mit seiner hübschen bunten Bemalung auf und wir kommen dann am Wohnhaus von Gaonas Elijahu vorbei., dem Vordenker der osteuropäischen Juden. Wie Herr Schäfer zu bedenken gibt, fand gerade in diesemGhettodiejüdischeAufklärung HaskalavieleAnhänger.

Die My kolo- Gasse führt uns zum Gotischen Ensemble mit der spätgotischen St. Annen-Kirche mit reich verzierter Fassade aus 33 verschiedenen Backsteinformen und zahlreichen Türmchen ( Napoleon 1812: ,,Wenn ich könnte, würde ich diese Kirche auf meine Handfläche nehmen und nach Paris tragen" ) und der schlichten großen Bernhardinerkirche. In dem ehemaligen Kloster befindet sich jetzt die Kunstakademie.
In dem einzigen erhaltenen jüdischen Gotteshaus- von einst 96 Sy nagogen vor Beginn des Naziterrors (Jerusalem des Ostens")- treffen wir den Vorsitzenden der zwei jüdischen Gemeinden von Vilnius und Kaunas. Er ist promovierter Rechtsanwalt, 1928 in Vilnius geboren, 1941 mit der Mutter nach Moskau gegangen und 1944 wieder hierher zurückgekehrt, bis auf eine Kusine, die jetzt in Haifa lebt, ist seine ganze Familie ausgerottet worden. Nach dem Besuch des Gy mnasiums, in das er 1957 eintrat und dem anschließenden Studium sei es damals für Juden sehr J schwer gewesen Arbeit zu finden. Der Verfolgung durch die Nazis während der Okkupation folgte der psy chisch-moralische Druck der Russen mit dem Kommunismus.
Anfang des 14. Jh. begann das jüdische Leben in Litauen Vor dem Krieg lebten 250 000 Juden im Land, heute sind es 5000, wovon 3000 aus Vilnius sind. Seit 1990 habe sich die Atmosphäre auch für die Juden Litauens verbessert, aber auch jetzt finde man in den Zeitungen häufig antisemitische Karrikaturen und dergleichen mehr. Er zählt die verschiedensten sozialen Aktivitäten der Gemeinde auf wie z.B. Gratismittagessen, kostenlose Medikamente und Sterbekostenübemahme für Arme, Krankenpflege für Behinderte, Jugendarbeit in Klubs für verschiedene Altersgruppen etc.
Judentum. Die Regierung habe den jüdischen Friedhof seiner Gemeinde übergeben, die Beerdigungen seien kostenfrei. Die jüdischen Traditionen werden gepflegt z.B. in koscheren Restaurants. Es gibt 3 jüdische Sprachen, das Hebräische, das Jiddische und das Ladino. Konflikte innerhalb der jüdischen Gemeinden sind bekannt. Der Gottesdienst findet normalerweise 2 x tgl. statt und samstags ohne Pause von 1 0.00 - 1 4.00 Uhr. Es müssen allerdings mindestens 1 0 Personen anwesend sein. In der letzten Zeit bestünden gute Kontakte mit der katholischen Kirche Litauens. Auf unsere Bemerkung hin, die Gedenkstätte in Paneriai besucht zu haben, gab er uns zu verstehen, dass in den Wäldern um Vilnius 1944 100000 Menschen ermordet worden seien, davon 70 000 Juden.
Um 13.00 Uhr wird das Gespräch von ihm beendet; das von ihm gesprochene Litauisch wurde professionell von unserer Reiseleiterin Lillian übersetzt. Für uns beginnt die 3 1⁄2 - stündige Mittagspause.
Durch das Tor der Morgenröte (1514) mit seiner Kapelle und dem kleinen kunstvollen Madonnenbild aus verziertem vergoldetem Silber kommen wir am Spätnachmittag zur evangelisch-lutherischen Kirche, 1 830 - 35 im spätklassizistischen Stil erbaut, war seit 1 953 Kinosaal, wurde seit 1 990 mit Spenden aus Deutschland renoviert. Der Kirchenverwalter Gintaros Siaudinis hofft, dass er noch den Erwerb einer Orgel erleben kann und es werden alle Möglichkeiten ergriffen, um zu entsprechenden Spenden zu kommen. Allerdings müsse man bei einem Kostenfaktor von ca. 300 000 € Geduld haben.




 

Beim Abendessen und einem anschließenden besinnlichen Zusammensein lassen wir den Tag und unsere Reise ausklingen und es wird schon über ein neues Ziel nachgedacht.

Angela Strempel-Walther

 

Freitag, 09.06.06

Ende gut - Alles gut!

Wir konnten in aller Ruhe noch einmal ein gutes Frühstück genießen und uns dann bei idealem Reisewetter zur letzten „geführten" Fahrt in unseren Bus setzen. Grossen Beifall fand Herr Xander's - nicht problemloses - Ergattern eines Dankes­ und Abschiedsstraußes für Lillian: 6 blaue Lilien für den versprochenen blauen Himmel und 1 weiße für die engelhafte Geduld!
Angenehm war der kleine Flughafen von Vilnius; unsere Truppe fand sich fast alleine in dem Propellerflugzeug wieder - diesmal nicht erstaunt über den kompletten Nichtservice. Die Sicht war oft bestens: das Wasserschloss Traika von oben überwältigend, besonders das Ausmaß der umgebenden Wald- und Wasserflächen.

Wohlbehalten in Frankfurt angekommen, fing mit Günther Polzin das Abbröckeln von der Gruppe an, in Karlsruhe trennten wir uns vom Ehepaar Schulz und den Damen Buchta und Pape. Am Nachmittag fröhlicher Abschied am Busbahnhof in Pforzheim. Kein Teilnehmer, kein Bus oder Flugzeug war je verspätet, selbst alle Koffer haben es geschafft!

Wir sind heim-, aber noch nicht angekommen. Die überwältigenden Eindrücke, die guten und auch schlechten Dinge, die wir erfahren durften bzw. erfahren mussten, brauchen Zeit zur Verarbeitung und zum Vertiefen.

Auf gute Gespräche und die Rückschau am 23. Juli freuen sich

Die Kollmars

 

Pfingsten in Nidda 2006

Deutungen im Rückblick.
Es war auch im Ablauf unsrer Studienreise ins Baltikum die Mitte. Der Weg von Tallinn durch Estland und Lettland lag hinter uns, geruhsame Stunden auf der Kurischen Nehrung und weitere Besuche in Königsberg und Litauen standen bevor. Zu Hause angekommen meinte jemand: ,,Es war das schönste Pfingsten, das ich je erlebte." Andere äußerten schon unterwegs ähnliche Eindrücke. Was war es gewesen?
Sicher waren es auch die 3 Gestalten. Der deutsche Kurprediger aus Hanau mit seinem zerknitterten Talar. dann der junge litauische Kollege mit seinem bischöflich­ würdigen Messingkreuz auf dem nicht minder zerknitterten Talar, und schließlich die im Gottesdienst sowie im Gemeindehaus danach selbstbewusst agierende Mitarbeiterin Christei. Diesen Namen wird niemand so leicht vergessen, der sie dort erlebte.
Aber die drei Gestalten wurde zu dem besonderen Erlebnis eher durch ihr Zusammen wirken und durch ihre gemeinsam vermittelte Offenheit allen so zahlreich erschienen Fremden in dieser Kirche gegenüber. So erlebten auch wir etwas vom Ursprünglichen an Pfingsten.

Die litauische Predigt wurde auch von denen verstanden, denen die Sprache fremd war. Sy mpathisch berührte seine von schlichten Gesten begleitete uneitle Predigtweise. Die Überwindung der baby lonischen Sprachverwirrung durch Verstehen des Fremden gehört seit der Pfingstpredigt des Petrus im Tempel von Jerusalem zur pfingstlichen Urerfahrung.

Als wir hinterher von ihm erfuhren, mit wie wenig Gehalt er wie wohl alle· seine Mitpfarrerinnen und -pfarrer auskommen muss, konnte man auf dem Hintergrund unsrer vergleichsweise reichen Kirche etwas neidisch werden. Dies auch eine pfingstliche Urerfahrung: ,,Gold und Silber habe ich nicht..." (Apg. 3, 6) Dafür aber hatte Petrus, der das sagte, eine Botschaft, von deren zeitlosem Wert er erfüllt war.

Um uns zu lehren, dass der Geist von Pfingsten nicht an theologisches Studium oder hierarchische Strukturen gebunden ist, erschien „Christei". Die Seele der Gemeinde, wie man uns sagte. Sie organisiert die Kaffeetafel, sie löst die Atmosphäre, sie bringt den geräumigen Spendenkorb in Umlauf, nicht ohne ihre konkreten finanziellen Erwartungen an uns deutlich auszusprechen... und sicher vieles andere mehr im Alltag der kleinen armen Gemeinde. Das Motto „Klein aber stark", das uns in der lutherischen Kirche zu Vilnius ein ebenso eindrücklicher „Laien"-Mitarbeiter der Gemeinde sagte, hätte auch zu ihr gepasst.

M. Luther habe gesagt, der Heilige Geist spiele immerzu auf einer Harfe mit nur einer Saite, und die heißt Christus, so zitieren ihn heute noch gerne die evangelischen Prediger. Warum auch nicht. Für seine Zeit kann ich darin eine geniale Veranschaulichung seines Reformwillens sehen. Weg vom Vielerlei hierarchischer Bestimmungen und zurück zum einfachen Evangelium des Mannes von Nazareth, weg von zahllosen Gewissensbelastungen und zurück zur Grundmelodie einer ,,Frohen Botschaft", die sich in Lied und Musik äußern will...

Für uns heute ist es aber vielleicht eher das Bild der großen Harfe mit den vielen Saiten und dem vollen Klang, das uns die Zeit deutet.

Oder weist nicht.z.B. die „Revolution der Lieder'' in eben diese Richtung? Trotz einigerVorbereitungwarichdaraufnichtvorbereitet.EinesingendeRevolution, von Tallinn bis Vilnius immer wieder zitiert. Lieder werden zum Motor einer Befreiungsbewegung schlimm unterdrückter Völker. Eine schöne Parallele zur Revolution der Kerzen und Friedensgebete 1989, wie man sehen kann. Eine Parallele auch zur urchristlichen Gemeinde und zur Reformationszeit im Ursprung , jeweils ohne Lieder nicht denkbar.

Aber es schwingen noch andere Saiten mit, wenn der Geist in die Große Harfe fährt. Den baltischen Völkern ist offenbar bei aller Unterschiedlichkeit eine auffallend musische Seite eigen. Die vielen Skulpturen in Parks und Straßen, Gedichte und Fabeln in großer Zahl, Märchen und Sagen offensichtlich in allen Regionen. . . Jedes Land nennt stolz 1 Million Volkslieder! Da mag etwas lokale Übertreibung mitschwingen. Aber wo zählt man bei uns die Volkslieder, um damit Besucher von außerhalb zu beeindrucken?

Recht unpfingstlich muß einem das Imponiergehabe der mit Burgen bewehrten „christlichen" Rivalen bei Sigulda vorkommen. Wohltuend dagegen erscheint die integrierende Christianisierung etwa in Litauen. Die vorchristlich verehrten Gestalten und Kräfte, dürfen ihren Platz in und unter der neuen Frömmigkeit finden. Da leben sie heute noch. Auch Petrus hat vor 2000 Jahren den neuen Geist gedeutet mit jüdischen Traditionen!

Damit soll dieser Rückblick enden: Der Besuch in der versteckt liegenden kleinen armen Sy nagoge von Riga. Mehr beiläufig gerieten wir dorthin, nachdem wir wenige Stunden zuvor im Wald von Bikernieki an der Gedenkstätte der Massenerschießungen von 1941 gestanden hatten. Ein paar Frauen und wenige jüdischen Männer waren im Sy nagogenvorraum und hießen uns willkommen, uns Deutsche. "Der Geist weht, wo er will", sagte der Rabbi von Nazareth einem fragenden frommen Pharisäer. Der alte Jude von Riga mit seinen großen Augen hinter seiner armseligen Brille erzählte uns stolz vom gerade beginnenden Shavuot­ Fest, und wir sagten ihm etwas von unserem bevorstehenden Pfingstfest. Eine der Frauen belehrt uns noch, dass beides zusammengehört. In der Tat - kein Pfingsten ohne das jüdische Wochenfest als Voraussetzung.

So führt der Pfingstgeist zusammen, was sich getrennt hat. So bringt er zum Klingen, was verkümmert war. Er deutet, was hinter der Fassade ist. Er stiftet Hoffnung, wo Angst die Herzen verbittert oder Haß die Beziehungen vergiftet. Die Große Harfe mit den vielen Saiten und dem vielstimmigen, vollen Klang stiftet Verstehen, Freude und Stärke, auch wo wir nur das Kleine und Unscheinbare sehen.

hms