Serbien und Kosovo - Ostern 2017 - Studienreise der Lippischen Landeskirche

Unsere Reisegruppe hat schon einige Länder in Ost-Europa und Nahost bereist. Es fehlen noch die geheimnisumwobenen Klöster in Serbien und Kosovo. Die prähistorischen und rö- mischen Fundstätten und das Eiserne Tor sind interessante Ziele. Die Touristik steckt noch in den Kinderschuhen. Warum ist der Balkan ein ewiger Brennpunkt? Und warum gibt es so viele Kosovo-Flüchtlinge? Die Reisegruppe möchte gerne mehr über die Zusammenhänge vor Ort erfahren.

1. Tag Dienstag 11.4.2017 Novi Sad, Centar Hotel

Unser serbischer Reiseleiter Goran aus Novi Sad, aufgewachsen in Österreich, und der Bus- fahrer Mario bilden ein vertrauensvolles Team. Wir fahren in die Vojvodina, in ein Gebiet, das bis zu dem 2. Weltkrieg noch von Deutschen besiedelt war. Prinz Eugen von Savoyen (1663 - 1736) hatte sie zur Urbanisierung der sump- figen pannonischen Ebene geholt. Man nennt sie auch Donauschwaben, weil sie per Schiff über die Donau kamen. Heute leben hier hauptsächlich Serben und Ungarn. Riesige Felder werden staatlich bewirtschaftet. Sie liefern 60 - 70% der Agrarprodukte - Mais, Weizen, Soja, Raps, Tabak und Wein. Die Dörfer sind geprägt von der österreichischen Bauweise, durch- setzt von kleinen Walmdach-Häuschen im Balkan-Stil. Goran, der Reiseleiter, beschreibt uns die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung. In den Kriegen 1991 bis 1999 ist das Land wirt- schaftlich um 20 Jahre zurückgefallen. Das Durchschnittsgehalt von 350 Euro errechnet sich aus sehr geringen Einkünften unter 200 Euro und nur wenigen hohen Managementgehäl- tern. Es gibt keinen Mittelstand. Das Auto ist dennoch ein wichtiges Statussymbol. Viele Ge- ringverdiener leben von kleinen Nebenverdiensten, von eigener Landwirtschaft oder erhal- ten Geld aus Renten oder von Gastarbeitern. Arbeitslosengeld gibt es nicht. Serbien hat der- zeit Schulden von ca. 25 Milliarden Euro. In Serbien leben mindestens 29 verschiedene Völ- ker: Serben, Kroaten, Magyaren (Ungarn), Montenegriner, Jugoslawen (z.B. aus Mischehen), Ukrainer, Russinen, Rumänen, Albaner, Bosniaken, Roma, nur sehr wenige Deutsche.

Ein kurzer Spaziergang führt durch das barocke Städtchen Sremski Karlovci vorbei an den Sommersitz der Erzbischöfe und dem Stefaneum. Wir besichtigen die erste orthodoxe Kirche verhüllt unter einer äußeren Fassade im Habsburger Stil.

Wir fahren zur Festung Petrovaradin. Der Uhrenturm ist ein Wahrzeichen der Stadt Novi Sad. Das Bollwerk (ca. 112 ha groß) gehört zu den größten europäischen Festungen mit einem einzigartigen System von unterirdischen Gängen (Taschenlampen sind empfehlens- wert). Prinz Eugen schlug hier in wenigen Tagen mit 80 Tsd. Soldaten das mehr als doppelt so große osmanische Heer. Abends werden wir im "Centar Hotel" mit einem delikaten Büfett empfangen. Mit unseren ersten eingetauschten Dinars spazieren wir durch die Stadt und trinken Wein in einem gepflegten Kafana. Man spricht englisch. "Wir sind weich gelandet." 

2. Tag Mittwoch 12.04.2017 Novi Sad, Fruska Gora

Vormittags der Rundgang durch die Stadt: der Sloboda Platz mit Rathaus, die unga- risch-katholische Marienkathedrale, der orthodoxe Bischofspalast mit der Kathedrale. Das Holocaust-Denkmal erinnert uns an die lokale Ermordung in der vereisten Donau (1500 - 2000 Personen) und an die Deportation 1944 von Juden, Serben und Roma. Beeindruckend ist die große Synagoge in ihrer Außenarchitektur. Auf dem Obst- und Gemüsemarkt finden wir ein sonniges Plätzchen zur Mittagspause.

Nachmittags fahren wir durch den bewaldeten Nationalpark Fruska Gora. Der Name stammt von Franken-Gebirge - Ostfranken. Vom 15. bis 18. Jahrhundert wurden dort zahlrei- che serbisch-orthodoxe Klöster von Mönchen errichtet, die aus Südserbien geflüchtet waren. Wir besichtigen das orthodoxe Kloster Krušedol, wo bedeutende serbische Persönlichkeiten begraben sind. Auch dieses Kloster erscheint äußerlich als sei es eine katholische Kirche. Im Nonnenkloster Grgeteg erzählt uns eine Nonne interessante Judas-Legenden und ... von der größten Sünde der Menschheit, dem Tabak - mit deutlichem Fingerzeig auf Goran, der vom Rauchen nicht lassen kann (Schmunzeln)!

3. Tag Donnerstag 13.4.2017 Kraljevo Crystal Hotel,

Heute beginnt die Fahrt durch die Šumadia (Wald) in den Balkan. 280 km ? In der Nähe von Arandjelovac werden wir durch die Risovača-Höhle geführt. Dort hat man Siedlun- gen und Handwerkszeuge der Neandertaler und Tierskelette von vor 30000 Jahren gefun- den. Sie ist die tiefste Höhle mit endlosen Höhlengängen. Hier befindet sich die größte Car- bonat haltige Mineralwasserquelle Serbiens (Voda Milos). Leider hatten wir keine Zeit für das interessante Museum mit den Originalfunden.

Auf der Straße nach Kraljevo umgeht der Busfahrer eine Großbaustelle und fährt durch Kragujevac. Wir denken an die Pogrome der Nazis in dieser Gegend; "Für einen getö- teten deutschen Soldaten sollen 10 Serben erschossen werden". Im letzten Krieg 1999 unter Milošević zerstörten hier Nato-Bomben die einst größte Automobil- und Waffenindustrie. Heute baut man dort wieder den kleinen Fiat mit Peugeot-Motor. In der landwirtschaftlich geprägten Umgebung sehen wir Höfe aus den 60er und 70er-Jahren neben kleinen verfalle- nen Häuschen. Traktoren aus alten Zeiten, auch Pferdefuhrwerke, Heustaken und Maisho- cken auf kleinen Feldparzellen. Ich erzähle von den katastrophalen Überschwemmungen in 2014, die das Land wieder um 10 Jahre zurückgeworfen hat. Unpassierbare Straßen müssen alljährlich hergerichtet werden, private Reparaturaktionen lassen sich kaum arrangieren, weil viele Anlieger im Ausland leben oder zu alt sind.

Endlich sind wir in Žića angekommen, wir erkennen das Kloster aus dem 9. Jh. von weitem an der roten Wandfarbe und dem großen Tonnengewölbe. Wir bestaunen den mächtigen Kronleuchter. Eine freundliche junge Nonne erläu- tert uns die Fresken und Ikonen auf den Ikonosta- sen und die Königs-Portraits aus der Zeit der Nemanjiden Dynastie. Der jüngste Sohn Uroš I. des Nemanjiden-König Stefan wird heute als Hl. Sava verehrt. Er gründete das erste serbische Erzbistum und schrieb die erste Verfassung für den serbischen Klerus. Durch politisches Geschick erreichte er die Unabhängigkeit vom byzantinischen und römischen Reich. Auf unsere Frage, wie sich die Kirche finanziere, erfahren wir, das es keine Kirchensteuern gibt. Im Wesentlichen finanzie- ren sie sich aus Spenden. Zusätzlich verkaufen sie selbstgemalte Ikonen und Produkte aus 2 landwirtschaftlichem Anbau. Ihre Aufgabe besteht vornehmlich darin die christlichen Werte gemäß der orthodoxen Gesetze zu lehren und das Seelenheil der Menschen zu fördern. Nonne zu werden setzt voraus, dass die junge Frau nicht verheiratet und in sich gefestigt ist, bzw. aus einer gefestigten Familie kommt. Soziale Fürsorgeeinrichtungen können mangels Kirchensteuer nicht unterhalten werden. Verheiratete müssen zuvor geschieden sein, die Beziehung zum bisherigen Ehemann darf keine Belastung des klösterlichen Lebens darstel- len. Mütter können wegen ihrer bleibenden Beziehung zu ihren Kindern keine Nonnen wer- den.

In Kraljevo übernachten wir im citynahen Crystal Hotel. Ein Büfett mit typisch serbi- schen Kleinigkeiten macht uns neugierig: Kobasice (Würstchen), Gibanice (Käse-Gebäck), Kajmak (Schmand), Ayvar (Paprika-Paste). In der Innenstadt auf dem Königsplatz trifft sich die Jugend. Internationale Biere wie Tuborg, Carlsberg Bier sind beliebt. Am Straßenrand parken Autos balkanischen Ursprungs: Yugo, Zastari, alte Fiats. Dazwischen spielende Kinder und Hundegebell. Unser dringend benötigtes Foto-Zubehör bekommen wir in der Einkaufs- meile bis 21.00 Uhr.

4. Tag Freitag 14.04.2017 Novi Pazar, Tadz-Hotel

Auf dem heutigen Programm stehen berühmte Klöster (unter UNESCO-Schutz) und eine Moschee im Sandžak Novi Pazar. Ca. 160 km schlängelt sich die gut ausgebaute Bundes- strasse durch das reizende Ibar-Tal, vorbei an der mittelalterlichen Festung Maglić. An dem heutigen Karfreitag fragen wir uns, ob wir eine Führung in den Klöstern bekommen werden bzw. am Gottesdienst teilnehmen dürfen. Wie ernst nimmt man die orthodoxe Kleiderord- nung - den Rock bei Frauen? Bei Touristinnen akzeptiert man ein kniebedeckendes Wickel- tuch.

Auf halber Strecke zwischen Kraljevo und Novi Pazar liegt die alte wehrhafte Kloster- anlage Studenica, erweitert im 12. Jh. von König Milutin Uroš II. Zu seinen Herrschaftsgebie- ten gehörten Raszien (Serbien westl. der Donau), Herzegovina, Albanien, Montenegro weite Teile von Byzanz - Mazedonien. Durch geschickte Heiratspolitik übernahm Milutin bulgarische Pro- vinzen und sicherte damit die Grenzen des serbi- schen Großreiches. Er gründete über 40 Klöster. Seine Mutter, die hochgebildete Helena von An- jou aus Frankreich, gründete die Ikonen-Malerei (Milutinschule) – so auch in Gračanica. Sie holte byzantinische Meister in die Klöster und ließ kostbare Farben wie Lapislazuli, Purpur und Gold aus Byzanz beschaffen. Die goldverzierten Ikonen und die auffallenden gemeißelten Reliefs (Plastiken) werden heute mit hohem Aufwand re- noviert. Heute ist Studenica ein wichtiges Bildungszentrum, derzeit leben 30 Mönche und Theologiestudenten vor Ort.

Kurz vor Novi Pazar liegt auf einem kleinen Berg die kleine Petrova Crkva (Peterskir- che), die wegen ihrer originalen byzantinischen Fresken unter UNESCO-Schutz steht.

Am Kloster Sopoćani beginnt soeben ein Gottesdienst. M.H. ruft: "Bitte Röcke anzie- hen!" Der orthodoxe Pope betet in Gesängen, schüttelt Weihrauch und schlägt die Glocke. Die Gemeinde bekreuzigt sich; Mädchen und Frauen stehen links, Jungen und Männer rechts. Die Gottesdienste dauern mehrere Stunden. Man kommt und geht. Nach ca. 30 min dürfen wir rausgehen. Die Kirche wurde gebaut um 1263 von König Uroš I. (genannt Hl. Sa- va). Wir entdecken die Bilder der Entschlafenen, Adam im Paradies, Christi Auferstehung, Hl. 3 Mutter Gottes. Viele dieser Fresken enthalten noch die Goldauflage, aber die Augen der Hei- ligen wurden entfernt - vermutlich von den Osmanen.

Novi Pazar ist Provinzhauptstadt des Zandžak, das über 500 Jahre von den Osmanen beherrscht wurde. Etwa 300000 Muslime, darunter viele Bosniaken, leben hier - eine ethni- sche Gruppe der Slawen, die zum Islam bekehrt wurden. Den christlichen Familien hat man die Jungen weggenommen (Knabenlese) und zu elitären Militärs, den "Janitscharen", ausge- bildet. In der Stadt fallen uns zahlreiche Moscheen und die Friedhöfe der Muslime auf. In dem Hof der Altum Alem-Moschee spielende Kinder. Ein junger Assistent des Imam beant- wortet uns gern unsere Fragen. In Socken betreten wir den Innenraum der Moschee. Wir stehen auf dicken sauberen Gebets-Teppichen und betrachten die Gebetsnische (Mihrab) und den Predigtstuhl des Imam (Mimbar) und die obere Galerie für die Frauen. Abends und morgens ruft der Muezzin zum Gebet, wir fühlen uns in einer anderen Welt. Die Innenstadt ähnelt einem Bazar, unterbrochen von kleinen interessanten Mode-Läden. In dieser Provinz befindet sich die größte Textilindustrie für Jeans und Marken-Duplikate. Aus dem gebirgigen Zandžak sind Schaf- und Ziegenkäse bekannte Spezialitäten.

Das Tadz Hotel in Novi Pazar ist wohl das beste Hotel am Ort, etwas verraucht aber für uns hinreichend - namhafte Politiker waren ja auch da.

5. Tag: Samstag 15.04. 2017 Priština, Parlament-Hotel

Heute besuchen wir das Kosovo. An der Grenze zeigt sich, dass zum Übertritt der Reisepass nötig ist. Ohne Reisepass kann es große Probleme geben. Kurz hinter der Grenze bei einer Pause an dem schönen Stausee schenkt uns ein Bauer eine Flasche selbstgebrann- ten Rakia.

Besonders beeindruckt war die Reisegruppe vom Besuch im Kosovo. Kosovo ist das ärmste Land Europas. Das Kosovo ist ethnisch geteilt. Im Norden leben größtenteils Serben (rot-blau-weiße Fahnen), während südlich des Ibar-Flusses 90% Albaner leben. Die blaue Flagge mit Kosovo-Landesgrenzen mit 6 weißen Sternen steht für 6 ethnische Gruppen: Al- baner, Bosniaken, Roma Serben, Türken und die restlichen Minderheiten, wobei die Roma besonders diskriminiert werden. Die allgemeine Arbeitslosigkeit liegt bei 50%, die Jugendar- beitslosigkeit bei 56%. 40% der Menschen leben von einem Euro pro Tag, d.h. in absoluter Armut. Kosovo hat die jüngste Gesellschaft Europas. 50% der Bevölkerung ist unter 25 Jahre.

Hier besucht die Gruppe die evangelische Diakonie-Station in Mitrovica, einer bis heute zwischen Kosovo-Albanern und Serben geteilten Stadt unter Schutz der KFOR-Truppen. Herr Bernd Baumgarten, der Leiter, lädt uns zu einer Kosovarischen Gemüsesuppe ein und erzählt von seiner Einrichtung und der Arbeit mit traumatisierten Menschen. Die Ursache des plötz- lichen Aufbruchs der Kosovaren in Richtung Deutschland war eine 'Goldrausch-Stimmung' auf- grund politischer Falschmeldungen. Die Depression der Bevölkerung nach der Misswirtschaft war so groß, dass viele bereit waren, ihre gesamte Habe zu verkaufen und schnellstens in die von Schleppern organisierten Busse zu steigen. Die Flüchtlinge, die heute aus Deutschland zurückgeschickt werden, stehen vor dem Nichts und sind nur mühevoll integ- rierbar.

Die Diakonie-Station betreibt neben einem Trauma- Zentrum und einem Kindergarten ein Trainingscenter, in dem jedes Jahr ca. 300 Jugendliche 4 die Grundlagen eines Handwerks erlernen, und zwar jeweils eines solchen Gewerkes, das im Kosovo besonders nötig ist. Dazu gehören Elektrik, Trockenbau, Wasser- und Heizungsinstal- lation, Schneider- und Friseurhandwerk, Zimmerei, Fliesenlegen, Computertechnologie. Die Quote der Eingliederung der Absolventen in den Arbeitsmarkt ist beeindruckend.

In Mitrovica ist ein Integrationsprojekt besonders wichtig. Im Jahr 2013 wurde direkt an der konfliktreichen Ibar-Brücke ein Jugendzentrum mit Mitteln des Bundesministeriums für wirt- schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) errichtet. Es leistet Versöhnungsarbeit zwischen jungen Serben und Kosovo-Albanern. Die Reisegruppe war Gast in einer multieth- nischen Tanzgruppe, in der Serben, Albaner, Bosnier und Roma mit großer Begeisterung pro- fihaft Break-Dance vorführten. Kosovo benötigt eine sehr tiefgehende Friedensarbeit vom „Healing of the past“ bis zu Perspektiven für die Zukunft, betonte der Leiter der Diakonie- Station, der deutsche Bernd Baumgarten. Auf diese Weise würden auch Fluchtursachen ab- gebaut.

Auf der Weiterfahrt nach Priština kommen wir zum Amselfeld (Region um Priština). Das Denkmal Gazimestan - ein einsamer Klotz auf einem großen weiten Feld - erinnert an die Schlacht auf dem Amselfeld 1389. Der Fürst Lazar ist dort von den Türken getötet wor- den. Vor seiner letzten Schlacht soll er gerufen haben: (Inschrift) "Wer Serbe ist, von Geburt und nicht zum Amselfeld zieht, um Kriege zu führen gegen Türken, soll weder einem Sohn noch eine Tochter je erzeugen und ohne Ernte sein." Uns stockt der Atem. Noch heute ge- denkt man diesem Tag "Vidovdan" am 28. Juni.

Eine Touristen-Führerin begleitet uns durch die Stadt Priština. Im Nato-Krieg wurde die Innenstadt völlig zerstört, danach aber von den Amerikanern wieder neu aufgebaut. Ein Platz in der Fußgängerzone ist nach der Außenministerin Madeleine Albright benannt. Mit einem Denkmal Bill Clintons wird der Hilfe der USA gedankt Das Kunstwerk "NEW BORN" in goldgelben Lettern symbolisiert die Unabhängigkeit des Landes. Ein mannshohes Frauen- porträt aus kleinen Münzen zusammengesetzt soll die Rolle der arbeitenden Frauen darstel- len. Aber auch alte Sportstätten aus der Tito-Ära und das große Bergarbeiter-Denkmal am Berghang sind nicht zu übersehen. Auffällig ist: Über drängende politische Probleme verliert die Führerin kein Wort.

Das Kloster Gračanica: Nachdem der König Milutin auf dem griechischen Athos-Berg das serbische Kloster Hilandar gegründet hatte, kehrte er nach Serbien zurück und erklärte die Un- abhängigkeit der serbisch- orthodoxen Kirche. 1321 baute er dem Vorbild von Byzanz diese prächtige Klosterkirche mit den fünf Kuppeln. Byzantinische Meister schufen die atemberaubenden Malereien in den Tonnengewölben und Fresken. Besonders schön sind die plastisch erscheinenden Portraits des Milu- tin mit dem Kloster Studenica auf der Hand und sei- ner Frau Simonida im Torbogen.

6. Tag Sonntag 16.04. 2017 Niš, Aleksander Hotel

Wir verlassen das Kosovo. Außer Oster-Kirchgänger sehen wir kaum Leute auf den Straßen. Unsere Pause legen wir in dem ältesten gut entwickelten Kurort Vrnjačka Banja (UNESCO) ein. Eine Legende erzählt, dass ein krankes Pferd im Morava-Tal diese schwefel- haltige Quelle gefunden habe und wieder gesundete. Sonntagsausflügler und Rentner kom- men von weit her und füllen sich das schwefelhaltige Heilwasser in Flaschen ab. In dem Morava-Tal werden bevorzugt Paprika, Tomaten, Äpfel angebaut. Serbische Kirschen, Him- 5 beeren und Brombeeren sind wichtige Exportprodukte für die deutschen und russischen Märkte. Šlivovic und andere Obstbrände dürfen auf den Höfen noch selbst gebrannt werden.

Über die Autobahn erreichen wir die südserbische Metropole Niš mit Raffinerien, elektronischer Industrie und Universitäten. Die berühmte Schädelkapelle mit dem makabren Turm war zu Ostern leider geschlossen. Von dem zentralen Platz Oslobođenja schlendern wir zur mittelalterlichen Festung, wo wir erste römische Skulpturen und Grabsteine entdecken. Kaiser Konstantin wurde hier in Nissus 280 n. Chr. geboren. Er hatte das Christentum als gleichrangige Staatsreligion anerkannt und auf Staatskosten große Kirchen (Basiliken) errich- tet. Auf dem 3. Kreuzzug zog Kaiser Friedrich I. Barbarossa durch Niš und führte gemeinsam mit dem serbischen Fürsten Stefan I. Nemanja 1189 Krieg gegen Byzanz.

Im Aleksander Hotel wurden wir von einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft empfan- gen....ja, und was wäre der Abend ohne Fleisch und Šlivovic?

7. Tag Montag 17.04. 2017 Kladovo, Aquastar Danube Hotel

Heute besuchen wir die römische Ausgrabungsstätte des Palastes Felix Romuliana 4.Jh. in Gamzigrad bei Zaječar. Das römische Reich umfasste damals die Provinz der Daker "Dacia ripensis" (Rumänien). Beeindruckende Tonnenbauten, Säulen und Mosaiken und Fundamente einer Tempelanlage sind Zeugnisse dieser Zeit. Unser Historiker in der Reisegruppe erklärt uns noch einmal die Soldatenkaiser der Tet- rarchie. Kaiser Galerius, einer der vier Kaiser, be- herrschte Ostrom. Konstantin löste später die Tet- rarchie als Alleinkaiser ab und baute Byzanz als Hauptstadt aus. Im Nationalmuseum in Zaječar zeigt uns ein junger Archäologe die Inschrift FELIX ROMVLIANA. Ein überlebensgroßes Kaiserportrait, gemeißelt aus ägyptischem Porphyr, zeigt den Kai- ser Galerius 293 - 311 n. Chr.. Auf einer Relief-Standarte sind seine drei Mitkaiser zu sehen. Sehr schön erhalten sind das Dionysosmosaik und auch das Labyrinth-Mosaik unter dem Glasboden der Audienzhalle; prächtig die Marmorskulptur "Jagdhund und Wildschwein". ...Der junge Archäologe berichtet uns von der deutsch-serbischen Kooperation, und hofft, das diese stetig fortgeführt werden kann.

8. Tag Dienstag 18.0.4 2017 Eisernes Tor, Lepenski Vir

Das "Eiserne Tor": Einige Reiseteilnehmer erinnern sich noch an eine frühere Donau- kreuzfahrt mit dem Donau-Durchbruch durch das serbische Erzgebirge und dem rumäni- schen Banatgebirge. Ganz nah erscheinen die rumänischen Häuser gegenüber. In einem Bergfelsen entdecken wir ein gemeißeltes Gesicht mit einer langen Nase, des sagenumwo- benen Dakerkönigs Decebalus - oder eine Selbstverwirklichung Ceauşescus? Dahinter ragt das kleine rumänische Kloster Mraconia hervor - ähnlich der St. Bartholomäus Kirche am Königssee. Die Djerdap-Schlucht ist teilweise nur 100 bis 200 m breit aber dafür 80 m tief. Im 1. Weltkrieg ließ man die Schiffe wegen der starken Strömung mit Lokomotiven flussauf- 6 wärts schleppen. Unser kleines Boot aber tuckert gemütlich bei Sonnenschein an der "Tafel des Trajan" 100 n. Chr. vorbei.

Trajan hatte sie zur Erinnerung an seinen Straßenbau errichten lassen. Wegen der Donau-Staustufen ist sie hö- her gelegt worden.

In Donji Milanovac muß unser Busfahrer Mario tanken. Neben uns hält ein Reisebus mit auffälli- gem, orthodoxen Schmuck - eine Reisegruppe, die auf Klostertour nach Rumänien unterwegs ist.

Die Donau entlang fahren wir zur prähistorischen Fundstätte Lepenski Vir (ca. 7000 v. Chr.). Man hat kleine Gräber mit Menschenskeletten gefunden, die wie kauernde Babyföten im Grab gelegen haben. Steinskulpturen und Feuerstellen, sowie Handwerksgegenstände und Na- deln, Werkzeuge aus Hirschgeweihen zeugen von der frühen Besiedelung. Wegen der Erhö- hung des Wasserstandes der Donau ist Lepenski Vir 17 höher gelegt worden.

Bei Globulac stromaufwärts weitet sich die Donau zu einem See ca. 6 km breit. In der Mit- tagspause genießen wir die sonnige Aussicht auf die Donau.

Abends erreichen wir in Belgrad das Hotel Šumadia (ehemals Best Western Hotel). Es ist ein quirliges Business-Hotel, der Fahrstuhl dringend reparaturbedürftig wie auch anderes, ansonsten gut.

9. Tag Mittwoch 19.4.2017 Belgrad, Hotel Šumadia

Die Belgrad-Rundfahrt bei Regen wurde etwas modifiziert, indem wir die geplante Bootstour auf der Save ausließen. Dafür fuhren wir mit dem Bus durch die östliche Neustadt an Titos Plattenbauten vorbei. Dazu möchte ich Tito zugutehalten, dass er nach dem 2. Weltkrieg in sehr kurzer Zeit den Zustrom aus den ländlichen Gebieten nach Belgrad auffan- gen musste. Miloševic hat dann nach Auflösung der Genossenschaften diese Wohnungen an die Bewohner verkauft. So erklärt es sich, dass viele Menschen trotz geringen Einkommens in Belgrad in Eigentum leben können. Leuchtende Logos bekannter internationaler Unter- nehmen bestimmen jetzt das Bild. Die neue ADA-Brücke und das höchste Hochhaus ragen oberhalb des Donauufers empor. Wie viele Hausboote mussten dafür weichen? Aber arabi- sche Scheichs bezahlen das Projekt. Auf der anderen westlichen Stadtseite besuchen wir Titos Villa und durchqueren mit dem Bus das Quartier der Botschaften und Konsulate.

Vor dem Dom des Hl. Sava wird man von der Größe der Kuppeln (30m) überwältigt. Der Architekt hat sie 1935 nach dem Vorbild der Hagia Sophia geplant und für ca. 12000 Mensch vorgesehen. Tito unterstützte die orthodoxe Kirche nicht. So konnte erst 1985 der Bau mit Spendengeldern fortgesetzt werden. Heute sind erste Mosaiken und Fresken zu se- hen, aber die Fertigstellung kann noch dauern.

In der Markuskirche - byzantinischer Stil- können wir nochmals die ganze Heiligkeit der Orthodoxie spüren. In der Krypta befindet sich die Grablege des 1903 ermordeten Kö- nigspaares Alexander und Drage Obrenovic.

Das Nationalmuseum ist zu unserer großen Enttäuschung geschlossen. Dank Gorans guter Beziehungen besuchen wir eine Synagoge, die eigens für uns geöffnet wird. Von 12000 Ju- den in Belgrad wurden 1941 ca. 9000 umgebracht. Heute gibt es noch rund 200 jüdische Gemeindemitglieder. Ich erinnere an das KZ Jasenovac, wo mehrere 100000 Juden, Serben und Roma ermordet worden sind. 7 Eine kurze Pause legen wir auf der Shopping-Promenade Knez Mihajlova ein. Hier sieht man die schönen Fassaden aus der 'guten alten Zeit'.

Auf der Festung Kalemegdan bekommen wir nochmals einen guten Überblick über die Stadt und der Einmündung der Save in die Donau. In der Burg ist ein Militärmuse- um untergebracht. Das monumentale Sie- ger-Denkmal stammt aus der sozialistischen Zeit. Eine kleine Sichel auf einem Dach erin- nert an osmanische Belagerung. Wir hören die Ballade von Prinz Eugen. Für Belgrad hätten wir gerne mehr Zeit bei schönerem Wetter gehabt. Den Abend im Bohemian Skadarlija genießen wir bestens bei einem typisch serbischem Menü mit leckeren Vor- speisen, viel Grillfleisch und einem sehr sü- ßen Gebäck. Eine vierköpfige Musikergruppe unterhält uns mit osteuropäischer Folklore. Der Geigenspieler (Rom) beeindruckt unsere Klassikliebhaber besonders.

10.Tag. Donnerstag 20.4.2017 Friedrich-Ebert-Stiftung, Rückflug

Heute am Abflugtag berichtet uns die Referentin der Friedrich Ebert-Stiftung von deren Arbeit und von der politischen Lage Serbiens. Serbien ist umgeben von EU-und NATO- Ländern. Russland, China, Türkei und Arabien üben starken wirtschaftlichen Einfluss aus. Korruption ist in der Justiz und im medizinischen Sektor allgegenwärtig. Problematisch sind die vielen kleinen Parteien, die sich zu keiner starken Opposition zusammenfinden können. Die Friedrich-Ebert-Stiftung organisiert Round-Table-Gesprächen für Interessensverbände, Studenten, Juristen, Gewerkschaften und Geschäftsleute. Man versucht das europäische Rechts-System EULEX umzusetzen, um damit die Voraussetzungen für den EU Beitritt zu er- füllen. Seit dem Wahlsieg des Präsidenten im April 2017 demonstrieren in Belgrad täglich Tausende für Pressefreiheit und Demokratie.

Mein Urteil als Tourist?

Wetter im April durchwachsen.

Touristische Ziele wirklich sehenswert und zu empfehlen.

Viele Hotels entsprechen dem europäischen Standard.

Wir wünschen den Serben und Kosovaren Frieden und mehr Gerechtigkeit. Ganz großen Dank an unseren Reiseleiter, der die Tour wesentlich gestaltet hat und an unsere serbischen Guides Goran und Mario, die uns diese Länder näher gebracht haben.

Autorin: Olga L.