Ökumenische Reise nach Rom und Latium und Umbrien im „Hl. Jahr der Barmherzigkeit“ (4.-10. April 2016)

Um 6 Uhr starteten wir am 4. April mit Pater Lötscher von Maria Königin und mir von der Thomaskirche Grünwald per Transfer-Bus zum Airport München, wurden von der Lufthansa bestens bedient und trafen um 10:35 in Rom ein. Dort empfing uns die römische Reiseleiterin Laura Miorelli, wir starteten bei herrlicher Frühlingssonne mit römischem Bus und fuhren erst einmal zu San Paolo fuori le mura, um dort durch die „Heilige Pforte“ auf der rechten Seite in diesen herrlichen, fünfschiffigen Basilika-Bau zu gelangen. Die Alabasterfenster verbreiteten ein wunderbar gedämpftes Licht, der hohe alte Osterleuchter und der große Baldachin-Altar, unter dem durch das Gitter der erst kürzlich freigelegte Sarkophag des Apostels Paulus hindurch schimmerte. Außerdem spähten wir nach oben in die lange Reihe der Päpste und entdeckten ganz im Nordost-Ecke das Portrait des Burgoglio-Papstes Franziskus.
Nach einer Mittagspause im neuen Cafe der Kirche ging es weiter durch Via Nomentana zur Sant´Agnese fuori le mura, also eine Kirche auch außerhalb der Mauern, weil wir schon 2015 ausgiebig Rom intra muros einschließlich einer Papstaudienz besichtigt hatten. Aber keiner meiner Mitfahrer kannte diese Agnes-Kirche. Es gibt ja eine weitere, viel spätere barocke Kirche „S. Agnese in Agone“ an der Piazza Navona, vor der wir letztes Jahr den prächtigen Vierflüsse-Brunnen von Bernini bewundert haben. Doch diese S. Agnese-Kirche vor den Mauern ist viel älter. Die hl. Agnes war eine 13-jährige christliche Jungfrau, die sich geweigert hat, den Sohn des heidnischen Stadtpräfekten zu heiraten. Der ließ sie nackt vorführen, aber wundersamer Weise wuchs ihr sogleich das Haar und bedeckte ihren Körper. 304 wurde sie hingerichtet, aber acht Tage später soll sie wie eine byzantinische Kaiserin juwelengeschmückt mit einer Goldstola und violettem Kleid, ein Lamm in den Armen haltend erschienen sein. Soweit die Legende. Alljährlich werden deshalb immer noch am 21. Januar zwei Lämmer auf dem Altar der Kirche gesegnet und aus ihrer Wolle wird ein Pallium (Gewand) gewebt, das jeder neuernannte Erzbischof vom Papst verliehen bekommt. So ist die hl. Agnes in dem Apsis-Gold-Mosaik aus dem 7. Jh. dargestellt mit den Päpsten Honorius und Symmachus auf beiden Seiten. Costanza, (eigentlich Constantina) die Tochter des Kaisers Konstantin stiftete 337 eine riesige Umgangs-Basilika über der Grabstätte für diese Märtyrerin, von der allerdings nur noch der Außenring geblieben ist. Papst Honorius ((625-38) ließ die heute bestehende Kirche erbauen, unter der die Catacombe di Sant´Agnese mit zwei Grabgalerien gut erhalten ist. Die Kirche erfuhr später manche Umbauten, doch ist der ursprüngliche Charakter der hohen schmalen Hallenbasilika mit 16 antiken Säulen gewahrt. Gleich daneben liegt nun das Mausoleum der Kaisertochter S.Costanza, (354+) (und ihrer Schwester Helena, die mit dem heidnischen Kaiser Julian Apostata (!)verheiratet war). Äußerlich ein bescheidener Backstein-Rundbau war das Innere jedoch prächtig ausgestattet. Der äußere Säulenring und die Vorhalle fehlen heute. Im Innern tragen symbolträchtig 12 Säulenpaare aus Granit die Kuppel. In der Wand wechseln kleine und große Nischen ab. Alle Wände waren mit Mosaik und Marmorintarsien verkleidet: Ein Teil der Verkleidung des äußeren Umgangs ist erhalten: Blumenmuster, Heilige stehen neben heidnischen Figuren, Tiere und Vögel spielen in den üppigen Weinranken, dazu auch geometrische Muster. In der Hauptnische gegenüber dem Eingang stand der große Porphyr-Sarkophag der Constantia, heute nur Kopie, das Original befindet sich in den Vatikanischen Museen. Besonders alt, aber leider falsch restauriert sind in den Nischenkalotten zwei symbolträchtige Szenen aus der Erbauungszeit. Die südliche Kalotte zeigt Christus als Weltenherrscher mit Nimbus und Purpurgewand auf der Himmelskugel sitzend und den Schlüssel an Petrus übergebend. Die gegenüberliegende nördliche Nische zeigt den Weltenherrscher auf dem Paradiesberg mit den vier Paradiesflüssen stehend, der dem ehrfürchtig sich nähernden Petrus im Beisein des Paulus die Rolle des Gesetzes der christlichen Lehre übergibt, wie die stark zerstörte Inschrift sagt. Römische Architektur, spätantik-heidnische Mosaikkunst und frühchristliche Symbole verbinden sich hier harmonisch.

Als letzte Kirche fuori le Mura sahen wir San Lorenzo an. Sankt Laurentius vor den Mauern gehört zu den sieben traditionellen Pilgerkirchen Roms, durch deren Besuch die Gläubigen „Vergebung ihrer Sündenstrafen“ gewinnen können. San Lorenzo liegt beim größten Friedhof Roms auf dem Campo Verano an der Via Tiburtina. Die große Kirche hat eine schwer durchschaubare Baugeschichte.
Ihre heutige Gestalt ist eine Verbindung der vom Papst Pelagius II. (579-90) über dem Grab des Märty-rers errichteten Basilika und einer in der Nähe befindlichen Marienkirche aus dem 5. Jh. Die Vereinigung der beiden Kirchen auf zwei verschiedenen Ebenen wurde im 8. Jh. begonnen und dauerte bis zum 13. Jh. Nach einer Bombardierung 1943 durch die Alliierten war eine weitere Restaurierung nötig. Die frühchristliche Basilika, 330 von Kaiser Konstantin erbaut, ist dem Andenken des Märtyrers Laurentius gewidmet, der 258 n. Chr. der Überlieferung nach auf einem glühenden Rost zu Tode gequält wurde. Das Mosaik des Triumphbogens stammt aus dem 6.Jh. Auf der linken Seite Pelagius mit dem Modell der Kirche neben dem größeren Laurentius. Die Inschrift besagt: „O Levite, du erlittest einst den Flammentod. Heute kehrt in deine Tempel das heilige Licht!“ Von großer Schönheit sind die kannelierten Säulen der ersten Basilika mit korinthischen Blattkapitellen. Die Säulen des späteren Anbaus sind mit ionischen Schnecken versehen. Das Marmor-Ziborium ist das signierte Werk römischer Künstler von 1148, in der Vorhalle steht ein antiker Sarkophag. Die Vorhalle selbst, von den Brüdern Vasalletto gestaltet, ebenso der Fußboden und die Besonderheit der beiden Ambonen, also zwei Kanzeln, die sich gegenüberstehen, stammt aus dem 12./13.Jh., dazu der Kreuzgang. Untergebracht und wohlversorgt für 3 Nächte waren wir in dem vatikanischen Hotel Casa Bonus Pastor. Am nächsten Tag ging es nach Tivoli zu den ausgedehnten Anlagen des Kaisers Hadrian (117-138), die Villa Adriana die in ihrer imperialen Größe und einstigen Pracht einen überwältigten Eindruck hinter-ließ. Hier war alles Nötige für die Führung eines kaiserlichen Hofes vorhanden. Da gab es Bibliotheken, kleine und große Thermen, dazu Nymphäen und Fischteiche, außerdem im kleineren Maßstab Kopien von Orten und Bauwerken, die dem Kaiser auf seinen ausgedehnten Reisen durch sein Reich besonders beeindruckt hatten, so das Tempeltal von Thessalien, ein Kanal bei der ägyptischen Stadt Kanopus mit einem Serapis-Tempel, das sog. Teatro Marittimo, die Piazza d´Oro, der Goldplatz, von urspr. 60 Säulen umgeben, eine kleine Villa mit marmornem Säulengang, die Insel der Einsamkeit, oder die Akademie von Athen, dazu das Stadion, die Kaserne der Wachen usw. Staunenswert waren die riesigen Ruinen und Kuppelbauten, welche die Römer mit „Cementum“ zusammenhielten, der Jahrhunderte hielt. Erst Ende des 19.Jh. entdeckte man wieder die großartige Haltbarkeit von Zement.
Die Villa d´Este
gilt als Königin der Villen. Gebäude und Park wurden im 16. Jh. für den Kardinal Ippolito d´Este von Pirro Ligorio geschaffen. Eine Anlage, in der sich die natürliche Landschaft an einem Hügel-abhang, das Spiel des Wassers und die Fontänen sich mit den architektonischen Formen der Bauten harmonisch und erfrischend verbinden Luigi und Alessandro d´Este ließen die Anlage der Villa zu Beginn des 17. Jh. vollenden. Sie kam später in den Besitz der Habsburger und 1918 zum italienischen Staat. Vom Palazzo tritt man über Terrassen und zahlreiche Treppen hinab in den parkähnlichen Garten mit seinen „tausend“ Brunnen, Fontänen, großen und kleinen Wasserbecken. Spielerisch nehmen sie das Wasser auf und spritzen oder leiten es in andere Becken weiter. Ein großer Wasserfall bildet den Abschluss. Das beständige Rieseln und Rauschen erfüllt die Luft, die hier viel reiner und frischer ist als im überfüllten Rom. Immer wieder beeindruckend, auch die Ausmalung der Villa.
Am Nachmittag fuhr uns der Bus zu dem Städtchen Subiaco, ca. 70 km von Rom entfernt, ein Ort in idyllischer Lage, selbst Nero ließ sich dort eine Villa bauen und einen künstlichen See anlegen. Aber berühmt wurde der Ort, weil sich dort Benedikt von Nursia, der Begründer des Benediktiner-Ordens sich mit Gleichgesinnten in die Einsamkeit zurückzog. Das Kloster San Benedetto in 800 m Höhe erreicht man über kurvige Straßen und einen Fußweg. Es hängt wie ein Schwalbennest an der Felswand und wurde über der Einsiedlerhöhle des Hl. Benedikt Jahrhunderte lang erweitert. Das Gedächtnis des Heiligen wird in winkelreichen und ineinander gestaffelten Klosteranlagen durch Wandmalereien gefeiert, die aus dem 8. Bis 14. Jh. stammen und Szenen aus dem Leben des Ordensgründers und der Bibel zeigen.

Am nächsten Tag ging es nochmals nach Rom selbst in die berühmten Caracalla-Thermen im Süden der Stadt. Sie wurden unter Kaiser Septimius Severus im Jahr 206 begonnen und zehn Jahre später unter Kaiser Caracalla vollendet. Sie dienten nicht allein als Bad, sondern als Freizeitzentrum für 3000 Men-schen. Schwimmbecken, Schwitzbäder, Sonnenbäder, aber auch Gärten und Konferenzräume, Friseurläden und Einkaufzentren, ein Mithräum und religiöse Kulträume waren auf einer Fläche von 330 m im Quadrat untergebracht. Riesige Hallen mit mächtigen Pfeilern und Säulen, Kuppeln und Halbkuppeln, Tonnen- und Kreuzgewölben nahmen etwa 1500 Menschen gleichzeitig auf. Kostbarer Marmor, phantasievolle Mosaiken und Fresken schmückten Wände und Fußböden. Die Erfindung des „cemetum“ machte dies alles möglich. Selbst heute noch finden in den riesigen Ruinen Opern- und Balletaufführungen statt.
Weiter ging es in die Albaner Berge und in den Weinort Frascati, wo wir in einem typischen Lokal einen Mittagsimbiss mit lokalen Spezialitäten und Weißwein hatten. Dazu überraschte uns noch eine junge Opernsängerin mit einem Ziehharmonika spielenden Vater und „O sole-mio“ –Melodien. Bei der Som-merfrische des Papstes, dem Castel Gandolfo, begnügten wir uns, sie nur von Ferne über dem Albaner See anzublicken, weil Franziskus da ja nicht mehr hin geht, dafür fuhren wir weiter nach Nemi an den steilen Hügeln des kleinen Lago di Nemi romantisch gelegen und berühmt für seine köstlichen kleinen Wald- oder Felderdbeeren, die wir uns nicht entgehen ließen. Nach einem Erkundungs-Rundgang durch das Örtchen bei strahlender Nachmittags-Sonne fuhren wir zurück in unser Vatikan-Hotel. Am nächsten Morgen besuchten wir Viterbo. Die größte und bedeutendste Stadt im nördlichen Latium ist eine Gründung aus der Völkerwanderungszeit, ein „Castellum Viterbium“ taucht als Grenzbefestigung zwischen den Römern und dem Reich der Langobarden auf. Die Stadt liegt am Nordhang des Monte Cimini und ist von einer Mauer mit Türmen und Befestigungen umgeben. Viterbos große Tage fanden aber im Mittelalter statt. Denn da diente es von 1143 an 140 Jahre lang als Refugium der Päpste. Der große Papst-Palast bei San Lorenzo zeugt davon. Die Kirche San Francesco beherbergt drei Papstgräber, das von Clemens IV. (1268+) und Hadrian V. (18.8.1276+ nach nur 39 Tagen!) Sein Grabmal „fast unangemessen schön von Arnolfo di Cambio!“(Dumont) und Giovanni XXI. (20.5.1277+)! Die Via San Pellegrino hat noch ganz mittelalterlichen Charakter und mündet in die malerische Piazza San Pellegrino. Nicht weit ist die Piazza del Plebiscito mit dem gleichnamigen Stadtpalast und dem 40 m hohem Stadtturm. Unweit davon ist der Vier-Löwen-Brunnen auf der Piazza delle Erbe, welcher die ursprünglichen vier Stadtteile Viterbos symbolisieren soll.
Weiter ging es nach Tuscania mit mittelalterlicher Stadtmauer, etruskischen Gräbern und romanischen Kirchen, die wir von dem außerhalb liegenden Hügel von San Pietro betrachten konnten.
Die Kirche wurde bereits im 9. Jh. auf den Resten eines römischen Tempels anstelle der etruskischen Akropolis erbaut und wurde die Bischofsbasilika San Pietro. Die heutige Kirche geht auf das 11./12. Jh. zurück. Die romanische Kirche macht einen sehr ursprünglichen Eindruck mit alten Spolien und Holz-dach, dazu eine Krypta mit verschiedenen Säulen und alten schon fast verwaschenen Bildern von Christus bei der Taufe und Maria auf dem Thron. Der Baldachin-Altar ist auch sehr einfach und ursprünglich gestaltet, der steinerne Bischofssitz ebenso. Ein sehr eindrucksvoller Bau, gekrönt von außen mit einer großen Marmor-Rosette.
Am Spätnachmittag landen wir in Bolsena am Bolsano-See, steigen ab im Parkhotel Loriana 3*, machen einen Spaziergang am See und übernachten nach einem prächtigen Abendessen in guten Zimmern. Bolsena ist eine Etrusker-Stadt, welche die Frankenstraße berührt (Francigena), 2 Tempel-Fundamente und eine Akropolis oberhalb der Stadt wurden ausgegraben. Ob es sich dabei um Velzna oder römisch um Volsinii handelt, ist umstritten. Jedenfalls haben die Römer mit dieser Etruskerstadt 130 Jahre lang die Waffen gekreuzt und angeblich 2000 Götterfiguren erobert. Berühmt wurde Bolsena durch eine christliche Märtyrerin, die Hl. Christina. Sie sei in frühester Jugend zum christlichen Glauben gekommen und habe die goldenen und silbernen Kultbilder ihres reichen heidnischen Vaters, des römischen Stadtpräfekten namens Urbanus zerstört, um das Edelmetall an die Armen zu verteilen. Als sie gestand, dass sie Christin geworden sei, habe der unmenschliche Vater einen schweren Stein an ihre Beine binden lassen und sie im See versenkt. Ein Engel habe sie gerettet, so die Legende. Noch heute wird die Felsplatte mit dem Abdruck ihrer kleinen Füße in der Kirche gezeigt. In der Verfolgung durch Kaiser Diokletian um 300 ist sie dann endgültig durch das Schwert umgekommen.
Über dem Grab der Märtyrerin, deren Kult bereits im 4. Jh. bezeugt ist, erbaute man später eine Kirche an einer Stelle, die bereits als heidnische Kultstätte gedient hatte. Der Altar zu Christinas Gedächtnis, den ein Ziborium aus dem 9. Jh. überwölbt, wird von vier Säulen getragen. Hier zelebrierte im Sommer 1263 ein böhmischer Priester auf der Pilgerfahrt nach Rom seine tägliche Messe. Doch er hatte Zweifel, dass durch die Wiederholung der Einsetzungsworte Jesu wirklich Brot und Wein in den Leib des Herrn verwandelt werden. Da sei – so berichtet die Überlieferung – plötzlich Blut aus der erhobenen Hostie auf das Altartuch getropft und habe den Zweifelnden von der Wahrheit des Sakraments überzeugt. Das Wunder der Messe von Bolsena entstand daraus.
Erst 1215 hatte der mächtigste Papst aller Zeiten, Innozenz III. auf dem IV. Laterankonzil mit 2000 Teil-nehmern die kirchliche Lehrmeinung über das Abendmahl eindeutig formulieren und festlegen lassen. Die sog. Transsubstantiationslehre wurde seitdem Dogma: Unterschieden wird zwischen substantia und accidentia (von dem heidnischen Philosophen Aristoteles her durch Thomas von Aquin formuliert im Auftrag des Papstes Innozenz III.). Bei der Wandlung durch einen geweihten Priester ändert sich die Substanz (Brot wird zu Leib Christi), aber nicht die Akzidenz (die äußere Erscheinung). In Brot und Wein sei jeweils der ganze Christus (Lehre von der concomitantia: in jeder „species“, also in Brot wie im Wein, ist der ganze Christus!)
In feierlicher Prozession brachte man das blutbefleckte Altartuch, das sog. Corporale nach Orvieto, der zuständigen Bischofsstadt, wo gerade der Papst Urban IV. weilte. Daraufhin verfügte der Papst den Fronleichnams-Tag für den Festkalender der Katholischen Kirche und ordnete an, ihn überall festlich zu begehen. Das initiierte einen wahren Strom von Wallfahrern nach Orvieto, wo man die Reliquien des „Messwunders von Santa Cristina“ in einem Silberschrein aufbewahrte. Weil der alte Dom weder die Masse der Pilger aufnehmen konnte, dazu baufällig war, noch genügend würdig war für die Heiligkeit des mit Christi Blut getränkten Corporale, begann man 1288 mit dem Bau einer neuen, weit umfänglicheren Kathedrale, welche das eucharistische Wunderzeichen aus Bolsena wie ein kostbares Reliquiar umschließen sollte. Papst Nikolaus IV. legte persönlich den Grundstein 1290 für diese herrliche Kirche, „die mit ihrer großartigen Fassade und den Fresken von Fra Angelico und Luca Signorelli zu den eindrucksvollsten Kunstwerken Italiens gehört“ (Werner Goez, „Von Pavia nach Rom“, Dumont-Kunstreiseführer 1980)
Nach diesem fast dogmatischen Zwischenbericht über die Folgen der Messe von Bolsena fahren wir nun in unserem Reisebus weiter nach UMBRIEN in das grüne Tal des Tibers, wo auf einem Plateau aus Tuffstein eine etruskische Stadtsiedlung liegt, nämlich das berühmte Orvieto hoch über dem Plagia-Tal. Hier treffen wir unsere umbrische Reiseleiterin, Elena Buzzini. Die Stadt Orvieto wird bekrönt vom Dom, wie gesagt, einem der schönsten Bauwerke Italiens, dessen gotische, gold-mosaikgeschmückte Fassade weit in die Landschaft leuchtet. Der Entwurf war von dem Sienesen Lorenzo Maitani, der seit 1300 auch als capomaestro die Bauleitung übernahm. Spätere Baumeister waren Andrea und Nino Pisano, Andrea Orcagna für die Rosette, weiter der Sienese Antonio Federighi (1451-56). Der Bau ähnelt in vielem dem Sieneser Dom. Bei der Gestaltung der Fassade durften die Bürger mit entscheiden, als man von Maitanis Entwurf abwich. Die eindrucksvollen Reliefs der Sockelzone von Maitani zeigen die Schöpfungsgeschichte beim ersten Pfeiler links. Am zweiten Pfeiler werden die Prophetien auf den Messias dargestellt, am dritten Pfeiler Szenen aus dem Leben Jesu von der Verkündigung der Geburt bis zu „Noli me tangere“(die Begegnung von Maria Magdalena mit dem Auferstandenen). Der vierte Pfeiler stellt eindrucksvoll das Weltgericht dar.
Im Innern sind die Malereien von Luca Signorelli hervor zu heben: Der Antichrist und das Weltgericht, die Auferstehung der Menschen aus dem Tod, dazu das Bolsena-Corporale, wie schon erwähnt, und die Pieta von Leonardo Scalza. Nach einem herrlichen Mittagessen mit umbrischen Spezialitäten in einem typischen Tuffstein-Keller-Restaurant mit ausgebauten langen unterirdischen Gängen fuhren wir weiter nach Asissi. Nach Abendessen und Übernachtung im 3* Hotel „La Terrazza“ fuhren wir am nächsten Morgen mit Taxi ins Zentrum von Asissi. Alles überragend stand auf einer riesigen umbauten Terrasse die große Basilika San Francesco mit dem Grab des heiligen Franziskus. Die Außenfassade ist durch drei gleich-hohe Abschnitte klar proportioniert. Auf das steile Giebeldreieck folgt der Abschnitt mit der großen Rosette, umgeben von den vier Evangelisten und dann der Torbogen mit den Doppeltüren. Die Oberkirche war zuerst unser Ziel mit den berühmten Fresken des Giotto, Cimabue und Lorenzetti u.a. Einige Decken-Fresken der Oberkirche wurden bei dem großen Erdbeben im Jahre 1997 unwiederbringlich zerstört. An den Wänden wird das Leben des heiligen Franz dargestellt. Berühmt ist die Darstellung der Vogelpredigt, aber auch die der Stigmatisation.
Doch muss ich nun auf das Leben von diesem „unmöglichen“ Heiligen näher ein gehen. Franziskus von Assisi hieß eigentlich Giovanni. Aber weil er von seiner Mutter Pica, einer gebürtigen Französin, schon früh deren Muttersprache erlernte, rief man ihn Francesco. Sein Vater war ein wohl-habender Tuchhändler in Assisi. Als Francesco heranwuchs, fielen bei ihm Sangesfreude, Gewandtheit und Lebenslust besonders auf. Mit Vaters Einverständnis gedachte er, sich zum Ritter hoch zu dienen. Die fromme Mutter freilich sah ein anderes Ziel für ihren Sohn. Im Kampf für seine Vaterstadt geriet Franziskus in Gefangenschaft. Als er einige Jahre später wieder in seine Heimat zurückkehrte, befiel ihn eine schwere Krankheit, die bereits seine Lebenswende vorbereitete. Zwar gab er sich noch einmal dem gewohnten Treiben seiner Jugend hin, aber er konnte dem keinen Reiz mehr abgewinnen. Allerdings wusste er zunächst diese Veränderung nicht zu deuten.
Ein seltsamer Bettler
Die große Wende kam, als er sich einmal voll Ekel von einem Aussätzigen am Weg abwandte und ihn dann plötzlich heißes Erbarmen mit dessen Elend packte. Es trieb ihn nun, solche besonders Arme zu pflegen. Das bezeichnete er selbst als den Anfang seiner Bekehrung. Von da an ging er einsame Wege, fern von seinen früheren Gefährten. Alles wollte er nun hergeben. Sogar sein eigenes Pferd! Kostbare Stoffstollen seines Vaters verkaufte er und gab das Geld den Armen. Er baute sich selbst eine Hütte als Wohnung in der Nähe der verlassenen Portiunkula-Kapelle bei Assisi. Diese und andere verfallene Gotteshäuer besserte er aus.
All das brachte den Bruch mit dem Vater, der vergeblich versuchte, den Sohn von seinem Weg abzu-bringen. Als der Vater seinen Besitz rückverlangte, zog Francesco sich vor allen Leuten nackt aus und gab sie dem Vater zurück. Nur dem himmlischen Vater wollte er noch leben. Im Gegensatz zu den Minnesängern seiner Zeit warb er um die „Donna Armut“ als seine Braut. Im Bettlergewand pflegte er Aussätzige und half mit bei den Dienstleistungen des Alltags.
Nach diesem zweiten Beginn seines neue Lebens kam noch ein drittes Erlebnis hinzu: In der Portiunkulakapelle hört er das Evangelium von der Aussendung der Jünger, Matth. 10, 5-15. Das packte ihn so, dass er es dem Wortlaut getreu ausführen wollte. Nun kam zum Helfen mit der Hand das Helfen mit der Verkündigung des Evangeliums. In schlichter, herzgewinnender Weise predigte er von Christus und lud zur Umkehr ein. Sein Lebensunterhalt waren Früchte des Waldes und Geschenke, die man dem Bettelnden reichte. Spott und Hohn ertrug er ebenso demütig wie den Fluch seines Vaters. Die Legende schmückte den wandernden Heiligen mit einem Kranz von Erzählungen.
Ein Bettelorden entsteht. Elf Brüder fanden sich, die gleich ihm Christus nachahmen und sich mit der Armut vermählen wollten. Bald wurden es immer mehr, die sein Vorbild der Einfachheit und Sanftmut anzog. So stellte Franziskus schließlich eine Lebensregel auf mit den Worten der Bibel über Armut, Selbstverleugnung, Kreuztragen und Wanderpredigt. Im Gegensatz zum üblichen Streben nach Reichtum sollten seine Brüder sich Minoriten nennen (Ordo fratrum minorum= O.F.M.). Von Almosen sollten sie leben und Liebe üben. Eine neue Form des Mönchtums entstand. Sie sollten sich nicht hinter Klostermauern zurückziehen, sondern zu praktischer Hilfe und Predigt zu den Menschen gehen, nicht in einsame Täler, sondern mitten in die Stadt. 1210 pilgerte Franziskus nach Rom, um seine Bruderschaft vom Papst bestätigen zu lassen. In einer denkwürdigen Szene standen sich der mächtigste Papst aller Zeiten, Innozenz III. und der arme Bettelmönch gegenüber. Der Papst wies ihn zuerst ab, als er Franziskus im dreckigen Bettlergewand sah: „Geh wieder in die Hundehütte, wo du her gekommen bist!“ soll er gerufen haben. Franziskus besorgte sich daraufhin eine Hundehütte und legte sich damit vor den Eingang des Papstpalastes. Alle Besucher regten sich darüber auf, so dass der Papst ihn am dritten Tag rufen ließ und ihm die Erlaubnis zur Ordens-Gründung gab. Der Legende nach – wie in der Kirche San Francesco von Giotto dargestellt, soll der Papst geträumt haben, dass ein Mann die einfallende Papstkirche am Umfallen hindern wird – nämlich dieser Bettelmönch, der sich trotz des krassen Gegensatzes zum unbedingten Gehorsam gegen Rom verpflichtete.
Die Zahl der Franziskus-Anhänger wuchs von Tag zu Tag. Bald wurde diese freie Gemeinschaft vom Papst in einen Mönchorden umgebildet. Nach zehn Jahren zählte der Orden schon 5000, um das Jahr 1300 schon 30-40.000 Mönche. Zu zweien zogen die Brüder in ihren braunen Kutten durch ganz Italien, bald auch in andere Länder.
Die vielen Krisen in der römisch-katholischen Kirche, in den bisherigen Orden, die einfach zu reich ge-worden waren, und die Querelen um das Papsttum und die Kurie selbst bestätigten, wie nötig damals ein solcher Reformorden war. Es entstand ja noch ein zweiter Orden zur gleichen Zeit, der von dem Spanier Dominikus gegründete Dominikaner-Orden. Beide gingen in die Städte, denn deren aufstre-benden Bürger hatten schon längst den Einfluss des Rittertums auf dem Lande zurückgedrängt, das zukünftige Leben spielte sich zunehmend in der Städten ab. Eine Begegnungsszene des Franziskus mit Dominikus trägt diesem Ereignis Rechnung, von Giotto gemalt. Typisch für beide Bettelorden sind die schlichten Hallenkirchen, die vor allem der volkstümlichen Predigt dienten.
An einen straff organisierten Orden hatte Franziskus nie gedacht, dazu war er viel zu bescheiden. Auch als die Schar wuchs, blieb sein einziges Anliegen die Nachfolge Christi. Dazu gehörte auch „eine nie umwölkte Stirn“, weil Christen immer einen Grund hätten, fröhlich zu sein. Neben inniger, hilfsbereiter Liebe zu allen Mitmenschen hatte er ein starkes Gefühl der Verbundenheit mit allen Geschöpfen. Die Vögel des Waldes, die Tiere auf dem Felde, die Blumen auf der Wiese und die Gestirne am Himmel waren ihm Brüder und Schwestern. Das zeigt sein berühmter Sonnen-Gesang oder die Vogelpredigt. Franziskus führte auch an einem Weihnachtsfest die Krippe in die Kirche ein mit Ochs und Esel, wie die Darstellung der „Weihnachtsfeier in Greccio“ zeigt (San Francesco, Oberkirche, linke Seitenwand). Er predigte auch vor Päpsten und Bischöfen sein Evangelium der Armen, z.B. vor Honorius III. (rechte Seitenwand) und segelte sogar einmal nach Ägypten, um dort vor dem Sultan für das Christentum zu werben. (Szene in S. Francesco in Montefalco).
Zwei Jahre vor seinem Tod empfing Franziskus seine Stigmatisierung, die seine Botschaft noch glaub-würdiger werden ließ. Er verzehrte sich in seinem Dienst für Christus und begann zu erblinden, was ein Arzt durch Brennen der Stirn mit einem glühenden Eisen zu heilen (!) versuchte. Als sein Zustand immer elender wurde, ließ er sich in die Portiunkula-Kapelle bringen. Nach der Feier des Hl. Abendmahles hauchte er, hingestreckt auf den Boden des Gotteshauses, mit den letzten Sonnenstrahlen sein Leben aus. Die Klänge des Sonnengesangs, von seinen Brüdern gesungen, begleitete sein Sterben. Die Oberkirche von San Francesco, in der das ganze Leben des Franziskus in Wand-Szenen von Giotto und seinen Schülern dargestellt wurde, ist durch ein Erdbeben am 4. Und 26. September 1997 an der ausgemalten Decke schwer beschädigt worden. Einiges ist unwiederbringlich dahin. Dennoch ist der Gesamteindruck großartig. Es ist schon erstaunlich, welch große Kirchenanlage aus dem schlichten Christusgehorsam des Franziskus entstanden ist.
Die Unterkirche enthält neben wunderbaren Gemälden von Pietro Lorenzetti, Simone Martini und Giovanni Cimabue das Grab des Hl. Franziskus. Es liegt genau unter der Vierung, was man Jahrhunderte lang nicht wusste. Erst 1818 ist es entdeckt worden. Um den Pilgern Zugang zum steinernen Sarkophag zu geben, entschloss man sich zum Bau einer Krypta, die 1925-32 in Formen der Romanik umgestaltet wurde.
Nach dem Vorbild von Francesco gründete eine schöne und reiche Jungfrau Klara /Chiara den weibli-chen Orden der Klarissinnen. Es entstanden dann noch der Dritte Orden, ein Laienorden, der mit den Familien einen Dienst in der Nachfolge Christi aufnahm und schließlich gab es die Kapuziner, die wegen der Form der Kapuze sich vom ursprünglichen Orden trennten. In Deutschland nannte man die ursprünglichen Franziskaner „Barfüßer“.

Auch die Kirche Santa Chiara von 1265 haben wir in Assisi besucht, in deren Krypta der mumifizierte Leichnam von Chiara in einem Glasschrein ruht. Eindrucksvoll das gotische Kreuz mit dem in S-Form gekrümmten Christus und der 12-Säulen-Altar.
Außerdem besahen wir die Piazza del Comune mit dem Minerva-Tempel, dem Torre del Populo und dem Palazzo die Priori, sowie die Kathedrale San Rufini mit romanischer Fassade, zwei kleinen Rosetten und einer großen in der Mitte und im Innern den Hauptaltar mit einem leuchtend weißen Kruzifix. Nach einem Mittagsimbiss ging es mit Taxi und kurzem Aufstieg zur Einsiedelei „Eremo delle Carceri“, in 800 m Höhe, 4, 5 km entfernt in mitten dichter Steineichenwälder gelegen: Dort zog sich Franziskus mit seinen allerersten Gefährten zurück. Danach weiter mit Taxi zum Kloster San Damiano, etwa 1 km unterhalb der Stadt an einem Hang gelegen, wo die hl. Clara (Chiara) über 30 Jahre als Äbtissin wirkte. Hier dichtete Franziskus seinen berühmten Sonnengesang. Wir versammelten uns daneben in einer kleinen Kapelle zu einer ökumenischen Messe mit Pater Lötscher. Am Abend fand dann ein Abschiedsessen in einem Lokal in der Altstadt von Assisi statt, das keinen besonderen kulinarischen Eindruck auf uns hinterließ, aber wir waren im fröhlichen Gesprächs-Austausch beieinander.
Am Morgen des letzten Tages fuhren wir wieder mit Bus (er musste ja einen Tag vorher pausieren! EU-Vorschrift!) nach Santa Maria del Angeli, der großen Basilika, die im gigantischen Renaissance- Frühbarock- Stil 16/17.Jh. über die kleine Portiunkula-Kapelle des Franziskus gestülpt wurde. Hier lebte Franziskus zuerst mit seinen Brüdern in jeweils leichten Strohhütten um die kleine Kapelle herum. Hier hatte er seine Berufung erlebt. Franziskus wurde bei diesem anstrengenden und asketischen Leben nicht alt. 1208 hat er von hier aus die franziskanische Bewegung gegründet, 1226 starb er in den Armen seiner Brüder wie schon berichtet.
Wir verließen dann die eindrucksvollen Tage in Assisi und kamen nach Montefalco, auf einem Hügel gelegen mit herrlichem Panorama auf das Tal „Valle Umbra“ und deshalb der „Balkon Umbriens“ ge-nannt. In der ehemaligen San-Francesco-Kirche wurde uns einer der schönsten Fresken-Zyklen vorge-führt mit einer 12-teiligen Bilderfolge zum Leben des Heiligen Franz, gemalt von Benozzo Gozzoli, der bei Fra Angelico in die Lehre gegangen war, aber doch seinen eigenen Stil gefunden hatte.
Nach einem sonnigen Rundgang durch Montefalco mit unserer bewährten und belesenen Elena Buzzini sammelten wir uns zu einem letzten Mittagessen mit dem roten oder weißen Montefalco-Wein auf der Piazza del Comune.
Schließlich ging es an Terni vorbei (wir sahen es von Ferne am Berghang angelehnt) zurück nach Rom zum Heimflug mit der LH nach München, wo wir um 20: 30 pünktlich landeten und – o Wunder – sofort unsere Koffer bekamen. Der Transfer-Bus von Herrn Strobl stand auch schon bereit, so waren wir kurz nach 10 Uhr zu Hause mit vielen schönen Eindrücken und Erinnerungen. Eine wunderschöne Reise war zu einem guten Ende gekommen.
Wir danken Frau Anita Aghazarian von der ECC für die souveräne Organisation der Reise.

Gerhard Nörr, Pfarrer