Armenisches Tagebuch
Christentum und Kultur im Schatten des Ararat
Studienreise - Gruppenreise vom 31. August – 15. September 2019
Herausgegeben von Günter Ruddat
in Zusammenarbeit mit Silke Droß und Lars Nienke
Bochum / Wuppertal 2020
Vorwort
Seit den 1980er Jahren führen Günter und Kriemhild Ruddat Gruppenstudienreisen ins überwiegend europäische Ausland durch. Viele Mitreisende waren schon mehrere Male dabei. Marga Mohren hat Günter und Kriemhild auf all ihren insgesamt 13 Reisen begleitet.
Spätestens im Herbst 2017, im Anschluss an die Reise ins Baltikum beschlossen Kriemhild und Günter, Günters alten Traum zu verwirklichen und Armenien zu besuchen. Armenien ist das Land, welches als erstes das Christentum als Staatsreligion einführte und gilt als das älteste christliche Land der Welt.
Im Frühjahr 2018 führten die beiden eine vorbereitende Erkundungsreise durch und begannen die Planung.
Da die Reisen grundsätzlich als Studienreisen durchgeführt werden, war auch diese mit allen Teilnehmern intensiv und gemeinsam vorzubereiten. Dazu wurden gesellige Gruppenabende im evangelischen Gemeindehaus Bochum Eppendorf durchgeführt. An diesen hielten jeweils zwei der Teilnehmer im Eigenstudium erarbeitete Vorträge zu Themen, die uns auf der Reise beschäftigen sollten. In der Pause wurden selbst zubereitete, leckere armenische Gerichte gereicht.
Zusätzlich fand sich ein Großteil der Reisegruppe zu einem Vorbereitungswochenende in der Ev. Bildungsstätte Haus Wiesengrund in Nürmbrecht-Überdorf und zu einem Sommerfest in Kriemhild und Günters Garten zusammen.
Über Ostern 2019 hielt Günter zwei Vorträge im Deutschlandfunk, deren Texte als Anhang in diesem Buch eingefügt sind. Die Vorträge können aber auch immer noch über das Internet gehört werden. Detaillierte Informationen zur Vorbereitung finden sich im Anhang.
Die Reise fand dann nach mehr als 9 Monaten Vorbereitung Anfang September 2019 endlich statt. Im Wechsel führten wir handschriftlich Tagebuch. Die Aufzeichnungen der Reiseteilnehmer sind Grundlage dieses Buches. Für die Bebilderung wurden viele 1000 Fotos gesichtet. So hat ein jeder einen Teil zur Entstehung dieses umfassenden Reiseberichtes beigetragen.
Im Anschluss an die Reise gab es als Nachbereitung mehrfache Wiedersehen mit Foto- und Filmschau, mit gemeinsamen Speisen und angeregten Gesprächen über die Erlebnisse. Im Rahmen zweier Lichtbildvorträge wurde in der Gemeinde auch Werbung für die nächste Reise nach gemacht. Geplant ist eine Tour durch Äthiopien.
Möge dieses Buch den Reisegefährten eine liebevolle Erinnerung sein und anderen Lesern spannende Einblicke in das Land und das Leben in Armenien geben.
Wir danken Günter und Kriemhild vielmals für all Ihre mühevolle Arbeit, für Ihre Geduld mit uns und für eine Zeit und eine Reise, die uns immer in wertvoller Erinnerung bleiben werden.
1. Tag: Samstag, 31.08.2019
Die Anreise und das verlorene Gepäck
von Gerd Louis
Da standen wir vor dem Terminal C des Düsseldorfer Flughafens. Mit Koffer und Handgepäck. Ringsherum fröhliche Menschen, die sich auf Urlaubstage in Antalya oder auf Mallorca freuten. Unser Ziel hingegen war ARMENIEN. Obwohl wir uns in den Vorbereitungsmonaten intensiv mit Essen und Trinken, mit Musik und Literatur, mit Geschichte und Politik auseinandergesetzt hatten, stiegen leichte Zweifel in mir auf, ob die Entscheidung glücklich war, in ein Land zu fahren, das 2018 auf dem Korruptionsindex von Transparency International mit Ländern wie Ägypten, Algerien und Brasilien den nicht gerade schmeichelhaften Platz 105 eingenommen hatte (Deutschland war immerhin auf Platz 11 gelandet.).
Wir gingen ins Flughafengebäude und sahen uns suchend um. Als ich die hohe Stirn unseres Reiseleiters erblickte, der von ein, zwei Dutzend uns bekannter Menschen mit erwartungsfrohen Gesichtern umringt war, setzte sich in meinem Inneren eine gewissermaßen diffuse Vorfreude durch.
Das Einchecken bei Aeroflot, der von unserem Reiseveranstalter ECC-Studienreisen favorisierten Fluglinie, verlief problemlos; Koffer und Handgepäck waren so leicht, dass auch dem Rückflug – gewichtsmäßig – nichts entgegenstehen konnte. Irritierend waren allerdings die Embleme auf den Uniformen des Aeroflot-Personals: Hammer und Sichel – „geflügelt“!
Fliegen wir mit einer russischen oder mit einer sowjetischen Airline? Obwohl ich mich Tage zuvor mittels Internet kundig gemacht hatte, dass Aeroflot die letzten sowjetischen Iljuschin-Maschinen im Jahre 2014 ausgemustert hatte und heutzutage ausschließlich mit Flugzeugen von Airbus und Boeing fliegt, kamen bei mir erneut Zweifel über die Zuverlässigkeit postsowjetischer Airlines auf.
Nach zweimaligem Wechsel des Abfluggates konnten wir mit erheblicher Verspätung an Bord des Airbus 320 nach Moskau gehen. Der Flug allerdings war angenehm und entspannend. Die Stewardessen waren freundlich und hilfsbereit, die Piloten landeten das Flugzeug sanft auf russischer Erde.
Durch den verspäteten Abflug in Düsseldorf war unser Zeitpolster für den Umstieg in die Maschine nach Jerewan schon bei der Landung in Moskau aufgebraucht. Glücklicherweise wurde unsere Gruppe von einer energischen Bodenstewardess empfangen. Diese zeigte uns den kürzesten Weg zum Abfluggate, trieb uns zu größtmöglicher Schnelligkeit und feuerte uns mit fröhlichen Worten an, die sich für mich wie "dawai, dawai" anhörten. Atemlos erreichten wir im Schweinsgalopp das Flugzeug – wiederum ein Airbus 320 – und konnten noch soeben in unsere Sitze sinken, bevor die Maschine zur Startbahn rollte.
Auch dieser Flug war unspektakulär. Die Piloten landeten den Airbus am Fuße des Ararats so sicher wie Noah seine Arche Jahre zuvor an nämlicher Stelle. Nachdem die Einreiseformalitäten erledigt waren, standen wir am Kofferband und mussten schließlich, nachdem das Band wieder zum Stillstand gekommen war, das feststellen, was etliche aus unserer Gruppe bereits in Düsseldorf gemutmaßt hatten: Passagiere wohlbehalten in Jerewan gelandet, Koffer in Moskau verschollen.
Und nun hatten wir die Erstbegegnung mit Armeniens postsowjetischer Bürokratie. Die Hoffnung der Reiseleitung, am Lost & Found Desk eine Sammelmeldung bezüglich des vermissten Gepäcks der Gruppe zu hinterlassen, zerschlug sich schnell: Frau für Frau und Mann für Mann mussten einzeln und nacheinander die Verlustmeldung schriftlich unter ausführlicher Beschreibung des Koffers abgeben.
Nach gefühlten zwei Stunden konnten wir endlich den Ankunftsbereich des Flughafen Jerewan verlassen und wurden in der Eingangshalle aufs freundlichste von Eduard Saroyan, Arminius Tours, dem örtlichen Partner von ECC-Studienreisen, empfangen. Unser Reisebus stand bereit und brachte uns – begleitet von Eduard – unverzüglich durch das abendliche Jerewan zum Ani Plaza Hotel, nach Eigenwerbung „the Biggest & One of the Best Hotels in Yerevan“.
2. Tag: Sonntag, 01.09.2019
Ein Tag in Jerewan und die Festung Erebuni
von Gerd Louis
Nach einer erquickenden Nachtruhe und einem landestypischen Frühstück ging es um Punkt 9 Uhr los – schließlich waren wir zu einer Studien- und nicht zu einer Urlaubsreise nach Armenien gekommen. Begrüßt wurden wir von Eduard und von unserer charmanten und, wie sich im Verlauf der Reise immer wieder beweisen sollte, äußerst kompetenten Reiseführerin Naira. Wir bestiegen unseren Bus, einen in die Jahre gekommenen chinesischen Higer Bus, und brachen zur Stadtrundfahrt auf. Erster Haltepunkt war der Platz der Republik, der im April 2018 während der sog. Samtenen Revolution ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit geriet.
Der heutige Platz der Republik ist der zentrale Platz Jerewans. Von 1924 bis zum Ende der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) 1991 hieß er Leninplatz. 1922 wurde Jerewan Hauptstadt der Armenischen SSR, und 1924 erhielt der Architekt Alexander Tamanjan den staatlichen Auftrag, seinen Generalbebauungsplan für Jerewan, das zu jener Zeit etwa 25.000 Einwohner hatte, umzusetzen.
Das verwinkelte historische Stadtzentrum Jerewans ordnete Tamanjan neu: Schnurgerade Prachtboulevards, großzügige Parks und ein System von Ringstraßen. Für die Umsetzung des neuen Straßenrasters wurde das historische Stadtbild radikal verändert. Was schön war und vom Erdbeben im 17. Jahrhundert übrig – Kirchen und Moscheen, Bäder und Basare, Karawansereien und die persische Festung – ersetzte er durch vier- bis fünfgeschossige neoklassizistische Gebäude aus rotem Tuffstein. Eine Stadt in Pink (für 250.000 Einwohner).
Um den Platz der Republik gruppierte Alexander Tamanjan mehrere repräsentative Bauten. Er selbst entwarf den nordwestlichen Teil des Regierungsgebäudes Nr. 1, den ehemaligen Sitz des Rates der Volkskommissare der ASSR; sein Sohn Gevorg Tamanjan vollendete dieses Gebäude Ende der 1930er Jahre. Die übrigen Gebäude wurden ebenfalls von namhaften armenischen Architekten zwischen 1950 und 1980 errichtet. Sie beherbergen Ministerien, das Hotel Armenia, die Nationalgalerie, das Historische Museum und die Zentralpost.
Wir setzten die Rundfahrt fort und erreichten ein Aussichtsplateau auf einem Hügel Jerewans in unmittelbarer Nachbarschaft zum Siegespark. [Im Siegespark steht die weithin sichtbare monumentale Statue der „Mutter Armenien“ (Höhe 24 m, Gesamthöhe inkl. Sockel 51 m).] Von dem Plateau sollten wir einen ausgezeichneten Blick auf das majestätische Ararat-Massiv haben, hätten nicht der große wie auch der kleine Ararat vorgezogen, ihre Häupter hinter einer Wolkenwand zu verstecken. So ließen wir unsere Blicke über Jerewan und die die Stadt umgebenden Hügel schweifen. Naira erläuterte uns, dass die Regierung der Armenischen SSR Mitte der 1960er Jahre ein gewaltiges Wohnungsbauprogramm in Angriff nahm, um die Einwohnerzahl Jerewans zu steigern. Bereits in den 1980er Jahren hatte die Zahl der Einwohner eine Million erreicht. 2009 lag die Einwohnerzahl mit rund 1,2 Millionen ungefähr so hoch wie 1988. Das Ergebnis sowjetischen Baubooms konnten wir mit eigenen Augen sehen: Alle Hügel ringsherum waren mit grauen gleichförmigen Wohnblocks aus normierten Platten überzogen. Ein trister Anblick.
Wir gingen über das Plateau bis zu einer Balustrade und blickten auf ein etwa 60 m x 80 m großes Ruinengelände, wobei man nicht erkennen konnte, ob es sich um das Kellergeschoss einer vor Jahren stillgelegten Baustelle oder um die Reste eines Gebäudeabbruchs handelte. [Bei der Tagesniederschrift fand ich den Hinweis, dass es sich um die Grundmauern eines geplanten, aber nicht ausgeführten Museumsneubaus handelt.] Hob man den Blick, sah man die Kaskade, eine monumentale Treppe aus Travertin, die zum Stadtbezirk Kentron hinabführt und eine Höhe von 118 m überwindet. Bereits Alexander Tamanjan hatte die Kaskade in seinem Generalbebauungsplan ausgewiesen. Der erste Abschnitt wurde jedoch erst in den 1970er Jahren gebaut, der zweite 30 Jahre später von 2002 bis 2009 mit armenisch-amerikanischen Geld ausgeführt.
Während unseres Aufenthaltes auf dem Aussichtsplateau blieb der Ararat weiterhin ungnädig und war nicht bereit, sich zu zeigen. Dennoch hellte sich unsere Stimmung auf. Dank moderner Kommunikationstechnik ereilte uns die Nachricht: Unsere in den Weiten des postsowjetischen Luftraums verschollenen Koffer sind in der Lobby des Ani Plaza Hotels gelandet! Reiseleitung und Reiseführerin schlugen vor, die Stadtrundfahrt zu unterbrechen, und das verlorene geglaubte Gepäck, wieder in Besitz zu nehmen. So fuhren wir um 10.50 Uhr zurück zu unserem Hotel und empfingen dort – dank Eduards Vermittlung – auf unbürokratische Art und Weise ohne Vorlage von Pässen oder Passkopien unsere Koffer (bis auf einen, der kam später!).
Nach einer Erfrischungspause setzten wir unsere Stadtbesichtigung zu Fuß fort und gingen wenige Meter bis zu dem von 2009 bis 2015 errichteten St. Anna-Kirchenkomplex, um die Möglichkeit zu haben, Eindrücke von einem armenischen Sonntagsgottesdienst zu gewinnen. Der Kirchenkomplex besteht aus der 2015 durch den Katholikos Karekin II. konsekrierten St. Anna-Kirche, der kleinen mittelalterlichen Katoghike-Kirche und der Jerewaner Residenz des Katholikos von Etschmiadsin. Geldgeber für die Neubauten ist die Stiftung eines armenisch-amerikanischen Unternehmers. Nach dem großen Erdbeben von 1679 wurde neben die kleine, aus dem Jahre 1264 stammende Kirche der Heiligen Muttergottes Katoghike eine große kuppellose dreischiffige Basilika der Heiligen Muttergottes gebaut, die als eine der größten Kirchen Jerewans galt. 1936 wurde die Basilika auf Weisung der sowjetischen Behörden abgerissen, um Platz für neue Wohngebäude an der Sajat-Nova-Allee zu schaffen. Während des Abrisses kam die alte Katoghike-Kirche wieder zum Vorschein. Proteste von Archäologen verhinderten die Beendigung der Abrissarbeiten, so dass wenigstens die kleine mittelalterliche Kirche erhalten blieb.
Um 12.30 Uhr setzten wir die Stadtrundfahrt fort. Wir fuhren über die breiten Boulevards aus den 1920er und 1930er Jahren und genossen den Blick auf zahlreiche Park- und Brunnenanlagen. Vorbei an den unscheinbaren Zugängen des persischen Marktes, wo geringwertige Importprodukte aus dem Iran verkauft werden, und dem Jerewaner Hauptbahnhof, der im Stile des sowjetischen Neoklassizismus („Zuckerbäckerstil“) in den 1950er Jahren errichtet worden war und vor dem seit 1959 eine Reiterstatue des legendären David von Sasun steht, ging es zu der urartäischen Keimzelle Jerewans, der Festung Erebuni.
Zunächst besichtigten wir das Erebuni-Museum. Dieses wurde 1968 zur 2750-Jahr-Feier Jerewans am Fuße des Hügels eröffnet, auf dem 782 v. Chr., also 3 Jahrzehnte vor der Gründung Roms, die Festung Erebuni erbaut wurde. Anschließend fuhren wir zur Festung hinauf und wanderten im strahlenden Sonnenschein unter Anleitung unserer Reiseführerin durch die Überreste der Bauten. Die erste Phase der Ausgrabungen begann hier 1950, nachdem ein Bauer eine beschriftete Steintafel ausgebuddelt hatte. Archäologen kamen und fanden bald eine große Keilschriftplatte mit einer Inschrift des urartäischen Königs Argishti I., die das Datum des Baus der Festung offenbarte. Sie entdeckten die Relikte von Höfen, Hallen, Tempeln und Räumen, die Teil des königlichen Palastes waren. Dutzende von urartäischen und achämenidischen Artefakten und Wandfragmenten wurden ebenfalls gefunden, von denen viele heute im Museum ausgestellt sind.
Die ausgegrabenen Festungsanlagen waren auf sowjetische Weise mit viel Beton für die Nachwelt gesichert worden, sie vermittelten allerdings nicht mehr den Eindruck eines Reliktes aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend. In einer rekonstruierten offenen Halle, deren Dach wohltuenden Schatten spendete, hielten wir unsere Tagesandacht.
Danach setzten wir unsere Stadtrundfahrt fort. Bewunderung zollten wir unserem Busfahrer, der bei der Abfahrt von dem Festungshügel den Bus durch enge Straßen, die zudem durch zum Verkauf angebotene Gebrauchtwagen eines privaten Automarktes zugeparkt waren, steuern musste. Wir erreichten wieder die Innenstadt und fuhren an der Deutschen Botschaft vorbei, was Reiseführerin Naira zu dem bemerkenswerten Satz veranlasste: „Die Armenier halten die Deutschen für ein bescheidenes Volk!“ Dem wollten und konnten wir nichts entgegensetzen. Kurz danach hielten wir für eine späte Mittagspause vor dem Gartenhof am Fuß der Kaskade. Dieser Platz vermittelte eine fast mediterrane Stimmung. Fröhliches Stimmengewirr klang aus den zahlreichen Restaurants und Cafés, und der Duft von frischem Kaffee stieg uns in die Nase, als wir uns auf der Terrasse eines kleinen Lokals an einem schattigen Tisch niederließen – mit Blick auf die zahlreichen Skulpturen, die den Platz zu einem Freilichtmuseum machen. Gern hätten wir hier länger verweilt, der Zeitplan und die Reiseleitung ließen das jedoch nicht zu.
Das nächste Ziel, das Historische Museum für Armenien am Platz der Republik, erreichten wir um 16.40 Uhr. Im Museum war man schon in heller Aufregung, da man sonntags um 17 Uhr schließt. Dem diplomatischen Geschick von Naira und Eduard war es zu verdanken, dass unsere kompetente und hervorragend deutsch sprechende Museumsführerin sowie die Damen des Aufsichtspersonals ihren sicherlich verdienten Feierabend hinausschoben und wir trotz einer gewissen Eile einen sehr guten Eindruck von den ausgestellten Artefakten der armenischen Vor- und Frühgeschichte mitnahmen.
Nach dem Museumsbesuch kehrten wir mehr oder minder erschöpft zum Hotel zurück. Das Tagesprogramm war jedoch noch nicht zu Ende. Nach kurzer Erfrischungspause gingen wir unter Führung von Eduard gefühlte ein, zwei, drei Kilometer zu einem landestypischen Restaurant, wo Eduard für uns einen armenischen Abend mit typischem armenischen Essen und zu unserer großen Überraschung mit typischer armenischer Musikbegleitung organisiert hatte. Das Essen war sehr schmackhaft und wurde mit großer Herzlichkeit serviert. Manche Speisen erkannten wir wieder, da wir sie bereits bei unserer Reisevorbereitung genossen hatten, wobei anzumerken bleibt, dass diese jetzt vielleicht etwas armenischer schmeckten.
Die vier Musiker, die zu Tisch aufspielten, musizierten auf den typischen vorderorientalischen Instrumenten. Der erste blies die Duduk, die armenische Oboe, die schon in vorchristlicher Zeit im armenischen Hochland bekannt war. Der zweite zupfte und schlug die Tar, ein lautenähnliches Saiteninstrument mit einem Korpus, der an den einer Gitarre erinnerte, und einem Resonanzboden aus Fischhaut. Der dritte strich die Kamanche, eine Spießgeige. Die klassische kaukasische und iranische Kamanche besitzt einen kugeligen Körper aus Holz. Der Steg liegt auf einem kreisförmigen Resonanzboden aus Fischhaut, und der runde Hals ist an einem Spieß fixiert, der durch den Korpus verläuft und als Stütze für das Instrument dient. Während des Spiels hält der Spieler das Instrument vertikal auf seinem Knie. Den Rhythmus gab der vierte Musiker vor: Er schlug mit Fingern und Handflächen die Dhol, eine zylindrische Doppelfelltrommel. Die Musik vermittelte wahrscheinlich nicht nur mir, sondern den meisten Mitreisenden ein ganz neues Hörgefühl. Ich empfand die Melodien des vierköpfigen Ensembles zunächst einmal als laut und höchst orientalisch –quäkend und schrill. Doch nachdem jeder der vier jungen Musiker mit einem Solo sein Instrument vorgestellt hatte, schien mir die Musik melodischer und eingängiger, so dass ich „letztendlich“ bedauerte, dass die Musiker nach mehreren Zugaben ihre Instrumente einpackten.
Der Abend war fortgeschritten, und so langsam machte sich die Müdigkeit bemerkbar. Wir brachen auf. Auf den Straßen herrschte noch ein reges Treiben. Da ich in jungen Jahren als Pfadfinder immer den Pfad gefunden hatte, glaubte ich, in Richtung Hotel vorangehen zu können. Ich will jedoch nicht lange herumreden: Ich verlief mich. Zum Glück brachten mich einige Damen unserer Reisegruppe wieder auf den rechten Weg zum Hotel, so dass einer erholsamen Nachtruhe nach einem ereignisreichen Tag nichts mehr im Wege stand.
3. Tag: Montag, 02.09.2019
Die Khasacher Basilika in Aparan,
das Festkalender Haus in Bjurakan
und die Festung Amberd
Von Eberhard von der Höhe
Nach einem ausgiebigen Frühstück startet unsere Reisegesellschaft pünktlich gegen 9 Uhr von Jerewan aus nach Norden. Zuerst durch die wohl immer übervollen Straßen der Hauptstadt, in der fast jeder dritte Einwohner Armeniens lebt. Vorbei an Regierungsgebäuden und Botschaften, kommen wir nur langsam voran.
Das Stadtbild hat sich besonders in den Vororten chaotisch und unkontrolliert seit den 50er Jahren entwickelt. Das alte Jerewan mit seinen typischen Häusern und alten Balkonen ist fast verschwunden und heute dominieren Hochhäuser sowjetischer Einheitsbauart im Stadtbild. In der Stadtmitte sind aber auch noch schöne alte Häuser mit wunderschönen Torbögen, großen Fenstern und hölzernen Balkonen zu sehen. In allen neuen Stadtteilen stehen hingegen geistlose Hochhäuser sowjetischer Bauart.
Wir verlassen allmählich Jerewan und die Ararat-Ebene, fahren am Ostrand des Aragats-Massivs entlang, sehen vor uns das „Denkmal des armenischen Alphabets“, die 39 Buchstaben in rotem und schwarzem Tuffstein, zur 1600-Jahr-Feier (2005) genau auf 1600 m Höhe errichtet, dahinter der Aragats, der höchste Berg Armeniens (4095 m). Nach gut einer Stunde Fahrt erreichen wir unser erstes Ziel, die kleine Stadt Aparan, inmitten einer weiten grünen Hochebene. Die Stadt der „armenischen Ostfriesen“ ist als eine der ältesten Städte des Landes bekannt. Sie liegt am Fluss Khasach und versorgt Jerewan mit (hier noch!) frischem Quellwasser. Aparan war die Sommerresidenz der vorchristlichen, armenischen Könige.
Dort besuchen wir die bekannte Khasacher Basilika, welche sich im Ortszentrum von Aparan befindet. Sie zählt zu den ältesten sakralen Bauwerken Armeniens und stammt aus dem 4. Jhdt. In den letzten Jahren wurde sie restauriert. Die Basilika ist eine riesige Kirche, an die sich im Laufe der Jahre die kleinen Dorfhäuschen angeschmiegt haben. Das mindert ein wenig die Pracht des alten Gotteshauses aus dem 4. Jhdt. Die Anwohner haben die Basilika in eine Muttergotteskirche umbenannt (ursprünglich dem „heiligen Kreuz“ = „surb chatsch“ geweiht). Laut unserer Reiseleiterin Naira ist die Basilika die einzige Kirche, welche in Aparan auch zur Sowjetzeit besucht worden ist und auch heute noch als Kirche dient.
Vor der Kirche erklärt sie uns im Sonnenschein noch einmal die besondere geographische und geotektonische Lage Armeniens zwischen der afrikanischen und der europäisch-asiatischen Platte, die zur vulkanischen Auffaltung des Gebirges im Südkaukasus führt. Die Vulkane, in der Mythologie feuerspeiende Drachen, zeigten zuletzt 1988 nördlich von Aparan ihr schreckliches Gesicht: Ein großes Erdbeben, das 25.000 Menschen das Leben kostete und 600.000 Menschen obdachlos machte.
Kriemhild & Günter hatten uns schon bei der Vorbereitung den Mund wässrig gemacht auf eine ganz andere Sehenswürdigkeit, die Bäcker von Aparan. Da sehen wir in der Gntunik Bakery & Supermarket sportliche junge Männer, die das berühmte Lawash-Brot - akrobatisch sich stürzend – an die Wand der Tonöfen (Tonir) klatschen und rechtzeitig wieder herausholen, nachdem die Fladenbrote von Frauen vorbereitet worden sind. Daneben ein überwältigendes Angebot an gewaltigen Hochzeitstorten und Backwaren aller Art (herzhaft oder süß gefüllt), darunter auch Gata, sozusagen die armenische Zimtschnecke. Da wird die Kaffeepause zum Erlebnis.
Für uns geht es wieder mit dem Bus zurück in Richtung Südwesten in das Dorf Bjurakan. Die Besichtigung des 1946 gegründeten weltberühmten Observatoriums ist leider nicht möglich. Dafür erwarten uns schon auf der Dorfstraße vier Frauen in farbenfrohen Gewändern und laden uns singend ein in ihr „Festkalender-Haus“, eine Initiative einer armenischen Cellistin zum Erhalt der traditionellen Folklore auf dem Land.
Hier erleben wir nicht nur alte Lieder und Tänze rund um das gerade zurückliegende Fest „Mariä Himmelfahrt“ (15.8.) und die Feier der „Traubenlese“, sondern werden ebenso einbezogen in die Herstellung von Mehl und Butter (bauch- und babyfreundlich zu zweit geschaukelt). Das sich anschließende traditionelle Mittagessen speist uns aus einem riesigen Kürbis.
Kaffee oder Tee werden serviert, dazu „armenische Schokolade“, die keine Schokolade ist, zu der vorab Günter von der wundervoll liebreizenden Dame des Hauses verführt wird und sich ergriffen mit einem Kuss auf die Wangen bedankt. Die Zeit vergeht wie im Flug, wir haben doch noch zwei Ziele für heute vor uns.
Durch die typisch armenische Bergland-schaft am Südhang des Aragats windet sich die Straße in endlosen Serpentinen. Die Landschaft wird immer karger und plötzlich auf 2000 m Seehöhe angelangt erscheinen mit der schnee-bedeckten Spitze des Ararat im Hintergrund wie ein Schatten eine mächtige Festungs-mauer und die Umrisse einer kleinen Muttergottes-Kirche (1026) die Festung Amberd, die wie aus einem Adlerhorst den Blick auf die Ararat-Ebene in der Ferne öffnet. Leider hat es inzwischen zu regnen begonnen – und es ist kühl. Gut, dass wir unsere Anoraks parat haben. Wir steigen vom Parkplatz mit einem kleinen Kiosk vorsichtig viele in Stein gehauene Treppen zur Festung hinab, bewundern die hohen Mauern der Zitadelle und den atemberaubenden Ausblick in alle Richtungen, bis wir schließlich zu der Kirche auf einem Felsvorsprung gelangen, wo wir unsere tägliche Andacht halten.
Es ist später geworden, als wir geplant hatten, es geht zurück nach Jerewan, wo uns ja noch der flüssige „Ararat“ erwartet. Eduard hat es noch hingekriegt, dass wir eigentlich nach Ladenschluss noch die Cognac-Fabrik betreten konnten, die in einem riesigen roten Tuffstein-Gebäude residiert – direkt oberhalb der von deutschen Kriegsgefangenen 1945 gebauten Siegesbrücke.
Dort wurde uns der Werdegang dieses alkoholischen Getränkes erklärt, dazu die unvermeidliche Kostprobe des „Armenian Brandy“, dem neben einigen Kostverächtern andere lebhaft zusprachen und sich eindeckten, auch wenn die Limited Edition Charles Aznavour zu kostspielig war.
Günter wurde zum Abschluss der Prozedur noch gebeten, sich in den riesigen Sonnenkranz aus Kognak-Flaschen zu platzieren. Ergebnis eine alkoholische Mithras-Inkarnation der eigenen Art. Außerdem wird erzählt. Bei der Konferenz von Jalta im Februar 1945 habe Winston Churchill diesen Cognac kennengelernt und sei von diesem Getränk im Gefolge des Winzers Noah (1.Mose 9,20ff) „so amused“, dass Stalin ihm jährlich 365 Flaschen nach London geschickt habe…
Die fröhliche Rückfahrt nach einem langen Tag wurde außerdem noch gekrönt, denn zu allem Glück war dann am Abend auch Annettes Koffer endlich da! Da konnten wir bei einem kleinen Imbiss in der Bar von da an fast täglich am Abend mit dieser Medizin anstoßen, offen blieb nur die Frage 3 oder 5 Jahre alt oder…
4. Tag: Dienstag, 3.9.19
Kathedrale Zvartnotz, Kirche der Hl. Hripsime Klosterkomplex Etschmiadsin
Von Gabriele & Manfred Raasch
Geburtstag, der erste dieser Reise, Peter wird 75.
Unfall am Morgen, Gertraude fällt bei einem Sprint zum Aufzug hin. Alles kein Problem, wir haben ja Krankenschwester Sabine dabei. Wir ziehen um, wir verlassen Jerewan. Und die Koffer, wo sind sie? Darum müssen wir uns nicht kümmern. Das Hotelpersonal verfrachtet sie bis in den Bus, wohlgemerkt vom Zimmer bis in den Bus; toller Service. Die ersten haben am Morgen den Ararat schon aus dem Hotelfenster gesehen, es gibt ihn also doch – obwohl, jetzt, bei schönem Wetter sieht man ihn von fast überall.
Der Bus rollt wieder, diesmal ist kein Stau in der Stadt. Wir fahren nach Etschmiadsin, so heißt die Stadt im Prinzip, aber seit der Unabhängigkeit heißt sie eigentlich wieder Wagharschapat. Und wieder eine Fülle von neuen Erklärungen und Informationen, die wir uns nicht merken können. Doch etwas haben wir uns gemerkt, einen Merksatz für die Armenier, beim Blick auf die Botschaft der USA haben wir ihn aufgeschnappt: „Die Optimisten lernen Englisch, die Pessimisten lernen Russisch, die Realisten Chinesisch.“ Wir sind immer noch in Jerewan. Am Ende der Stadt, am Rande der Straße die Häuser der Armen, kleine Häuser mit Wellblechdach und immer wieder Bauruinen.
Wir biegen von der „Schnellstraße“ ab nach Zvartnotz. An der großen Toreinfahrt, dem Zugang zu den Ruinen der einstigen monumentalen Rundkirche von Zvartnotz eine Frau, die mit dem Handfeger die lange Zufahrt zu den Ruinen fegt. Die Ruinen, das Bild von unserem Armenien-Info 1 wird Realität:
Wir hören Erklärungen aus dem Reiseführer und von unserer Reiseführerin Naira. Sie weiß einfach (fast) alles: „Katholikos Nerses III ließ die Kathedrale in der Mitte des 7. Jh. über der Stelle errichten, an der einst Gregor der Erleuchter (er begegnet uns noch öfter) den armenischen König von seiner Krankheit erlöst hatte, der ihm aus der nahen Hauptstadt entgegengezogen war. Archäologische Grabungen belegen allerdings eine kultische Verehrung an diesem Ort schon Jahrhunderte zuvor.“
Wir sehen nur Steine und nochmals Steine und natürlich ein Museum dazu (mit einem aufklappbaren Modell der Kirche, Vorbild für die Hagia Sophia in Istanbul). Es geht natürlich um Steine, nein, zunächst einmal um Kreuzkirchen und Kuppelkirchen, Kreuz innen, Kreuz außen. Es sind gleichschenklige Kreuze, so ähnlich wie das Kirchentagskreuz. Das Zentrum ist die Gemeinde. Im Prinzip ist das schon alles. Alle Kirchen in Armenien sehen so aus, die alten und die neuen. Im Prinzip bekommen wir noch eine weitere Einführung zu den Kreuzsteinen. Michael dreht den Gashahn zu, nicht wirklich, aber es sieht so aus. Hier liegen alle Gasleitungen oberirdisch, sozusagen über unseren Köpfen. Es gibt sie an allen möglichen und unmöglichen Orten. Überall scheint Gas zu strömen.
Zum Abschluss des Besuchs ein erster Versuch eines Gruppenfotos vor den Ruinen, natürlich der Ararat im Hintergrund, Postkartenidylle. Im Prinzip hat es auch funktioniert, aber wir sind nicht vollzählig. Ihr seht es auf Seite 7.