Reisebericht und Betrachtungen zu einer Studienreise, Gemeindereise nach Sizilien im Mai 2014

Unsere diesjährige Reise hatte ihre Besonderheit in der wunderbar blühenden Landschaft, vor allem um die antiken Tempel, dem immer wieder sonnigen Wetter, Schnee auf dem Ätnaparkplatz (2000)  und in unserer Führerin Domenica, die sich nach anfänglichen Irritationen beim Kennenlernen der Kerngruppe immer mehr öffnete und uns freimütig über soziale Besonderheiten der Insel informierte. Dazu mag auch die freiheitliche Auffassung der Glaubensbekenntnisse in Martins Andachten und seine Konzentrierung auf die Gottesvorstellung als Vater beigetragen haben, die Jesus Christus mehrfach bezeugt.

Immer wieder zeigte sie uns die Heimatverbundenheit und den Familiensinn der Sizilianer. Sie selbst ist trotz Studium in Philosophie und Geschichte und Doktorexamen zurückgekehrt, obwohl sie im Sommer Zitronen pflücken muss, und ihre Mutter ist nach dem Besuch am Soldatengrab ihres Ehemannes, der ihr Sizilien zeigen wollte, dort geblieben. Im Ort sind sie akzeptiert.

Im Bourbonischen Sizilien hatten sich baronale Herrschaften ohne eine Mittelschicht herausgebildet, für die Brutalität, dass jede Familie in Riesi für die Schwefelminen einen 10jährigen Jungen zu liefern hatte – man hatte 8 bis 10 Kinder -, hat man anlässlich der 50jährigen Wiederkehr eines Unglücks 2007 ein beeindruckendes Denkmal geschaffen, die Mine wurde erst 1975 geschlossen, die Gebäude haben wir gesehen1.

Die Herrschaft der Großgrundbesitzer hat schon Mussolinis Agrarreform beendet, der die ehemaligen Tagelöhner auf ihrem Lande in Einzelhäusern ansiedelte und eine Eisenbahnlinie baute. Die damals zur Entwässerung eingeführten Eukalyptusbäume entwickeln sich zu Unkraut. Es gab auch Waldanpflanzungen.

Die zweite Agrarreform in den 50er Jahren mit Geld aus dem Norden scheiterte an fehlender Ausrüstung der Bauern, die ihre 5 bis 10 ha noch mit Eseln bearbeiteten und den Transport in die Stadt mit bemalten Eselskarren machten2. Sie blieben arm.  Da bot sich mit der deutschen Suche nach Gastarbeitern eine Lösung, eine halbe Million wurden in dörflichen Rekrutierungsbüros  von Übersetzern erfasst und ohne italienische und deutsche Sprachkenntnisse als terroni (dreckig, krank) eingestellt wurden. Domenica hat solchen nur Sizilianisch sprechenden Leuten Unterricht gegeben und Interviews geführt. Heute sind diese Häuser leer, man zieht in Dörfer und Städte. Durch den EG-Markt seit 1969 ist das Land weitgehend verlassen, die saisonale Lohnarbeit bringt für 61/2 Stunden 50 €, die Erträge sind zu gering, und seit Marokko Zitronen billiger bietet, bleiben die Bauern arm und viele Zitronen ungepflückt, Bäume werden umgehauen für Pizzaholz. Jetzt werden Kiwi-Plantagen gefördert. Windanlagen spanischer Betreiber bringen 750 € Pacht.

Rückkehrer der Gastarbeiter bauen sich Häuser und sitzen als Rentner in Cafés oder sie gründen  Cooperativen, so wie die von uns besuchte Olivenölfabrik Conbiol - in Zusammenarbeit mit der Universität - mit neuesten Methoden oder wie die Imkergenossenschaft mit 900 Bienenvölkern.

Riesi3 ist eines der Zentren der Mafia (cosa nostra), die sich aus der Mittelschicht (Händler, Ärzte, Rechtsanwälte) rekrutiert und familienähnliche ortsgebundene Geheimgesellschaften bildet, die neben Sozialleistungen Einfluss auf  arbeitslose Jugendliche zu nehmen versucht4. Es waren die Amerikaner, die sich mit Hilfe der Cosa Nostra in den USA und ihren Kontakten nach Sizilien 1943 Informationen und eine erleichterte Landung versprachen – trotzdem fielen 10.000 bei Catania.

1 Rundbrief 2011-I - waldenser freundeskreis bietet einen anschauliches Material mit Bildern dazu und zur Gründung der Stiftung

2 Zum Vergleich: Preußen hatte 1810 Land nur an Bauern mit Gerätschaften ausgegeben, die anderen wurden Tagelöhner/Insten.

3 Ralph Giordano geht in seinem Buch Sizilien, Sizilien! der Herkunft seines Großvaters aus Riesi nach.

4 Am 1. Februar 1893 beging die Cosa Nostra zum ersten Mal einen Mord, der weit über Sizilien und Italien hinaus für Aufsehen sorgte. Im Zug von Termini Imerese nach Palermo wurde Emanuele Notarbartolo mit 27 Messerstichen ermordet. Notarbartolo war Großgrundbesitzer und drei Jahre Bürgermeister von Palermo gewesen und in dieser Zeit hatte er als einer der ersten die Cosa Nostra bekämpft. Danach wurde er Präsident der Bank von Sizilien, ab 1890 war er Privatmann. Seinen Kampf gegen die „ehrenwerte Organisation“ setzte er fort, indem er sich beispielsweise weigerte Männer anzustellen, die der Cosa Nostra angehörten. Als er drohte, die weitgehende Korruption innerhalb der Leitung der Bank von Sizilien offenzulegen, wurde er ermordet. Ein Prozess vor Gericht fand erst sieben Jahre später statt (in Mailand). Die Aufklärung des Mordes wurde verschleppt und immer wieder sabotiert – ein erstes Zeichen für die Fähigkeit der Cosa Nostra, hohe öffentliche Stellen zu korrumpieren.

Die clanübergreifende Amerikanisierung und die Verbindung zur Politik ermöglichte einen Aufstieg zum organisierten Verbrechen, das sich heute wegen geringerer Verfolgung auch nach Deutschland verlagert hat. Domenica ist sich sicher, dass man sich heute wegen der Mafia schämt, sie wird nicht mehr verschwiegen. Man denke auch an das Ehrengrab im Dom von Palermo für den allein gelassenen Priester Giuseppe Puglisi.

Deswegen hat sich die Waldenser Kirche in Riesi zum Ziel gesetzt, auf diese Jugendlichen durch Kindergarten, Schule und Ausbildung zuzugehen, wie uns vor Ort erklärt wurde. Mitarbeiter kommen aus allen Konfessionen. Der Staat zieht von jedem 8% ein, man kann angeben, für welche Konfession. Davon und von Spenden profitiert auch dieses Sozialprojekt.

Lehrerposten sind begehrt trotz bloß 1200 € netto, auch halbe Stellen als Kellner. Arbeitslosengeld gibt es erst nach einem Jahr. Da Berlusconi die Grundsteuern erließ, fehlt dem Staat Geld und er verlangt 52% an Steuer, 22 % Mehrwertsteuer. Viele 28jährige verlassen Italien, auch um sich der Mafia zu entziehen.

Über die aufwendigen Hochzeitsfeiern in Sizilien – nur der Brautvater darf die Schleppe von 10 m berühren, der Bräutigam hat über eine Stunde zu warten,  mit bis zu 500 geladenen Gästen,von denen keiner Weiß tragen darf und die Damen hochhackige Schuhe tragen müssen, erzählte Domenica humorvoll.

Die starke Bindung der Sizilianer an Riten der katholischen Kirche erlebten wir in Enna bei der Karfreitagsprozession der seit 1542 bestehenden Bruderschaften der Handwerker- oder Adelszünfte. Dazu passt die Inschrift auf dem Denkmal Kaiser Karls V. in Palermo: „ ...  LERNAEARUM HAERESORUM … LUTHERIAE HYDRAE QUAM NEC HERCULES PETISSET EXTINCTORI“ (dem Auslöscher der häretischen Schlangen und der Lutherischen Hydra, die nicht einmal Herkules angegriffen hätte).

Die Cosa Nostra unter Mussolini

1922 errang die faschistische Bewegung die Macht in Italien. Nachdem die Mafia im 19. Jahrhundert noch sozialromantisch verklärt wurde, änderte sich diese Haltung unter dem faschistischen Regime. Von 1926 bis zum Ende des Jahrzehnts wurde die Mafia mit allen Mitteln entschieden bekämpft. Dabei ging es dem „Duce“ Benito Mussolini vor allem darum, die uneingeschränkte Autorität des Staates zu sichern. Mussolini entsandte den „eisernen Präfekten“ Cesare Mori nach Sizilien, der mit allen Mitteln des autoritären faschistischen Staates gegen die Mafia vorging. Tausende – oft auch zu Unrecht Verdächtigte – wurden auf kleine Mittelmeerinseln verbannt oder ins Gefängnis geworfen. Häufig geschah dies ohne Prozess. Die Familien lösten sich unter dem Verfolgungsdruck auf und blieben inaktiv. Viele „Ehrenmänner“ flohen in die USA, andere nach Tunis, wo es damals eine große italienische Gemeinde gab, und es entstand eine „Familie“, die bis in die 1940er Jahre hinein aktiv war.[34] Zu den in den die USA ausgewanderten Mafiosi zählten illustre Namen wie Joe Bonanno, Carlo Gambino, Joe Profaci und Joe Masseria, die zu Anführern der dortigen Organisation aufstiegen.[35]

Ganz zerschlagen konnte Mori die Organisation jedoch nicht. Obwohl er viele der einflussreichsten Capos namentlich kannte und auch zu belangen versuchte, waren diese durch politische Protektion weitgehend vor der Verurteilung geschützt. 1925 benannte er als Chef der Mafia von Palermo einen Mann namens Di Giorgio, der Bruder des Oberkommandierenden der Armee auf Sizilien. Den Sekretär der faschistischen Partei von Palermo, den Augenarzt Alfredo Cucco, klagte er als den Chef einer der mächtigsten Familien von Palermo an. 1929 wurde Mori jedoch nach Rom zurückberufen und Cucco freigesprochen. Di Giorgio wurde niemals belangt.[36] Mussolini hatte seine Herrschaft über Sizilien konsolidiert und erklärte die Mafia für besiegt.

Wiederauferstehung

Nach der Landung der Alliierten 1943 auf Sizilien, die nach einigen Thesen und Legenden unter Mithilfe der Cosa Nostra erfolgte, entstand die Organisation neu. Italien – vor allem der schwach entwickelte Süden des Landes mit Sizilien – war am Ende des Zweiten Weltkriegs wirtschaftlich vollkommen am Boden. 1945 war Italiens Bruttosozialprodukt auf dem Niveau von 1911 und die Reallöhne waren auf 26,7 % des Wertes von 1913 gefallen.[37]

Eine starke Staatsmacht fehlte nach wie vor und auf Sizilien gab es separatistische Bestrebungen, sich vom Rest des Landes zu lösen und die Unabhängigkeit zu erreichen. In diesen chaotischen Zuständen ernannten die Amerikaner viele Capos zu Bürgermeistern kleiner Orte im Landesinneren, darunter auch den mutmaßlichen „Capo dei capi“, Calogero Vizzini. Die Amerikaner suchten nach Gegnern des Faschismus und des Kommunismus und lokalen Autoritäten, mit denen sie zusammenarbeiten konnten, um die Ruhe sicherzustellen und einen schnellen reibungslosen Übergang zur Demokratie zu ermöglichen. Sie fanden Hilfe in wichtigen Mafiagrößen, die ihnen vor Ort als „einflussreiche und ehrbare Männer“ und Respektspersonen vorgestellt worden waren. Die guten Beziehungen mancher „Ehrenmänner“ zur katholischen Kirche wirkten ebenfalls positiv. (Wikipedia) Dort weitere Informaationen bis heute.

Unserer Reise begann in den ehemals unterirdischen Steinbrüchen und im Theater von Syrakus, in dessen von der UNESCO nach dem Erdbeben wiederhergestellter und -belebter Altstadt in der Kathedrale – nach der Entfernung der Barockaltäre - noch der griechische Tempel erkennbar ist. Unter der Stadt sind überall Katakomben, und es gibt eine Riesenkirche zur Verehrung der 1953 weinenden Madonnenstatue. Der Tag endete mit einer Flussfahrt ins Naturschutzgebiet mit Papyrus, vorbei an deutschen Abwehrbunkern.

Der Mittwoch führte uns zur Alcantaraschlucht mit beeindruckender Aussicht.und ins durch Film- und andere Festspiele bekannte antike Theater von Taormina (=Minotaurus). Der evgl. Pfarrer zeigte uns die funktionierende Ökoumene der 1948 gegründeten Gemeinde und ihre Arbeit für Lampedusaflüchtlinge.

Am Donnerstag ging es vorbei an einem leuchtenden Regenbogen mit der Bahn durch die neueren Lavafelder und landwirtschaftlichen Anbauflächen und auf den verschneiten Parkplatz am Ätna bei nebelverhangener Spitze, weswegen die Gondelfahrt ausfiel. Ein kleiner Gang auf  den Kraterrand der 130 Jahre alten kleineren Volcani folgte. Eine natürliche Höhle in der Lava, die vor einem Haus dort oben Halt machte, hat natürlich eine Madonna.

Mit welcher Sorgfalt die Oliven für Premiumolivenöl gepflückt und und unverzüglich oder  für pikant nach zwei Tagen verarbeitet werden müssen5 – immer dunkel und bei etwa 18 Grad lagern! - zeigte uns die Cooperative.

Der Freitag begann mit ausführlicher Besichtigung der wunderbaren Mosaiken der römischen Villa von Casale. Beeindruckend neben den Prozessionen von Enna ist auch die mittelalterliche Burganlage dieser auf steilem Felsen liegenden Stadt.

Die ältesten griechischen Tempel sind dorisch, urtümlich und schwer wirkend wie die dorischen Bauernkrieger (Sparta), verwenden sie Jonier, werden sie schlanker und eleganter wie beim athenischen Handelsvolk. Später erhalten sie als Kapitell je zwei Schnecken auf jeder Seite.

Die Säulen werden kanneliert, man muss sie sich farbig vorstellen (geweißt, z.T. grelle Farben).

Zwar sind sie statisch sehr einfach gebaut (Stein auf gedübeltem Stein), dass sie ästhetisch nicht geometrisch und gleichförmig, sondern auf leicht gebogener Sockelplatte, um Zentimeter seitlich verschoben und auf einen Punkt 1,5 km entfernt zulaufend gesetzt und im Schaft leicht konvex sind, hat man erst im 20. Jh. entdeckt.

Die urtümlichste (Schaft aus einem Stück) war in Syrakus wieder aufgerichtet. Am Samstag sehen wir die berühmtesten im Tal der Tempel von Agrigent und Selinunt, am Sonntag den Tempel in Segesta.

Griechische Theater werden aus dem Fels gehauen, erst die Römer verwenden Bögen und können Theater auch in der Ebene bauen. Die Stücke spielen in der Antike „vor dem Palast“, die Römer bauen die Skene hoch aus wie in Taormina.

Auf der kleinen Insel Moizia  fand man eine der schönsten Statuen, für andere Museen war keine Zeit. Dort gibt es auch Stelen aus karthagischer Zeit.

Bevor wir die berühmten Kirchen der Normannen mit byzantinischen Mosaiken und arabischen Ornamenten sahen, berichtete Georg vom steilen Aufstieg Robert Guiscards gleichzeitig mit William dem Eroberer in einer Generation vom Söldner zum Herzog als Lehnsmann des Papstes – der unglückliche Investiturstreit mit Doppelwahlen zwischen stadtrömischen und Reformpäpsten und die Suche letzterer nach Verbündeten verhalf ihm zum Titel, was ihn 1084 nicht vom Plündern Roms abhielt – mit Hoffnung auf Einfluss in Byzanz. Der Bruder Roger und seine Nachkommen Roger II. und Wilhelm II. errichten eine bewundernswerte Kultur der Toleranz, der Absturz folgt in einer Generation mit Wilhelm III. in staufischer Gefangenschaft katastrophal, aber auch die 1194 siegreichen Staufer (mit Erbrecht durch Konstanzes Heirat und mit der Geburt des Sohns Fr. der 40jährigen) enden nach zwei Generationen glänzender Hochkultur unter Heinrich VI. und Friedrich II. in der nächsten Generation katastrophal mit ihrer Ausrottung durch Karl I. Anjou, Bruder des französischen Königs Ludwig IX. dem Heiligen, Erbauer von Aigues Mortes 1266.

1 50 kg ergeben 3 – 4 ltr. Öl.

In Sizilien wird er durch die Sizilianische Vesper 1282 gegen französische Beamte durch Peter III. von Aragon, durch Heirat mit einer Staufin, abgelöst, Neapel bleibt ihm. 

Schon die früheste Königskirche, die von Cefalù ist großartig, aber unvollendet, die kleine Palastkirche in Palermo überaus prächtig, am vollendetsten die von Monreale.

Dass die Spanier eine Barockvergangenheit in Sizilien hinterlassen haben, wurde nur angedeutet, es wäre eine andere Reise.