Kalabrienreisebericht 28. Mai – 6. Juni 2016

Wo genau liegt Kalabrien? 

Es liegt am südlichen Ende des europäischen Festlandes auf der Fußspitze von Italien und ragt als Halbinsel ins Mittelmeer. Es trennt das westliche Mittelmeer vom östlichen. Im Westen schlagen dieWellen des Thyrennischen Meeres an die kalabrische Küste, im Osten die vom Ionischen Meer. Kalabrien erstreckt sich 500 Kilometer vom Pollino-Massiv im Norden bis zur Meeresenge von Messina im Süden. Zum Vergleich: Die Halbinsel Jütland mit Schleswig -Holstein ist von Hamburg bis Skagen genauso groß und lang. Dass unsere nordische Halbinsel die Nordsee von der Ostsee trennt, hat sich wohl jeder schon klar gemacht. Der geologische Unterschied zwischen beiden Halbinseln ist allerdings gewaltig. Die jütländische Halbinsel liegt flach mit maximalen Höhen von 200 Metern zwischen den Meeren, die kalabrische Halbinsel trennt mit gewaltigen Bergketten die beiden Meere des Südens. Ihre Gipfel steigen über 2000 Meter aus den Meeren heraus. Ihre bewaldeten Kuppen überragen alle deutschen Mittelgebirge. Sie haben etwas vom Charakter des Schwarzwaldes, der allerdings 1500 Meter Höhe nicht überschreitet.

Kalabrien hat keine natürliche West-Ost-Verbindung. Der Reisende muss immer  über die Berge. Im Westen Kalabriens steht bis zu 1500 Meter Höhe ein „Barrieren“-Gebirge über dem thyrennischen Meer, die sog. Paula-Kette. Sie sorgt dafür, dass die die Westküste zerklüftet und regenreich und relativ kühl für südliche Gefilde ist. Aus den Paulabergen fließt der einzige wirkliche Fluß des Landes, der Crati. Er windet sich durch die Berge, um sich hinter Cosenza in Richtung Osten in eine breite Ebene zu ergießen und diese fruchtbar zu machen. Sie ist heute wieder die Kornkammer Kalabriens. Der Crati mündet nahe der ehemaligen griechischen Koloniestadt Sybaris ins Ionische Meer. Ein anderes Flüsschen, das aus den Bergen herab kommt, mündet schon nach wenigen Kilometern Lauf in Cosenza in den Crati. Der Busento, so heißt der in Kaskaden aus den Bergen herab stürzende wasserreiche Fluß, ist durch den Gotenkönig Alerich berühmt geworden, der in seinem Flussbett in Cosenza sein jugendliches Grab bekam. 

Das Innere Kalabriens war in seiner Geschichte immer schon ein unwegsames Bergland, in dem in Höhlen Eremiten und Räuber lebten. Wer nach Sizilien wollte, reiste sicherer per Schiff durchs Thyrennische Meer und wer nach Griechenland wollte, fuhr auf der Adria ins Ionische Meer ebenfalls mit dem Schiff.

In der Antike im 8. Jahrhundert kamen von Griechenlnd Siedler und bauten  Handelsstädte am Ionischen Meer. Sie lagen so dicht neben einander, dass es ständig gewaltsame Auseinandersetzung unter den Stadtstaaten gab. Die weiten Ebenen waren fruchtbar, so dass die griechischen Städte Wohlstand und eine hohe Kultur entwickeln konnten. Davon ist heute kaum noch etwas zu sehen. 

In allen Städten der Magna Graeca, die weite, fruchtbare Ländereien um sich hatten, stand im Mittelpunkt der Verehrung Hera. Sie ist als göttliche Erdmutter genauso wie Demeter, ihre Schwester, Trägerin der Fruchtbartkeit, des Wohlstandes und der Lebensfreude. Einer der am reichsten ausgestatteten Hera-Tempel stand an Ionischen Meer bei der Stadt Krotone. Heute sieht man dort nur noch eine Säule stehen. Was die Griechen sich nicht gegenseitig zerstörten und was über die Römerzeit erhalten blieb, zerstörten dann die Sarazenen auf ihren Raubzügen im 9. und 10.  Jhd.. Was dann noch liegen blieb, wurde in derNormannenzeit im 11. Jhd. als Baumaterial u. a. für die Kathedralen verwendet. So verschwand eine der höchsten Kulturen, die die Historiker Magna Graeca nennen. Trotzdem gehört zu einer Reise durch Kalabrien heute der Besuch der Reste dieser griechischen Stadtstaaten.

Nach diesem Exkurs in die griechische Geschichte Kalabriens zurück zur Natur. Südlich der Ebene von Sybaris, durch die der Crati fließt, erheben sich die ausgedehnten, bewaldeten Berge des Sila-Gebirges bis 2000 Meter. Die nördlichen Vorberge, die noch von den Griechen besiedelt oder bewirtschaftet wurden, nennt man Sila Graeca. Hier wohnten Griechen und Byzantiner bis ins Mittelalter. Die hohen, aber abgeplatteten Berge, in denen im Winter Ski gelaufen wird, tragen den Namen Sila Grande. Sie geht über in eine niedrigere Bergregion, die Sila Piccolo heißt. Am Fuß dieser Berge liegt Cantazaro, die  Hauptstadt der Region Kalabrien - Regionen sind in Italien das, was wir „Bundesländer“ nennen. Diese Stadt liegt auf der Ostseite, nahe am Ionischen Meer. Sie ist aber relativ leicht vom Thyrennischen Meer zu erreihen auf einer durch die Berge gebauten Schnellstraße. Hier ist die schmalste Stelle Italiens überhaupt. Vom internationalen Flughafen Lamenzia Therme bis ans Ionische Meer sind es nur 40 Kilometer.

Schauen wir weiter nach Süden in die Spitze der Spitze, türmt sich dort schon wieder ein abgeflachtes Mittel-Gebirge auf, die Serra, die von Bergbauern bewohnt ist. Die Armut und Perspektivlosigkeit der Jugend dort hat zur massenweisen Auswanderung nach Mitteleuopa und Amerika geführt. Nur die Alten leben noch in den langsam verfallenden Häusern. Nun kommen Flüchtlinge aus Afrika und dem Orient über das Mittelmeer nach Italien und bevölkern die menschenleeren Dörfer und alten Städtchen und finden eine ganz bescheidene Existenz. In der Einsamkeit der Serra leben seit dem frühen Mittelalter Eremiten, die von Syrien und Kleinasien kamen. Dort oben auf 1200 Mter Höhe liegt ein Kartauser-Kloster, das heute noch Leben hat. Eremiten des Schweigens und Stille haben sich hier nach einer Regel des Gründers San Bruno zu einer Gemeinschaft zusammen gefunden. Trotzdem steht das kontemplative Allein-leben im Vordergrund. Noch heute ist das Überqueren der Serra ein Haarnadel-kurvenreiches Abenteuer auf schmalen Straßen, besonders wenn man über den 1500 m hohen Pass nach Stilo hinunter und ans Ionische Meer fahren will.

Fährt man von da aus weiter zur Küstenstraße und diese am Ionischen Meer nach Süden, tauchten noch einmal hohe Berge auf. Sie gehören zum südlichste der vier Kalabrischen Gebirge, das man Aspromonte nennt. Der höchste Gipfel erreicht mit 1956 m fast die 2000 Meter-Marke. Am Ionischen Meer reihten sich schon im Altertum die griechischen Städte aneinander. Hier im Süden  war einmal Locri die bedeutendste. Heute sind hier Badeorte. Im Sommer pulsiert hier das Leben. Im Westen des Aspromonte-Gebirges liegt die Stadt Reggio di Calabria. Von hier schaut man über die Meerenge von Messina auf den Ätna nach Sizilien hinüber. 

Im Süden der Gebirgshänge schlagen die Wellen des Meeres gegen die Felsen. Hier ist Kalabrien zu Ende. Das Ionische Meer verbindet sich mit dem eigentliche Mittelmeer.

Ich sagte schon, der lange Weg durch eine früher unwirtliche Bergwelt war so unwegsam, dass Kalabrien von der übrigen Welt abgeschnitten wurde, besonders als der See-Handelsweg nach Osten in den Orient im 15. Jhd. von den Türken blockiert worden war und als die Suche nach einem Seeweg nach Indien Erfolg hatte. Von da an lagen Kalabrien und Sizilien am Ende der Welt. Der Landweg nach und durch Kalabrien ist erst ab 1974 durch den Bau der Autobahn von Salerno nach Reggio di Calabria zur neuen Lebensader Kalabriens geworden. Diese A3 zieht sich durch Kampanien und die Basilikata an den hohen Gebirgen entlang. Durch den Bau des internationalen Flughafens Lamenzia Therme blüht jetzt auch der Tourismus in Kalabrien auf. Es gibt viele Hoffnungszeichen, dass Kalabrien Anschluss an Europa finden wird. Denn dieses Land ist eigentlich reich und  wunderschön.

Bevor ich von unserer Reise im Mai/Juni 2016 erzähle, möchte ich kurz über die 2700 Jahre lange Kulturgeschichte dieses Landes schreiben.

Die Griechen brachten mit ihren Kolonisten-Städten Handel und Landwirtschaft z. B. den Olivenbaum - nach Italien. Ihre Städte waren freie Demokratien. Es blühten Baukunst und eine städtische Kultur. Denker und Künstler wurden von dieser freien und städtischen Welt angezogen, in der sich der griechische Geist zur Hochblüte des menschlichden Denkens entwickelte. 

Diese griechische Kulturepoche wurde von den Römern übernommen, als sie die Herrschaft über den Mittelmeerraum antraten. wurden, nach dem Sieg über die Karthager um 200 v. Chr. 

Das römische Weltreich verfiel 600 Jahre danach durch den Goteneinfall unter Alerich mit seinen Goten fiel  410 n. Chr. in Italien ein und verwüstete Rom.

Nach den Westgoten, die später nach Spanien weiterzogen, kamen die Vandalen und hinter ließen in Italien eine Spur der Verwüstung. Dann schufen die Ostgoten ein Königreich und nach ihnen die Langobarden, die die Herrschaft über Norditalien, Kampanien und Kalabrien übernahmen. Die Küstengebiete an der Adria und am Ionischen Meer gehörten zum Byzantinischen Weltreich.  

So zerstückelten die Germanen und Byzantiner das Mutterland des römischen Reiches. 

Besonders im Süden, am Ionischen Meer, blieb wie seit Jahrhunderten die Bevölkerung griechisch und von Byzanz verwaltet. Dessen Machtstellung wurde im 9. und 10. Jhd.erschüttert durch den Sarazenensturm. In dieser Zeit bauten sie überall  Abwehrburgen. Von denen sind heute noch gewaltige Grundmauern erhalten.  auf diesen wiedrum bauten die Normannen und Staufer ihre Kastelle. Die Macht der byzantinischen Kultur und  der orthodoxen Kirche wurde zwischen 1050 und 1100 von den Normannen gebrochen.  Sie brachten in die Griechenstädte den römisch-Katholischen Glauben und damit die Macht der Päpste. Zunächst traten sie ganz bescheiden auf als Söldner und halfen den Langobarden  gegen dieByzantiner. Nach und nach verdrängten sie  durch ihre militärischen Erfolgen die Langodarden und  schließlich auch die Byzantiner. 

Ca. 200 Jahre lang - von 1050 bis 1250 – das war die große Zeit der Normannen in Süditalien und Sizilien. Ihr weltpolitisch bedeutendster Sprößling war der Kaiser des römischen Reiches Friedrich II. von Stauffen. Sein kaiserlicher Vater Heinrich VI. hatte die normannische Königstocher Konstanze geheiratet. Friedrich II., ihr Sohn - den Vater hat er kaum kennengelernt -  ist ganz im normannisch-sizilianischen Geist groß geworden. Er lässt sich nur schwer als großer Sohn der deutschen Geschichte bezeichnen, auch wenn er deutscher König war.

 Die Normannen waren zwar katholisch, doch regiert haben sie unabhängig von Rom und schufen eine Kultur in einem weltoffenen Geist. So entstanden Bauwerke wie die Kathedrale und die Capella Palatina in Palermo, die uns die Mischung der Kulturen arabischer, byzantinischer und römischer Herkunft zeigen. Solche glanzvollen Bauwerke sieht man leider in Kalabrien nicht.

Das Königreich nannte sich unter den nachfolgenden Herrschaften der Anjou (13. Jhd.) und der Aragonesen (Spanier 14. - 18Jhd.) bis zu Napoleons Zeiten „Königreich von Neapel“. Damit gerieten Kalabrien und Sizilien in den Winkel Europas und wurde von Spanien ausgebeutet. Kalabrien war einmal ein reicher und  kultureller Mittelpunkt der Völker- und Kulturgeschichte. Seit Jahrhunderten ist es ein Armenhaus Europas.

 Die hohen kulturellen Überbleibsel stehen so dicht gedrängt in den kalabrischen Städten, dass die Zuordnung zu einerEpoche für einen normalen Reisenden   kompliziert ist. Also sollte man schon gut vorbereitet dahin fahren und anschließend auch nacharbeiten. Dazu dient dieser Reisebericht auch. Denn nur mit Vor- und Nach-Wissen versteht man mehr von dem Geschauten. Die 42 köpfige Reisegruppe hatte sich übrigens in den Wintermonaten 2016 in mehreren Vortrags- und Bilder-Abenden auf Kalabrien vorbereitet. 

Oberhalb vom Thyrennischen Meer, sollte für zehn Tag unser Standhotel. Es hat eine wundervollen Lage 500 Meter über dem Meer und liegt in einer weitläufigen Gartenanlage, in der unsere Ferienhäuser stehen. Von hier aus sollte es jeden Tag mit dem Bus  in irgend eine interessante Gegend Kalabriens gehen. Dank unseres jungen Busfahrers Giuseppe war das Fahren auch sehr angenehm, zumal für die weiten Strecken ein Programm mit Singen, Geschichten und Gedichte Vortragen und Erzählen für Kurzweil sorgte. Bei der Dichte der kulturellen Sehenswürdigkeiten gab es genug geistig hochwertigen Stoff dazu. So wurde aus der Odyssee von Homer gelesen, Balladen von Friedrich Schiller, wie die Bürgschaft und der Taucher. Auch aus dem Sonnenstaat  von Tomaso Campanelli wurden Abschnitte über die erste kommunistische Gesellschaftslehre vorgelesen. Die Idee einer kommunistischen Gesellschftsordnung hat sich in einem Land, das bis heute feudale Strukturen kennt,  ganz anders entwickelt als etwa in dem Marxismus sovietischer Prägung. In Süditalien ist der einfache Mann beides, Christ und Kommunist.

Wir haben uns auch über das Flüchtlingsproblem in Süditalien und den Hintergründen informieren lassen und danach gefragt, warum die Mafia die Gesellschaft so bösartig kontrolliert. 

Der geneigte Leser merkt schon, dass diese Reise keine oberflächliche Impression von vorbei fliegenden Eindrücken war. Wenn ich jetzt noch hinzu füge, dass ich an jedem Morgen im Bus eine Besinnung hielt über die Beziehung von Geist und Natur, mag er sich fragen, wer hält denn so viel Kultur zehn Tage lang aus! Aber jeder Teilnehmer wusste, diese Reise  wird eine intensive Studienreise und kein Strandurlaub im sonnigen Süden. 

Natürlich ist der Tag lang und nicht nur mit geschichtlichem Wissen und Philosophie gespickt. Dafür sorgte schon die überwältigende Natur Kalabriens. Dazu kam die Kunst des kalabrischen Essens. Die guten Weine gehören selbstverständlich zu jedem warmen Essen dazu. So haben wir schon bei der Planung dem Essen einen gewichtigen Raum gegeben. Auch wegen der guten Küche wurde die Reise etwas teurer als beim Nullachtfünfzehn-Essen im Massentourismus. Besonders große Nebenkosten hatte der Mitreisende nicht. 

Ich betone hier einmal, alle meine Reisen sind nicht aus einem vorgefertigten Programm entnommen, also nicht von der Stange, sondern ganz individuell an meinem Schreibtisch und durch Vorreisen entwickelt. Natürlich ist es bei der Planung wichtig, dass die Agenturen  ihr Now How dazu geben und den äußeren Rahmen wie die Buchung der Flüge. Bei dieser Reise hat besonders Nunzia in Sorrent, die dort eine Reiseagentur für  Süditalien leitet, den letzten Schliff gegeben. Die Einzelheiten aber haben Guido Völkel, der Chef von ECC, und  Liane,  unser Guide,  zu einer guten Abstimmung gebracht. Liane hatte schon in der Vorbereitung Tipps aus ihrem Schatz der Erfahrung gegeben. Im Übrigen hatte ich sie schon auf der Info-Reise kennengelernt.

Nun geht`s endlich los.

Wir trafen uns am frühen Morgen samstags, den 28 Mai im Terminal 1 auf dem Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel. Im Gate waren auch wirklich alle da. Von Hamburg

 nach Süditalien kommt man mit Linienflügen nicht direkt. Also mussten wir in München umsteigen, was lange warten hieß auf den Anschlussflieger.

Als wir um 14 Uhr in Lamenzia Therme den Airbus verließen, traf uns die heiße und dicke Luft des Schirocco, der uns bis in die Vormittagsstunden des Sonntags ziemlich zu schaffen machte. Er drückt auf``s Gemüt und macht gereizt.

Danach aber kam die frische Luft aus Nordwesten, die jeden Morgen die Seewolken gegen die Bergkette trieb. Es war von da an niemals zu heiß und der Frühling konnte in allen Farben so lange blühen, wie wir in Kalabrien waren. Äolos, einer der wenigen menschen-freudlichen Götter der alten Griechen, meinte es auch mit uns gut, wie mit Odysseus, als dieser bei ihm im thyrennischen Meer gewesen war.  Auf dem Weg in unser Hotel, das 40 km südlich vom Flughafen liegt, machten wir Station in einem  Städtchen namens Pizzo, das auf einem Felsvorsprung am thyrennischen Meer malerisch liegt. Eigentlich sollte hier nur eine Kaffeepause auf dem Marktpatz sein. Doch die eloquente Claudia, die uns am ersten Tag führte, machte eine Stadtwanderung mit uns und erzählte die Storys vom kalabrischen Schutzheiligen San Francesco und anderen lokalen Größen. Wir  aber waren beschäftigt mit der  Hitze und der dicken Luft und dern technischen Schwierigkeit mit unseren  Hörgeräten. Jeder hatte  in Pizzo ein Hörgerät bekommen, mit dem er den Erzählungen des Guide auch aus der Entfernung gut folgen konnte. Bis alle Hörgeräte richtig funktionierten, brauchte es schon seine Zeit. Aber diese Art Sprech- und Höranlage  ist ein Segen in die Kommunikation. Und so hörten wir im Gehen und Schauen der vielen Relieftafeln an den Häuserwänden von Pizzo die lange Geschichte vom heiligen Franziskus von Paula, von dem wir alle noch nie etwas gehört hatten. Er war ein Wunderheiler wie Jesus und konnte wie dieser über das Wasser gehen. Er allerdings gebrauchte dazu seinen Mantel, den er wie ein Papierschiffchen faltete, so dass er mit einem hohen Bug durch das Wasser der Meerenge von Messina schnittig gleiten konnte. Mit der Phantasie der Südländer kommen wir nüchternen Nordlichter nicht mit. Diese und andere Bildergeschichten sahen wir an den weiß gekalkten Wänden der schön renovierten Häuser von Pizzo.  Beim Hören mit dem oft noch aus dem Ohr herausfallenden Hörknöpfchen und Betrachten der Bilder im Vorbeigehen, musste man sehr aufmerksam auf das unebene Kopfsteinpflaster achten und das unvorbereitet von  8grad morgens in Hamburg und  nachmittags 28° in Pizzo uns schwitzen ließen! Wer kann schon drei Dinge auf einmal!

Auch wenn Pizzo ein sehr attraktives Städtchen hoch über dem Meer ist, nach einer halben Stunde Spaziergang und dem Zu-Hören der spannenden Story von dem Schwiegersohn Napoleons, namens Murat, der für den großen Kaiser Süditalien  regierte – er wurde in Pizzo nach dem Sturz Napoleons hingerichtet,  - waren alle froh unter einer weit ausgefahrenen Markise Kaffeepause mit dem besonders gelobten Eis von Pizzo machen zu können. Danach ging`s mit Giuseppe in  einem Klapperbus hinauf nach Vibo Valentia und weiter in die Ferienanlage, dem Popilia-Resort, in dem wir neun Nächte essen und schlafen sollten.

Die Küche des Hotels hatte sich gut auf uns vorbereitet. An den neun runden Tischen in einem Essaal wurden wir mit unseren 42 Personen sehr zügig und freundlich, auch auf Deutsch, bedient. Wir hatten den Blick hinaus in die weitläufige Parkanlage des Rresorts und schauten bis zu den Bergen der Paula-Kette. Von Tag zu Tag blühten immer mehr die Rosen auf. Nach einer langen Regen- und Kälteperiode erwachte erst jetzt der Frühling in Kalabrien. Wir wurden mit den schönsten Frühlingstagen gesegnet, mit gutem Essen und köstlichem kalabrischen Wein. Die „Neuner“-Tischrunden lösten sich meist erst spät am Abend nach und nach auf. Diese Runden mischten sich jeden Abend neu.So ergaben sich immer neue Begegnungen. Es gab immer viel zu erzählen.

Man konnte sich auch mal Luft machen, Denn nicht jeder war mit seinem Teil-Häuschen zufrieden. Auch gab es kein W-Lan in den Ferienhäusern. Internet gab es nur im Hotel und hier und da im Park. Die Klima-Anlage machte auch am Anfang Probleme.

Das Hauptproblem aber war, dass der schön gelegene große Pool begrenzte Öffnungszeiten hatte. So konnten wir weder morgens vor dem Frühstück noch abends ein Bad nehmen, da wir tags über  von 8.30 Uhr bis 19 Uhr unterwegs waren. Nun ja, ein paar Gelegenheiten, den Pool und seine Aussicht zu genießen, gab es auf der Reise doch noch.

Am 2. Tag der Reise ging`s an`s Ende Europas nach Reggio di Calabria. Im Westen liegt Sizilien. Liane meinte, die Brücke über die Meerenge nach Messina wird nun doch gebaut. Wunderwerke der menschlichen Kunst hat Reggio schon jetzt zu bieten. Das sind die sog. Bronze-Krieger von Riace, die uns Liane sehr anschaulich im Nationalmuseum erklärte. Es sind Skulpturen aus der Zeit der griechischen Klassik aus dem 5. Jhd. v. Chr.. Es ist die Zeit, in der auch u.a. der Wangenlenker von Delphi gegossen wurde.

Neben der Kunst kamen wir auch in Berührung mit dem Flüchtlingsdrama in Süd-Italien. Die Balkanroute ist ja geschlossen. Jetzt kommen wieder Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien. Viele werden aus ihren überfüllten Schlauchbooten gerettet und dann u.a. in Reggio an Land gebracht. Täglich kommen etwa 2500 Flüchtlinge in den Häfen Süditaliens an. Als wir am Hafen von Reggio vorbei fuhren, wurden gerade aus einem Schiff 700 Menschen herausgeholt. Später hörten wir, dass davon 40 Kinder tot waren. Kalabrien nimmt die Masse dieser Menschen auf. Kalabrien leidet aber selbst unter der Eurokrise. Die Arbeitslosigkeit, vor allem der Jugend  und die damit verbundene Perspektivloskeit hat zu einer Auswanderungswelle aus Kalabrien geführt. Die Dörfer und Bergstädtchen entleeren sich. Vor allem nach Amerika wandern die jungen Kalabrier aus. An den Häusern steht „vendesi“ (zu verkaufen). Nun versuchen einige Bergstädte, die besonders von der Auswanderung beroffen sind, einen Plan zu verwirklichen, die meist jungen Flüchtlinge in die noch vorhandenen Strukturen besonders der Landwirtschaft einzufügen. Die Projekte zurAnsiedlung und Integration der Flüchtlinge in die entleerten Dörfer und Städte laufen jetzt an. Auch deshalb kommen weniger Flüchtlinge von Italien als angenommen nach Deutschland.

Ein außergewöhliches Naturereignis beschäftigte die Phantasie der Menschen schon im Altertum.                                            

Das sind Skylla und Charybdis. An der schmalsten Stelle der Meeresstraße von Messina ganz im Norden zwischen Sizilien und Kalabrien stehen zwei Felsen sich gegenüber, in denen nach der griechischen Mythologie zwei See-Ungeheuer hausten. Die Charybdis sog alles Leben, auch die großen Schiffe, in die Tiefe. Die Skylla griff sich mit langen Schlangenarmen die Seeleute von den Schiffen und fraß sie. Tatsächlich treffen an dieser Stelle die Wucht der Wasser aus dem Ionischen Meer von Süden auf die von den Winden in die Enge hineingewehten Wasser von Norden. Von Zeit zu Zeit strudelnd hier die Wasser. Wir besuchten auf der Rückfahrt die Skylla. Natürlich fanden wir in der Höhle im Felsen niemanden. Ein Spaziergang zum Hafen durch die sich um den Felsen schmiegende Altstadt war ein pitureskes Vergnügen. Die Nordwest-Winde hatten sich im Laufe das Tages gegen den heißen Schirocco durchgesetzt und ihn abgeräumt. Zunächst brauste der Wind auf und das Meer schlug seine Wellen gegen den Strand, so dass der Bootseigner, der uns an der Küste entlang fahren sollte, diese Schifffahrt absagte. Dann aber schlief der Wind wieder ein und wir hätten noch gut an Bord gehen können. Doch nun wollte der Kapitän nicht mehr. Also wanderten wir zum Bus, bewunderten noch unterwegs den blühenden Akanthus und fuhren in unseren Resort zurück.

Am 3. Tag war die Luft angenehm frisch. Wir hatten eine klare Sicht. Der Dunst der Vortage war verschwunden und wir konnten das Meer und die Strandlinie 500 Meter unterhalb von  unserem Hotel genau erkennen. Wir staunten. Welch ein Weitblick und den hohen Himmel, der sich über unserem Hotel-Hügel auftat. Wir fuhren an diesem Tag in den Norden Kalabriens. Das Resort liegt  ungefähr in der Mitte der Nord-Süd-Erstreckung. In etwa sind es bis in den Norden 300 Kilometer, in den Süden 200 Kilometer. Solche Entfernungen bewältigt man nur über die Autobahn. Sie ist im Gebirge voller Tunnels und Brücken, eine fantastische architektonische Leistung. Im Norden begrenzt ein kahles abgerundetes Hochgebirge Kalabrien. Es ist das Pollino-Massiv, die letzte Gebirgskette des Apennin. Der Pollino war mit jungen Frühlingsgrün überzogen. Dazwischen leuchteten blühende Ginsterbüsche in Hülle und Fülle. Einige Hänge waren mit Buchen bewaldet, die ihre jungen noch rot-braunen Zweige in den Azurblauen Himmel trieben. Die Hänge leuchteten rot. Über der Paula-Bergkette im Westen türmten sich die weißen Wolken. Wir hatten einen außergewöhnlich schönen Frühlingstag bekommen. Auf den Vorbergen vor dem über 2200 Meter hohen Massiv hatten in Mittelalter die von den Sarazenen bedrohten Menschen ihre ummauerten Städte gebaut, die kaum einnehmbar waren. Eines dieser Bergstädtchen heißt Murano di Calabria.  Wir besuchten es und fuhren gleich zum byzantinisch-normannischen Kastell hinauf. Dort bestaunten wir seine gewaltigen Mauern. An der byzantischen Kirche vorbei ging es dann zu Fuß die Gassen der Stadt hinab. Es war sehr steil und für einige die Grenze des Schaffbaren. Der Ausblick in die Bergwelt aber entschädigte uns. Wir waren in der romantichen Hügelwelt zwischen Paula und Pollino. 

Wir fuhren nach dem Abstieg ein Stück südwärts zu einem anderen Bergstädtchen namens Altomonte. Hier war Mittags-Pause in einem großen Terrassen-Restaurant mit Fernblick auf das Bergstädtchen gekrönt von Burg und Kathedrale. Über dieser  Skyline ragten die Zweitausender des Pollini-Massivs in den blauen Himmel. 

Das genossen wir beim vorbestellten Menü und natürlich war auch der  Hauswein dabei, der zum Essen dazu gehört. Dieses Mittagessen war in den Gesamtpreis der Reisekosten eingewoben. Zur Besichtigung der Altstadt mußte man auf dem üblichen Kopfsteinpflaster hoch wandern. Das ersparten sich die, die den Abstieg in Murano di Calabrai noch in den Knochen hatten. Das Plateau gibt  herrliche Blicke in die Weite der Hügelwelt und die Ebene frei. Die Kathedrale hatten eine großartige Rosette in der Westwand, die mehr für das Innere versprach als es hielt. Wir wollten zum Schwimmen rechtzeitig im Hotel sein, und so fuhr uns Giuseppe sehr zügig auf der  Autobahn nach Vibo und ins Resort.

Am 4. Tag fuhren wir über das Gebirge ans Ionische Meer. Eine Schnellstaße gebaut auf tausenden von Pfeilern schwang sich die bewaldeten Hänge hinauf, um dann südlich der alten griechischen Stadt Kroton, heute Krotone, das Meer im Osten zu erreichen. Wir wollten nach Santa Severina, einer Festung aus der byzantinischen Zeit, die wie ein Adlerhorst auf einem schroffen Bergkegel thront.

Auf der Fahrt dorthin sahen wir eine gigantische, aber verfallene Industrieanlage. Es ist erschreckend, kilometerlang dieses tote Bild zu sehen.

Ein Neuanfang der Industrie im Süden Italiens scheint jetzt begonnen zu haben, diesmal unter Führung der EU in Brüssel, auch um die Mafia draußen vor zu halten. Wir fuhren hinauf in die Berge, um den „Adlerhorst“, der sich vor uns auftürmte, zu erklimmen. Dies schaffte Giuseppe mit seinem Fünfzig-Sitzer nicht. Dazu war ein Klapperbus bestellt, der die Serpentinen, die in die Felswand geschlagen waren, meistern konnte. Schwindelerregende Tiefblicke begleiteten uns. Oben angekommen, sahen wir eine tote Stadt, die in der Sonne träumte. Von einem leeren Marktplatz gingen wir in die byzantische Festungsanlage, die einmal zur Abwehr der Sarazenen gebaut worden war. Die Normannen bauten nach der Eroberung des byzantinischen Kastells darüber eine uneinnehmbare Festung. Die Erklärungen von Liane waren  sehr beeindruckend.Sie vermittelte unsdie einzelnen Epochen, die sich in dieser Festungsanlage geradezu „Auf-einander-türmten“ Es bewährte sich dazu die Sprechanlage, so dass einer, der etwas abseits stand, gut informiert durch die Burghallen gehen konnte, besonders im Obergeschoss, das schlossartig ausgestattet ist. 

Leider konnten wir die byzantinische Taufkapelle aus dem 8. Jahrhundert! am Markt nur von außen sehen. Sie ist ein aus Ziegeln errichteter Rundbau, gerkrönt  mit einem Tambour. Innen wird dieses Rund von sechs Säulen getragen, so dass architektonisch ein Wandelgang um das zentrale Taufbecken  zu bewundern ist. 

Die Mittagssonne trieb uns in den Schatten der wie tot da stehenden Häuser und anschließend  in die noch geöffnete Kirche.

Mittagspause sollte in einem Küstenstädtchen sein. Da wir aber recht spät dort waren, waren im Schnellrestaurant die Schüsseln schon leer. Doch es wurde mehr schlecht als recht improvisiert und das bei so vielen hungrigen Leuten! Wie schön war es am Vortage in Altomonte gewesen, dort in Fülle ohne etwas zu bezahlen. 

Wie auch immer der Einzelne die Mittagspause verbrachte, es ging dann weiter, nun ins Zentrum von Krotone. Diese von griechischen Siedlern im 8. Jhd. v. Chr. gegründete Stadt ist heute voll quirrligem Leben. 

Die Strände dehnen sich hier Kilometer lang aus.

Wir Kultur-Touristen schauten sehnsüchtig zu, aber durften nicht baden, sondern sollten ins Museum gehen, um altgriechische Kunst zu betrachten, besonders die vom Hera-Tempel. Die goldene Krone der Hera liegt in einer Vitrine. Eine Kopie setzte sich Liane auf ihren Kopf. Hera ist die personifizierte Fruchtbarkeit und Lebensfreude der Mutter Erde. Ihre Heiligtümer stehen auf Anhöhen über der Weite der Ebene. Nach der Besichtigung einzelner Funde vom Heratempel von Krotone fuhren wir  ans Meer, um dort die Fundamente des einmal gewaltigen Tempels zu sehen, von dem noch eine Säule steht.  Es sind nicht die Reste des Tempels, die den Betrachten ergreifen, sondern die Weite von Erde, Himmel und Meer, die diesem Ort seine Erhabenheit gibt. Es ist ein heiliger, fast mysticher Ort, an dem das Leben  in der Vereinigung von Himmel und Erde geboren wird.  Um das zu spüren, braucht man etwas Zeit zum Verweilen. Ich wollte der Gruppe dieses Gefühl etwas mit Worten nahen bringen und so hielt ich dort in der Weite um die Grundmauern des Heiligtums eine Ansprache zur Bedeutung des Mutter-Gottes Kult, der aus der minoischen Kultur stammt.Dieser heilige Ort der Hera hat viele von uns still werden lassen. Zumindest erschienen sie mir beeindruckt. Für mich war der Hera-Tempel am Meer ein Höhepunkt der Reise. 

Nachdem ich einige Wochen zuvor die rätselhaften Steine von Stonehege gesehen hatte und nun hier am Heratempel gewesen war, wurde mir schlagartig klar, wozu diese heilgen Orte da sind. Sie sind  Treffpunkte der Einkehr für alle Menschen ohne Ansehen der Person, die hier die Verbindung von Himmel und Erde empfinden. Solche Orte sind Wallfahrtsorte, wo der alles durchdringende Geist Gottes weht im Licht und in der Weite. Sie sind Orte, an denen wir Menschen im Gefühl der Verlorenheit im Weltall und in der eigenen inneren Unruhe Geborgenheit finden. Dadurch werden sie zu heiligen Orten. Es gibt auf der Erde viele solcher heiligen Orte. Sie sind nicht heilig an sich, sondern werden durch die Begegnung des Menschen mit dem Göttlichen heilig. Sie sind Zufluchtsorte für den Einzelen, aber auch Treffpunkte des Friedens für alle. Von diesen Orten geht kein Krieg aus!

Hera war die Göttin der friedlichen und harmonischen Natur. Sie verurteilte nach Homers Ilias den trojanischen Krieg als bloßes Gemetzel der selbst ernannten Helden und warnte ihren Götter-Mann Zeus, ihn zuzulassen. Der aber versteckte sich hinter dem sogenannten Schicksal und verhinderte den Krieg nicht. So endete dieser Krieg wie alle Kriege in einem unvorstellbaren und grausamen Elend ohne einen Sinn. Troja wurde zerstört wie Aleppo in Syrien heute. So sind die Menschen überall unruhig, verstört und auf der Flucht.Wie das Innere einer gotischen Kathedrale der Seele Frieden schenkt, so war auch dieser  Heratempel eimal  ein Ort des Friedens gewesen. Das gilt auch für andere Hera-Tempel wie den in derArgolis, den auf der Insel Samos mit der höchst stehenden Säule und vor allem den fast vollständig erhaltenen Hera-Tempel in Paestum in Kampanien. Sie erzählen alle von einer anderen Welt, die offen ist für für die Grenzenlosigkeit und Weite allen Lebens. Hier wurde getanzt. Hier war Begegnung, die zur Lebensfreude führte. Hera steht den zerstörenden und verneinenden Mächten entgegen und verkörpert die Sehnsucht nach gelingendem, fröhlichem Leben.                             

Zum fröhlichen Leben gehört auch das Genießen. So kehrten wir in ein Fischrestaurant ein. Wir waren mit unserer großen Gruppe natürlich angemeldet. Der Wirt, von Beruf Fischer, war extra am Morgen ausgefahren, um - wie man heute so sagt - Früchte des Meeres für uns zu sammeln. Er servierte uns ein Gourmet-Essen mit fritiertem Fisch und „Meeresfrüchten“. Es wurde ein feucht-fröhlicher Abend. Spät abends mussten wir alledings mit Giuseppe übers Gebirge vom Ionischen zum Thyrennischen Meer hinüber, um selig in unseren Resort-Betten zu schlafen.

Am 5. Tag fuhren wir wieder zum Ionische Meer. Diesmal ging es auf Bergstraßen hinauf ins Serra-Gebirge. Oben auf der Hochebene steht ein Kartauser-Kloster, in dem die Mönche als Einsiedler in Stille und im Schweigen leben. Das Einswerden mit Gott und seinem Himmel ist das Ziel dieses Weges. Er führt nicht über eine asketische Verneinung des Lebens ins Glück. Die Suche nach dem offenen und weiten Himmel steht beiden Kartäusern im Vordergrund. Wir sahen im Kloster die Lebensbedingungen von Menschen. Wir spürten etwas von der Wirkung der Stille, die auch der  Hochwald um das Kloster ausströmt. In mir klang ein Vers von Matthias Claudius: „Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar“. Doch Schweigen ist nicht unsere Sache, obwohl wir sehr lange in dieser einsamen Höhe waren. Das Kloster liegt auf einer Höhe von 1200 m. Hier wollten wir Mittagspause machen und auf einem Waldplatz picknicken. Doch es hatte geregnet. Die Stimmung war tropfnass und die Bänke und Tische im Wald waren es auch. Liane hatte eine Idee, als klar war, so zu picknicken macht keinen  Spaß. Sie rief in einem Restaurant in der nahe liegenden Stadt an. Siehe da, die dortige Küche war in der Lage, uns ein wundervolles Pilzgericht zu bereiten, das uns schon entgegen duftete, als wir ankamen. Dieses Essen kostete allerdings doch eigenes Geld. Zehn Euro inklusive Wein. Die Kosten des Picknicks waren halb so hoch und waren im Gesamt-Reisepreis eingewoben. Das Picknick wie auch der Open Air Gottesdienst wurden auf einen späteren Tag verschoben. Besonders für den Gottesdienst hatten wir auch kaum noch Zeit an diesem Regentag. Es fügt sich alles, wenn man Geduld hat. Nach dem  wunderbar schmeckenden Essen, kam das, was bei 42 Leuten Stress macht: das Bezahlen. Es begann also ein Geduldsspiel. Doch irgendwann waren alle ihre zehn Euro los. und wieder im Bus. Doch der Zeitplan des Tages war nicht mehr ein zu halten. Nun ging es in endlosen Serpentinen hinauf zum Pass, der auf 1500 m liegt und dann 1000 m hinab nach Stilo, ebenfalls auf schmaler Straße mit engen Kurven. Auch das dauerte, allerdings gab es fantastische Aus- und Tiefblicke ins Serra-Gebirge, das zum Ionischen Meer sehr zerklüftet abfällt.

Oberhalb von Stilo hängt wie ein Schwalbennest eine byzantinische Kreuz-Kuppel-Kirche aus dem 11. Jh.. Da hinauf mussten wir nun steigen, wenn wir sie, diesmal auch von innen, sehen wollten. Für einige war das zuviel. Sie fuhren zum Kaffeetrinken auf den Marktplatz der Stadt. Die anderen wanderten los. Doch bald suchten sie nicht so sehr das geistliche Backstein-Juwel, sondern eine Toilette. Glücklicherweise fanden wir eine.

Liane erklärte trotzdem dieses architektonische Wunderwerk, das den griechischen Namen „La Cattolica“ trägt.  

Da wir unsere Sprech- und Höranlage angeschaltet hatten, konnten wir noch aus ziemlicher Entfernung Lianes Worte verstehen: Auf kleinstem Raum erheben sich  auf kleinstem Raum fünf Kuppeln. Über dem Zenralraum, der von vier Säulen getragen wird, ragt der zentrale Tambour mit einer flachen Kuppel empor. Das Rund der Kirche wird durch die vier anderen Tambouren betont.  

Der Abstieg in die Altstadt führte am Geburtshaus von Tomaso Campanella vorbei. Er ist 1568 in Stilo geboren. Dieser Denker hat eine Utopie geschrieben von der  vollendeten Gesellschaft. Es trägt den Titel: „Der Sonnenstaat“, in dem soziale Gerechtigkeit herrscht. Wir haben im Bus einige Passagen daraus gelesen und geschmunzelt. Für die Altstadt von Stilo 500 m Meter über dem Ionischen Meer hatten wir zum Verweilen keine Zeit mehr. Denn wir wollten noch Riace sehen, das auf einem anderen Vorberg der Serra liegt. Diese Stadt ist bereits so entvölkert, dass der Rat der Stadt beschlossen hat, sie mit Flüchtlingen zu besiedeln, die dort selbständig leben und arbeiten sollen. Doch als wir feststellten, dort hinauf und wieder herunter zu fahren nach der langen Gebirgstour in der Serra, würde uns überfordern, fuhren wir auf der SS106, bis wir zur Schnellstraße kamen, die uns wieder zum Thyrennischen Meer hinüber brachte. Es war gut so, denn der nächste Tag sollte es in sich haben! So konnte noch im Pool geschwommen werden und ein gemütlicher Abend im Hotel beim Essen und Trinken verbracht werden. Damit war Halbzeit der Reise.

Am 6. Tag ging es wieder nordwärts bis Cosenza und von dort hinauf ins Gebirge. Diesmal steuerten wir die Sila Grande mit ihren dunklen Wäldern, Seen und Hochebenen an. Hier oben auf 1200 Meter über dem Meer genossen wir den Frühling. Die Sonne schien, ein kühlender Wind umfächelte uns und eine klare Weitsicht machte auch uns weit. Wir beguckten ein liebvoll eingerichtes Naturmuseum. Draußen umfing uns das Blumenmeer der noch nicht gemähten Wiesen. Der Hochwald auf den Bergen ringsrum, durch den wir ein wenig gingen, verströmte Stille und Erhabenheit der Natur. Jede hoch gewachsene Tanne schien eine lange Geschichte des Lebens zu erzählen, wenn ein Windhauch durch ihre Krone ging.

Irgendwo in dieser hoch gelegenen Natur steht eine Taverna. Der Besitzer heißt Lecce und ist berühmt für sein Essen. Bei ihm waren wir zu Mittag angemeldet und wurden an reich gedeckte Tafeln gesetzt. Hier gab es ein Vier-Gänge-Menu mit einem Teller voll köstlichem Parmaschinken. Bei Wein satt rauschte es im Saal wie in einem bayrischen Bierzelt. Ich bat einmal um Ruhe und erinnerte alle an das Schweigen der Mönche bei San Bruno in der Serra. Wir schafften es vielleicht  20 Sekunden, still zu sein. Dann summte es wieder im gewölbten Raum. Solch ein Gelage dauert natürlich seine Zeit, die wir angesicht einer gewissen Weinseligkeit, nicht mehr spürten. Denn als wir wieder im Bus saßen, ging es schon auf 15 Uhr zu. Wir wollten nach Programm noch zur  byzantinischen Bergstadt Rossano, weit im Osten des Grande Gebirges, dorthin wo die Sila den Zunamen Graeca hat. Giuseppe schlug vor, rings um die Sila Grande auf Autobahn und Schnellstraße herum zu fahren. Das würde schneller gehen, als wenn wir die Gebirgsstraße mit ihren vielen Kurven nehmen würden. Das war auch gut so. Denn bei einigen von uns drehte sich der Magen.

Im Stillen dachte ich: „Besser nach Hause fahren!“ Aber da in Rossano eines der bedeutendsten Kunstschätze der Welt liegt, nämlich der Codex Purpurensis, ein Evangeliar aus Syrien, das dort im 6. Jhd. von Mönchen mit wundervollen Bildern der Jesus-Geschichte geschaffen worden war, ließ ich zu, dass wir den weiten Weg dorthin fuhren. Wir waren um fünf Uhr nachmittags dort. Natürlich kann ein riesiger Bus nicht in das Städtchen hinein, das genauso oben auf einem Bergkegel liegt wie Santa Severina. Also mussten wir diemal durch einen Tunnel hinauf laufen. Oben angekommen waren wir auf einem wunderschönen Marktplatz. Doch dort verweilten wir nicht, sondern mussten in einigen Kehren hinab zum Diözesan-Museum! Die Zeit verging bei den vielen Stufen. Wir wurden noch ins Museum hineingelassen und  konnten diesen uralten Codex bestaunen. Liane zeigte uns auf einem großen Fernsehschirm die einzelnen Seiten underklärtedie Bilder. Denn dieser Codex ist eine Bilderbibel. Die Bilder erzählen ganz realistisch gemalte Jesusgeschichten. Sie sind also keine Ikonen, sondern sehr lebensnah gemalt. Man nennt diese bewegte Kunst  hellenistisch-byzantinisch. Wir waren von diesen Bildern tief beeindruckt. Es hatte sich wirklich gelohnt, die lange Fahrt nach Rossano gemacht zu haben. Doch nun wurde es spät, zumal eine längere Pause sein musste für den Gang zur Toilette. Diese Pause machten wir auf einem Platz am Denkmal von San Nilo, den Stadtheiligen.  Ich stellte ihn vom Namensklang her als meinen berühmten Vorfahren vor, was die müden Geister ein wenig schmunzeln ließ und ein paar Fotos erbrachte. Für die Kalabresen ist San Nilo eine herausragende Persönlichkeit, der im sozialen Einsatz für die Armen gelebt hat. 

Die Rückfahrt war lang und wurde immer länger. Es wurde trotz der längsten Tage im Juni dunkel. Und einige litten unter Unwohlsein ganz erheblich. Die Idee mit Singen gegen Übelkeit und Ungeduld anzugehen, war glänzend. Schön war es, dass nicht alles von „vorne“ übers Mikro kommen musste. Immer wieder wurde hinten im Bus ein neues Lied angestimmt.

Im Hotel gab ja noch unser Dinner. Doch inzwischen ging es auf 22 Uhr zu, bis wir im Resort waren. Angesichts der Uhrzeit und dem Mittagessen bei Lecce war es  erstaunlich, dass die meisten von uns in aller Ruhe das Drei-Gänge-Menü genüsslich aßen. Auch zu dieserUhrzeit servierten die Kellner genauso freundlich wie immer das Essen und die Getränke. 

Am nächsten Tag konnten wir ausschlafen. Im Programm stand „Besichtigung der Normannenfestung in Vibo“ und ein Gespräch mit einem Pfarrer aus der Stadt über die Methoden der Mafia. Doch der Pfarrer verschob seinen Besuch bei uns auf Sonntag Abend. So konnte ich die frei werdende Zeit des Vormittags für den Open Air Gottesdienst nutzen. Zur Feier bot sich eine Hochterrasse neben dem Hotel an, von der wir einen weiten Blick in die Meeresbucht und den Kranz der Berge hatten.  Über uns wölbte sich ein blauer Himmel, auf  dem sich weiße Wölkchen tummelten. Die Sonne schien warm, war aber noch ohne Schirm zu ertragen. Unter ihrem Schein versammelten wir uns und teilten das Brot. Rüdiger Dikty hatte wieder eine Bach-Kantate mitgebracht, von der wir Eingangs- und Schluss-Chor hörten. Noch einmal redete ich über das Verhältnis von Geist und Natur. 

Wie in allen Andachten versuchte ich zu erklären, warum beide keine Gegensätze sind, sondern als polare, sich bedingende Kräfte den schöpferischen Prozess des Lebens fördern. Die treibende Kraft in der Evolution ist der Geist, der sich in einem schöpferischen Spiel mit der Materie (Natur) befindet. Aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik hat Priogine, ein großer Denker des 20igsten Jahrhunderts, die These von der „Zunahme an Entropie“ entwickelt. Das meint einen Mehrwert an „Welt“ zu der, die sie vorher war. Ein Zurück gibt es in der Natur nicht! Positiv heißt das, es gibt ständig etwas Neues unter der Sonne. Das ist eine naturwissenschaftlich Erkenntnis, aber auch ein religiöser Hoffnungssatz. Wenn die Entropie zunimmt, etwa in einem chemischen Prozess, ist dieser Vorgang nicht mehr umkehrbar. Prigogine redet von der Irreversibilität der evolutionären Entwicklung. Für diese These hat er 1977 den Nobelpreis der Chemie bekommen. 

Nach dem Gottesdienst gings von der reinen Vernunft in die reine Natur, nämlich zu einem bäuerlichen Betrieb mit Milchwirtschaft. Dieser Betrieb war technisch ganz und gar auf dem neuesten Stand. Er hatte sogar eine eigene Käsefabrik. Zweihundert Milchkühe wurden in offenen Ställen weitläufig versorgt. Dieser Hof war schon eine kleine Agrar-Fabrik und nicht ein Bio-Hof. Auch in Kalabrien sind die Bauern auf dem neuesten Stand eines technisch geführten Betriebes, natürlich auch mit eigenem Milchprodukt-Verkauf, vor allem Käse. Das nutzten einige von uns und kauften, was länger haltbar war. Die Gruppe war zu einem Imbiss mittags eingeladen. Dieser  entpuppte sich noch einmal zu einem Vier-Gänge-Menü zu dem es Wein gab. Es drohte wieder ein langer Tag mit doppeltem Essen. Denn wir hatten uns abends in Tropäa am thyrennischen Meer in einem Fischrestaurant mit Blick aufs Meer angemeldet. Die Busfahrt hinauf auf das Capo Vaticano war mit prachtvollen Ausblicken geschmückt. Im Süden sahen wir über die Bucht auf die Meerenge von Messina und ihrer schmalsten Stelle, wo der Felsen von Skylla und der von Charybdis sich gegenüber stehen. In Richtung Sizilien sahen wir die Vorberge des Ätna. Nach Süd-Westen bauten sich die Vulkankegel der Liparischen Inseln auf.  Am nächsten zu uns ragte der Stromboli aus dem Meer. Dieser Vulkan ist immer aktiv.  Seine Rauch-Fahne zog am blauen Himmel nach Süden auf Sizilien zu. Unter uns sahen wir in die schroff abfallenden Steilhänge, die vom Meer umspülten Felsen und die romantischen Sand-Buchten. Die Weitsicht war an diesem Tag außergewöhnlich klar.

Liane führte uns in Tropäa zu einer Bucht unterhalb. Dort konnten ein paar Stunden wir verweilen, schwimmen im Meer, einen doppelten Espresso trinken, Eis essen und vor allen auf das Meer und den Strand schauen. Um 18.30 Uhr war es mit der Freizeit am Strand vorbei. Dann wurde unser Geist und unsere Füße wieder gefordert. Denn nun machten mit einen Rundgang durch die Altstadt mit ihren Sehenswürdigkeiten. Die vielen Palazzi, die das Stadtbild prägen,14 stehen leer und verfallen. Es sind vor allem Touristen, die durch die Gassen laufen. Es bot sich uns ein trauriges Bild. Dann war die normannische Kathedrale aus dem 12. Jhd. bereits beschlossen, als wir ihre klassisch normannische Innen-Architektur betrachten wollten. Um 19.30 Uhr war das Abendessen angemeldet. Der Speiseraum, den wir nun betraten, bot einen Blick auf das Meer.  

Am Strand erhebt sich ein schroffer Felsen, auf dem Bäume wachsen und eine Kirche steht. Links daneben erhebt sich am Horizont des Meeres der Stromboli. Über diesem schon beeindruckenden Panorama stand die Abendsonne und wir sahen zu, wie sie allmählich im Meer ganz in Rot gehüllt versank. Natürlich war unsere Stimmung gehoben, obwohl wir nach dem späten Essen noch eine halbe Stunde nach Vibo fahren mussten.

Am sonnigen Samstag, den 4. 7. fuhren wir noch einmal zu den alten Griechen ans Ionische Meer. Die Fahrt ging nach Süden durch ein Meer von Oliven-Plantagen, auf die wir aus dem Bus herab schauten. Liane erzählte uns Genaueres über besonders gute und weniger gute Olivenbäume und ihre Früchte. Dabei fuhr Giuseppe uns stetig die auf Pfeilern gebaute Schnellstraße hinauf bis zum 3km langen Tunnel. Auf der Ostseite sieht die Welt anders aus. Die Vegetation ist sparsamer, das Licht spürbar heller und die Luft wärmer als am Thyrennischen Meer. Auf der Strandstraße fuhren wir noch zehn Kilometer nach Süden. Eine weite Ebene öffnete sich. Die Bergkette hatte sich ins Landesinnere zurück gezogen. Hier liegt direkt am Meer Locri. Griechische Siedler, die sich Lokrier nannten, hatten diese Ebene zum Bau ihrer Stadt erkoren. 

Das war im Jahr 680. Jhd. v. Chr. Diese Stadtgründung geschah also vor 2700 Jahren. Die Locrier standen zunächst im Bunde mit den Spartanern. Doch bei den ständigen Scharmützel zwischen den griechischen Staat-Stadten am Ionischen Meer suchten sie den Schutz der stärksten griechischen Macht im westlichen Mittelmeer. Das war Syrakus in Sizilien. Die Archiktekten von dort bauten  in Locri einen neuen Zeus-Tempel im Ionischen Stil. Dieser Neubau wurde im Jahre 470 v.Chr. geweiht. Der Zeus-Tempel in Locri stand 1500 Jahre ohne Krieg! Wir würden ihn heute noch bewundern können wie die Tempel in Agrigento auf Sizilien, die aus derselben Zeit sind, wenn nicht die Sarazenen auf ihren Raubzügen die Stadt geplündert hätten. Die  griechische Bevölkerung verließ darauf hin ihre damals 1700 Jahre alte Stadt, die immer Frieden gehabt hatte. Sie baute sich eine neue Stadt in den Bergen, die heute den Namen Gerace trägt. Der Zeustempel stand noch 100 Jahre einsam und verlassen. 

Dann kamen die Normannen als neue Herren und bauten in Gerace 1080 einen gewaltigen Dom in der griechischen Stadt. Zum Bau holten sie sich das Material vom den Ruinen aus Locri. Damals erst wurde der Tempel abgerissen und als Baumaterial auf den Berg hinauf geschleppt und zum Bau derKathedrale verwendet. Die monolitischen Säulen hat man in der  Krypta wieder aufgerichtet. Sie tragen bis heute den Unterbau des Domes. Unten am Meer in Locri sind nur die Fundamentmauern zu sehen und eine Halbsäule. Was dort Wertvolles liegen blieb, ist heute in dem kleinen Museum zu sehen. Das bedeutendste aber sind die Gibelfiguren des Zeustempels, Kastor und Pollux, die Zwillingssöhne des Zeus, wie sie von ihren Pferden herabrutschen. Diese Figuren hatten wir im Nationalmuseum in Reggio gesehen und konnten sie jetzt in Locri  dem Zeustempel zuordnen. In Locri lebte die alte griechische Kultur vor unseren Augen   auf, während sonst von der  Magna Graeca nichts übrig geblieben ist Im Ruinenfeld von Locri erfasste mich ähnlich wie in der Weite um den Hera-Tempel eine Welt des Friedens und der Ruhe.  

Es war ein sonniger aber nicht zu warmer Vormittag, als wir durch die grüne Ebene des Ruinenfeldes von Locri schlenderten. Mein Blick blieb hängen an knorrigen Olivenbäumen, die Geschichten aus uralten Zeiten erzählen könnten, vielleicht die von Philemon und Baucis, die beiden liebvollen Alten, die Zeus in zwei Bäume verwandelte, ihn in eine Eiche und sie in eine Linde. Wenn der Wind durch ihre Kronen geht, dann erzählen sie sich die Geschichte von Liebe und Frieden. In dieser fruchtbaren Ebene, in der einmal Menschen im Wohlstandt und Frieden gelebt hatten, stand natürlich als religiöses Symbol der Mutter Erde auch ein Demeter-Heiligtum.  

Es liegt außerhalb der Stadtmauer. Es sind noch Mauern und Räume da, die heute unter einem Schutzdach liegen. Demeter, die andere Erdmutter neben Hera, ist die Fruchtbarkeitsgöttin bekränzt mit Schlangen. In der Schlange sahen die bei den alten kretischen Minoern die schöpferische Lebensfreude. Demeter stammt schon aus ihrer Religion und wurde von den Griechen übernommen und  verehrt.

In Locri hat ein Volk von 680 v. Chr. bis tief ins Mittelalter im Namen der Demeter in Frieden gelebt, ob als freie Stadt oder unter den Römern und Byzantiner bis die Sarazenen kamen und Locri im Jahre 980 n. Chr. plünderten. 

Wie schon gesagt: Die Einwohner der Stadt bauten nach dem Sarazensturm eine neue Stadt. Sie bekam den griechischen Namen Gerace

Die Byzantiner, die in dieser Zeit die Herrschaft über Kalabrien hatten, unterstützten den mühsamen Aufbau in schwindel-erregender Höhe 500 Meter über dem Meer. Man baute gerade eine große Kirche, als die Normannen kamen und  Gerace unter ihre Herrschaft brachten. Sie vollendeten nun die Kirche in ihrem Stil. So sieht man heute in Gerace die größte Kathedrale der Normannen in Süditalien.

In endlosen Serpentinen fuhren wir  hinauf. In einer Kehre war Schluss für Giuseppe. Er kam nicht weiter mit dem langen Bus. Wie gerufen stand in der Kehre eine auf Räder gestellte Kleinbahn mit zwei Waggons. Mit der „Molly“ fuhren wir die Kehren  weiter hoch bis auf das Plateau dieses Sperber-Horstes. Diese „Molly“ schnaufte nicht, machte aber einen höllischen Lärm  mit deutschen Karnevalsliedern. Wer dort oben noch wohnt, hat es sehr schwer zu leben. Es sei denn man hat Ideen, wie Maria, die dieses Bähnlein sich hat basteln lassen. 

Als wir endlich vor der bedeutendsten Kirche der Normannen standen und ihr riesigen Apsiden bestaunten, wurde es Zeit, in die Kathedrale hinein zu gehen. Drinnen sahen wir die Spolien vom Zeustempel von Locri. Besonders die Säulen im Untergeschoss zeigten, welch edles Material einmal für den Tempel verwendet worden war. In den Wänden sieht man Relief-Teile vom Schmuck des Tempels. In einem von Säulen getragen Raum der sog. Krypta ist das katholische Diözesan-Museum mit seinen Schätzen untergebracht, die wir im Schnellgang bestaunten. Dann gingen wir hinauf in die eigentliche Kirche, die, wie bei den Normannen  üblich, im romischen Basilika-Stil  errichtet worden war. Es ging nun ganz schnell. Die Küsterin klapperte mit ihrem Schlüsselbund. Es war Mittagspause! Doch wir bekamen noch einen guten Eindruck von der klassisch normannischen Architektur des Langhauses. In der Mittagssonne wirkten die Gassen der Atstadt wie tot. Wir gingen zurück zu der Kleinbahn. Sie fuhr uns nun die Kehren hinunter, wieder waren wir eingehüllt von lautstarker Musik, die nach Karneval am Rhein klang. 

Man weiß im Süden, was deutsche Touris gerne hören. In der Kehre, die zum Platz ausgeweitet war und in der unser Bus auf uns wartete, gingen genau in dem Augenblick, als wir ausstiegen, die Fensterläden eines da zufällig stehenden Kiosk auf und eine junge Frau schob einen Ständer mit Ansichtskarten heraus. Wir hörten, in diesem Kioskladen gäbe es eineToilette. Es war wirklich eine da, aber auch wirklich nur Eine. Für 42 durchgerüttelte Männer und Frauen gab es nun mehrere Möglichkeiten: Schlange stehen, im Kiosk sich umgucken und kaufen oder in der Sonne die Schönheit der Bergwelt auf sich wirken lassen. Das Ganze dauerte!

 Der Kiosk gehörte natürlich auch Maria. Eine sehr tüchtige Geschäftsfrau, die da den Laden hin gestellt hat, wo der Touri-Bus nicht weiter kommt und ihn aufmacht, wenn das Züglein wieder vom Berg kommt, selbst wenn schon Siesta ist. Neider, sagt sie, habe sie genug und lächelt verschmitzt. Ich selber stieg mit einer gekauften Flasche  Wein in den Bus, der nun einiges mehr zu tragen hatte als vorher.

Es war schon früher nachmittag, als wir nach dem Einkauf für das anschließende Picknick im Grünen  einen geigneten Platz an einem Fluss und unter Bäumen fanden. Hier war noch eine andere „Maria,“ - ich habe mir ihren Namen nicht gemerkt – die uns durch Mammola, ein pitureskes Bergdörfchen hätte führen sollte, so war es mit ihr abgemacht. Natürlich hatte sie allerhand Kunsthandwerk in ihrem Haus. Doch Liane hatte dieses Unternehmen abgesagt. Die „Maria“ kamm  aber trotzdem zum Picknickplatz. Sie hatte auch  etwas fürs Picknik dabei  und bediente gleich, obwohl angesagt war, erst solle alles Eingekaufte auf dem großen Pichnicktisch ausgebreitet  und in Portionen geteilt werden, was Maria nicht wusste. So war leider Sand im Getriebe eines fröhlichen Essens. Doch der zum Picknick eingekaufte Wein heiterte die etwas angespannte Stimmung wieder auf. Vielleicht hob sich die Stimmung auch deshalb, als bekannt gegeben wurde, wir machten keine Wanderung im lang gestreckten Bergdorf, sondern führen nach dem opulenten Picknick gleich nach Hause. Es ist so viel übrig Essen (Wein natürlich nicht) geblieben, dass ich an die biblische Geschichte von der Speisung der 5000 dachte. Übrigens waren beide Speisungen kostenlos. Das Picknick von Jesus und das heutige. Denn es war ein  Geschenk von Herrn Völkel, dem Chef von ECC. 

Wir haben heute noch zwei geräucherte Mettwürste im Kühlschrank, die wir  - wenn genießbar – beim Treffen der Reisegruppe bei uns im Garten in Seth auf den Picknick-Tisch legen werden. 

Nun ging die Reise auf die letzte Kulturstrecke. Es war Sonntag und auf dem Programm stand die Besichtigung von Cosenza, der heimlichen Hauptstadt Kalabriens. Sie liegt wunderschön im Crati-Tal. Indiesen Fluss mündet der  aus den Bergen in Kaskaden herabstürzende Busento, der durch die Ballade von Platen berühmt geworden  ist. Im Busento wird die Stelle gezeigt, wo die Goten ihren König Alerich beigesetzt haben sollen. Nachts wird diese Stelle beleuchtet. 

Auf einem Hügel über Cosenza thront die Normannenburg. Alles ist wunderschön anzusehen. Aber allein die Fahrt vom Resort nach Cosenza über die Autobahn dauert über eine Stunde, dann der Fußweg vom Fluss hinauf in die Altstadt. Wir sind ja nicht im Hamburg, sondern im Gebirge! Das alles nahm mehr Zeit ein, als gedacht.  

Es ist eine logistische Kunst, eine Gruppe von 42 Personen auf holperigen Straßen aufwärts und abwärts zu führen. Stadtbesichtigungen sind immer anstrengend. So war es sicher eine Fehlplanung von mir, das wunderschöne Cosenza an den Schluss der Reise zu setzen. Ich merkte schon beim Besuch des Diözesan-Museums, das neben der Kathedrale liegt, wie die Konzentration bei uns nachließ. Das besonders kunstvolle byzantinische Kruzifix im Museum, in einer Glasvitrine gesichtert hatte der Kaiser Friedrich II. aus Jerusalem mitgebracht und der Kathedrale in Cosenza geschenkt.Dessen Schönheit und arabeske Verzierungen zogen uns noch einmal in den Bann. Es gibt neben diesem Kruzifix von außergewöhnlichen Kunstwert aus der byzantinischen Welt in Kalabrien nur noch den Codex Purpuriensis in Rossano und die Kreuzkuppelkirche in Stilo. Die von Friedrich II. geweihte Kathedrale, in der sein tödlich verunglückter Sohn Heinrich begraben liegt,  war am Sonntagvormittag schon mit Gottesdienstbesuchern gut gefüllt. Die Besichtigung der Kunstwerke im Kirchraum konnten wir nur noch kurz machen, bevor der Gottesdienst begann. Einige von uns waren auch schon so erfüllt von all dem Schönen, was im Museum zu sehen war, dass sie sich in die Kirchbänke setzten und den musikalischen Gottedienst miterlebten. Die anderen stiegen von der Kathedrale weiter aufwärts zum Marktplatz Cosenzas, der von einem Ensemble schöner Häuser umrahmt ist, u. a. einem klassizistischen Theater. Leider sind die meisten der Palazzi unbewohnt und verfallen. Cosenzas Altstadt stirbt. Das sahen wir später von einem hoch über Crati und Busento gelegenen Aussichtspunkt. Die Neustadt von Cosenza ist voller Leben. Doch einen weiteren Spaziergang mit Besichtigungen von Kirchen und anderem Sehenswerten schenkten wir uns. 

Jeder machte Mittagspause wie er wollte und erholte sich etwas. Dazu gab es genügend Lokalitäten oder eine Bank unter Bäumen, um die so schöne Stadt und den Busento zu sehen. Am Abend versammelten wir uns in einer großen offenen Halle der Hotelanlage zum Gespräch mit einem Priester aus der Stadt Vibo. Dieser hat sich auf  gesellschaftliche Fragen spezialisiert, u. a. die Ursachenbekämpfung der kalabrichen Mafia und in der  Flüchtlingshilfe engagiert. Ich glaube, wir sind mit neuen vertieften Erkenntnissen nach Hause gefahren, nicht nur über Kalabrien, sondern allgemein über die menschliche Gier nach Geld und Macht. Danach haben wir uns beim Abendessen  bei unseren ReisebegleiterInnen bedankt. Peter Brehm hat wie schon oft auf Reisen die Dankesrede gehalten und Ingrid Bremer besang die Reise in einem eigenem Gedicht. Liane und Giuseppe waren nach neun Tagen ganz in der Gruppe zuhause gewesen. Wir waren von ihrem Können und Wissen und ihrer menschlichen Art sehr angetan.  Es war eine tolle lebendige und fröhliche Reise mit ihnen beiden. Dafür möchte ich mich bei beiden  in unser aller Namen herzlich bedanken. 

Am nächsten Tag war dann Abschied von einem Land im Frühling, ein Land im Aufschwung,  heraus aus der Hofnungslosigkeit in eine bessere  Zukunft.     

   

 H.Nielbock  Seth den 31.  Juli 2016