Wandern in Hongkong – Bericht einer Studienreise vom 25. März bis 5. April 2018

Wer will schon wandern in Hongkong? So wurde ich im Vorfeld dieser Reise gefragt! Hongkong, eine Wirtschafts- und Finanzmetropole an der Südküste Chinas, besitzt den viertgrößten Hafen der Welt und war einmal eine britische Kronkolonie. Seit 1997 wurde die Staatshoheit an China übertragen. Die Volksrepublik sicherte zu, Hongkong als Sonderverwaltungszone 50 Jahre lang freie Marktwirtschaft und hohe innere Autonomie zu gewähren. Die politischen Spannungen der letzten Jahre zeigen aber, dass der lange Arm Pekings wachsam ist und bereit, alle Träume größerer Unabhängigkeit im Keim zu ersticken. So leben heute in Hongkong rund siebeneinhalb Millionen Einwohner auf einer Fläche, die nicht viel größer ist als Berlin. Und die Lebenshaltungskosten zählen, auch aufgrund der immensen Mietpreise, zu den höchsten der Welt.

Wer also will da wandern – und warum?

Wenige wissen, dass Hongkong zu den grünsten Metropolen Asiens zählt. Das subtropische Klima sorgt in der Stadt und zahlreichen Naturparks für eine üppige Vegetation. Die 263 vorgelagerten Inseln und zahllosen Buchten vereinen sich mit Wolkenkratzern zu einem einzigartigen Panorama. Und nach wie vor gibt es alte Fischerdörfchen und nahezu unberührte Sandstrände, die nur zu Fuß oder Boot erreichbar sind.

Zudem haben hier in Folge der britischen Kolonialgeschichte Menschen aus aller Welt und Glaubensrichtungen ihre Gotteshäuser gebaut! Und auch wenn in der zu 95% chinesisch-stämmigen Bevölkerung buddhistische, konfuzianistische und taoistische Prägungen dominieren, sind inzwischen doch mehr als 10 % der Bevölkerung Christen. Tendenz steigend! Während die altehrwürdige anglikanische St.-John‘s Kathedrale von Hochhäusern umrahmt im Stadtzentrum steht, liegen nahe der Trabantenstadt Shatin idyllisch und frei nebeneinander auf dem Berg Tao Fong Shan das größte ostasiatische evangelisch-lutherische theologische und religionspädagogische Ausbildungsinstitut und ein christlich-buddhistisches Begegnungszentrum. Einen Berg weiter steht der „Tempel der zehntausend Buddhas“, einer der bekanntesten und schönsten buddhistischen Tempel Hongkongs. Über das ganze Stadtgebiet verteilt findet man in Straßenschluchten und in freier Natur Tempel, Altäre und Schreine. Und auf der Insel Lantau sitzt weithin sichtbar und per Seilbahn erreichbar (!) neben dem großen buddhistischen Po-Lin-Kloster ein 34 Meter hoher Buddha. Er soll Hongkong, China und die Welt zum Frieden mahnen. Also doch wandern in Hongkong? Fünfzehn Allgäuer und Unterfranken kamen mit! Während der gesamten Reise wohnten wir zentral, nahe der Kowloon-Hafenpromenade, im CVJM-Hotel ‚Salisbury‘ und starteten nach dem Frühstück unsere Touren:

Tag eins:
Ankommen mit Lufthansa, sich einrichten und ausruhen im Hotel - dann an der Hafenpromenade spazieren und die faszinierende Skyline aus Wolkenkratzern und Bergen genießen – nachts komplett beleuchtet und durch Laser in ein Meer aus Farben und Lichtern getaucht.

Tag zwei:
Vormittags mit der aus kolonialen Tagen stammenden, „Star-Fähre“ zur Hongkong-Insel übersetzen und mit der ebenso alten Zahnradbahn auf den „Peak“ - den Berggipfel mit dem berühmten Blick auf Stadt und Hafen. Ein idyllischer Wanderweg, der ihn umrundet, bietet immer wieder neue Aussichten. Nachmittags, zurück auf dem Festland, Stadtwanderung mit Besuch der alten Märkte und einem der Meeresgöttin Tin Hau geweihten betriebsamen Tempel.

Tag drei:
Historische Stadtwanderung durch das alte koloniale Verwaltungszentrum Hongkongs, das längst zum internationalen Bankenzentrum mit atemberaubenden Wolkenkratzern geworden ist. Viele dieser futuristischen Hochhäuser berücksichtigen in ihrer Architektur nach wie vor alte chinesische Feng Shui Prinzipien! Anschließend Treffen mit der evangelischen Pfarrerin Susan Sun zum Mittagessen und Besuch ihres im fünften Stock eines Hochhauses gelegenen Gemeindezentrums, das Gottesdienst-, Sozial- und Verwaltungsraum in einem ist. Die Gemeindearbeit dort finanziert sich ausschließlich aus Spenden der rund 250 Gemeindeglieder. Kirchensteuer gibt es in Hongkong nicht.

Tag vier, Gründonnerstag:
Die erste längere Wanderung! Nach dem Ausblick aus dem 46. Stock (!) eines Wolkenkratzers geht der Weg auf der Hongkong-Insel über den sogenannten „Drachenrücken“-Höhenzug durch Wald und über Felsen bis zum Badestrand von Shek O. Ein Doppelstöcker-Bus und die historische doppelstöckige Straßenbahn bringen uns zurück ins Stadtzentrum. Höhepunkt des Abends sind die Besichtigung einer chinesischen Apotheke, die Fahrt mit der mehrere Kilometer langen Freiluftrolltreppe durchs Viertel Soho und der Besuch des Fußwaschungsgottesdienstes in der St.-John‘s Kathedrale.

Tag fünf, Karfreitag:
Wanderung durch den Sai Kung Naturpark auf dem nordöstlichen Festland bis zu seinen naturbelassenen Stränden. Unterwegs eine Karfreitagsandacht in der Kirche eines verlassenen alten Fischerdörfchens, die ein alter Chinese liebevoll pflegt und vor dem Verfall bewahrt. Nach einem ausgiebigen Badenachmittag Rückfahrt mit dem Schnellboot.

Tag sechs, Karsamstag:
Wanderung über die Hongkong vorgelagerte Insel Lamma mit Besuch von Fischerdörfern und Märkten, alten chinesischen Friedhöfen und Schreinen und hervorragenden Fischrestaurants.

Tag sieben, Ostersonntag:
Vormittags Teilnahme am Ostergottesdienst der deutschsprachigen evangelischen Kirche auf der Hongkong-Insel und Gespräche mit Pfarrer und Gemeindegliedern beim Osterbrunch. Nachmittags Besuch der theologischen Ausbildungsstätte und des christlich-buddhistischen Begegnungszentrums auf dem Berg Tao Fong Shan – beide gebaut in traditioneller chinesischer Architektur. Der chinesische Theologieprofessor Nicholas Tai, ein in München promovierter Alttestamentler, erklärt in bestem Deutsch, warum das Christentum in China rasch wächst und sein Institut für die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern so wichtig ist.

Tag acht, Ostermontag:
Besuch des „Tempels der zehntausend Buddhas“, dessen wohl fast ebenso viele Stufen uns gehörig ins Schwitzen bringen, der aber durch den Anblick seiner unzähligen goldenen Statuen und Bilder und den Ausblick auf die Trabantenstadt Shatin mehr als entschädigt. Ein Seh-, Hör- und Geruchserlebnis besonderer Art ist anschließend der Gang über den großen Fleisch-, Fisch- und Gemüsemarkt von Shatin.

Tag neun:
Besuch des 34 Meter großen sitzenden Buddhas des Po Lin Klosters auf der Insel Lantau, zu dem eine über mehrere Bergrücken sich hinziehende Gondelbahn führt. Besichtigung der Tempel des budhhistischen Klosters und Besuch des teilweise auf Pfählen erbauten alten Fischerdörfchens Tai O.

Tag zehn:
Besuch des touristisch kaum bekannten buddhistischen Nonnenklosters Chi Lin, das mitten in der Stadt eine Oase der Stille bietet. Die Nonnen betreiben ein großes Altenheim und halten ihren ausgedehnten traditionellen chinesischen Gärten für die Allgemeinheit frei zugänglich. Eine weitere Oase der Stille und Raum für Abschlussgespräche bietet nach einer chinesischen Fußreflexzonenmassage der Spaziergang durch den Kowloon Park. Im Zentrum der Stadt gelegen und ehemals Aufmarschgelände für kolonialen Kasernen-Drill, ist er jetzt ein Biotop für Menschen, Pflanzen und Tiere. Eine Kolonie Flamingos hat hier ebenso eine Heimat gefunden wie die vielen Chinesen, die dort Tag für Tag Tai Chi und Qi Gong praktizieren.

Abschlussbemerkungen:
Wenn man sich vor Augen hält, dass in Hongkongs Stadtgebieten über sieben Millionen Menschen auf engstem Raum zusammenleben und die Bevölkerungsdichte damit weltweit (nach Monaco!) die zweitgrößte ist, faszinieren die Freundlichkeit, Gelassenheit und Disziplin der Menschen und die Reibungslosigkeit des Verkehrs! Ein 200 Kilometer langes hochmodernes U-Bahn-Netz durchzieht die Stadt. Die Züge verkehren teilweise im Zwei- bis Drei-Minuten-Takt! Wo sie nicht hinkommen, fahren Doppeldeckerbusse, Sammeltaxen oder Taxis. Der öffentliche Verkehr ist stark subventioniert und dadurch preisgünstig. Eine aufladbare Magnetkarte dient als bequemes und bargeldloses Ticket für das ganze Stadtgebiet.

Aber wie kommt eine Wandergruppe in einem solchen Gewirr immer an die richtigen und schönsten Orte? Wie erhält sie kurzweilig und kompetent alle wichtigen Informationen zu Geschichte, Kultur, Religion, Architektur, Lebens- und Essgewohnheiten?
Antwort: Indem man Hongkongs beste deutschsprachige Stadt- und Wanderführerin bucht! Ein riesengroßes Dankeschön an an Gaby Baumgartner, die als Schweizerin mit ihrer Familie seit 25 Jahren in Hongkong lebt und fließend Kantonesisch spricht. Mit unendlicher Ruhe, Geduld, Freundlichkeit, Einfühlung und Kompetenz führt sie alle Wege und beantwortet alle Fragen. Ihr Verdienst ist es, dass wir uns in dieser Stadt auch im dicksten Gedränge und an den entlegensten Orten sicher und gut aufgehoben fühlten!
Tipp: Mit ihrer kleinen Agentur „Walk Hong Kong Ltd.“ ist sie jederzeit besuch- und (auch für Einzelreisende!) buchbar unter www.walkhongkong.com!